Theaterstück über Amoklauf an Schule

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Nach der Aufführung diskutieren die Schauspieler mit den Schülern im Festsaal Riesei.

Werdohl - „Ihr habt es in der Hand“, sagt Marcel Gewehr. Ein paar wenige Schüler im Festsaal Riesei nicken. Dann entsteht ein spontaner Applaus, in welchen nach und nach alle einstimmen: Ein beeindruckender Moment.

Marcel Gewehr ist Schauspieler. Mit drei Kollegen vom Wittener Tourneetheater hat er soeben das Stück „Todesengel“ aufgeführt. Es handelt von einem Amoklauf an einer fiktiven Schule.

Im Anschluss diskutieren die Akteure mit den Schülern in dem zu zwei Dritteln gefüllten Festsaal, sammeln Vorschläge der Mädchen und Jungen, wie denn das Klima im Schulalltag verbessert werden könne: Bei Fällen von Mobbing dazwischen gehen, den anderen verstehen wollen und miteinander reden. Und dann sagt Marcel Gewehr: „Ihr habt es in der Hand.“ Ein gutes Schlusswort. Damit geht ein aufwühlender Vormittag zu Ende.

Anderthalb Stunden zuvor steht die rothaarige Sonni Maier alleine auf der Bühne. Gottes Stimme – gesprochen von Benjamin Stoll – teilt der von Maier gespielten Mia mit, dass sie soeben bei einem Amoklauf an ihrer Schule getötet worden sei. Außer ihr habe es noch weitere elf Schulkameraden, zwei Lehrer und den Täter selbst erwischt.

Doch Gott gibt Mia eine zweite Chance, schickt sie 24 Stunden zurück in die Vergangenheit. Mit gibt er ihr den schwarzen Ledermantel des Amokläufers und den Rat, genau hinzusehen.

Drei Mitschüler nimmt Mia unter Verdacht: den langhaarigen Death-Metal- und Computerspiel-Fan Hendrik (gespielt von Tobias Vorberg), Außenseiter Sandro (Marcel Gewehr) und die rüpelhafte Hülya (Lydia Gewehr). In jedem steckt ein möglicher Täter. Und doch traut es Mia keinem wirklich zu. Letztlich ist es Sandro.

Die Schüler im Saal verfolgen das Geschehen ruhig, nur in den kurzen Umbaupausen diskutieren sie flüsternd. Mal lachen sie über einige Dialoge, mal entsteht gespenstische Stille.

Die vier Schauspieler springen zum Schluss des Stücks plötzlich auch von der Bühne, rennen durch den Saal und verstärken so die Wirkung ihres Spiels, als die dramatischen Ereignisse der Handlung sich zuspitzen.

Am Ende zieht sich Mia den Mantel des Täters an, wird von der Polizei erschossen und bleibt einziges Opfer, rettet 14 andere. Die Zuschauer interpretieren mit den Akteuren auf der Bühne diesen Schluss. Und Sonni Maier gesteht, dass auch die Schauspieler untereinander nicht einig seien, wie dieses Ende zu deuten sei.

Nach der Aufführung erzählt Maier zudem, dass sie 1999 nach dem Amoklauf an der Columbine High School in Littleton als 17-Jährige dieses Theaterstück – zunächst als Kurzgeschichte – schrieb. Diese wurde seinerzeit in ihrer Schülerzeitung abgedruckt und sorgte für einen handfesten Skandal: „Ich wurde zum Direktor zitiert und musste auf seinen Druck hin ein Statement schreiben, dass ich keinen Amoklauf plane“, erinnert sich die Schauspielerin.

Hauptschulleiter Thomas Lammers erklärt dann auf Nachfrage, dass es auch an Werdohler Schulen einen Notfallplan für den Fall der Fälle gebe: „Ihr müsst Euch keine Sorgen machen. Eure Lehrer wissen genau, was dann zu tun ist.“

Vor der Aufführung hatte Stadtjugendpfleger Michael Tauscher, der in seiner Funktion auch zuständig ist für Gewaltprävention, auch Bürgermeisterin Silvia Voßloh, die im Publikum saß, begrüßt.

Von Michael Koll

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