Türken in Werdohl: Viele stehen zu Erdogan

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Gülcihan und Osman Bulut mit ihren Töchter Ebru (links) und Kübra (2. v. r.) sowie der Ütterlingser Quartiersmanagerin Silke Kreikebaum (rechts): Gemeinsam diskutierten sie kontrovers über die aktuelle politische Situation in der Türkei.

Werdohl - Seit dem Putschversuch in seiner Heimat werde Osman Bulut bei der Arbeit oft von Kollegen auf die Poltik des türkischen Präsidenten Erdogan angesprochen: „Sie sprechen oft zu dritt auf mich ein: Der eine von der FDP habe dies gesagt – und der von der CDU jenes“, schildert Bulut. „Ich frage dann immer: ,Ja, habt Ihr denn keine eigene Meinung?’.“

Der 50-jährige Bulut kam 1974 nach Deutschland. „Ich habe zwar die türkische Staatsangehörigkeit, doch bin hier zur Grundschule gegangen. Ich bin mehr Europäer als Türke“, sagt er. Die Religion habe für den Moslem keinen besonderen Stellenwert und auch für Politik interessiere er sich nicht besonders.

„Ich bin kein glühender Erdogan-Anhänger. Und was ich höre, kann ich glauben – muss es aber nicht. Doch was ich mit eigenen Augen sehe, kann ich ja nicht leugnen“, betont Bulut. Seine Tochter Küpra schildert dann, wie die ganze Familie vor dem Fernseher live den Putschversuch verfolgt hat. „Wir waren schockiert“, erinnert sie sich. Und mit Verwandten in der Türkei hätten sie hin- und hergeschrieben.

Osman Bulut aber sagt klar: „Für mich war das kein Putsch, sondern ein Terroranschlag.“ Er habe zwar davon gehört, dass der Putschversuch eine Inszenierung Erdogans gewesen sein soll. Der Präsident soll damit versucht haben, beim Volk besser dazustehen. Das aber glaubt der Werdohler nicht: „Nein, das war echt. Ich habe doch gesehen, wie dort geschossen wurde.“ Tochter Küpra bestätigt: „Unsere Verwandten haben uns das auch geschrieben.“

Gleichwohl berichtet ihr Vater davon: „70 bis 80 Prozent der in Deutschland lebenden Türken stehen zu Erdogan – nach dem Putschversuch noch viel mehr als zuvor.“ Seine 40-jährige Frau Gülcihan ergänzt: „Auch viele, die vorher Fethullah-Anhänger waren, haben durch den Putschversuch ihre Meinung geändert.“

Fetullah Gülen war einst ein Freund des türkischen Präsidenten. Osman Bulut erklärt: „Fethullah hat staatlich anerkannte Schulen eingerichtet, die Erdogan nutzte, um dort Funktionäre auszubilden, die später die Amtsinhaber, die Verräter am türkischen Volk waren, ersetzen sollten. Erdogan hat die faulen Eier aussortiert.“

Nachdem die Schulen dann nicht mehr gebraucht und geschlossen worden seien, habe sich aber Gülen gegen Erdogan gestellt. „Mittlerweile ist Fetullah ein Terrorist. Doch die Amerikaner unterstützen ihn mit allen Mitteln. Dabei steckt er hinter dem Putschversuch“, ist Bulut sich sicher.

„Sie wollen uns doch nur kleinhalten“

Die Regierung Erdogan habe überwiegend Positives fürs Volk bewirkt, die Demokratie aufgebaut und für Meinungsfreiheit gesorgt, bilanziert Bulut. „Deshalb haben sich die Menschen auch gegen die Putschisten gestellt: Erdogan-Gegner und seine Anhänger Hand in Hand miteinander.“ Wenn Bulut seine Heimat besuche, stelle er fest: „Die Menschen fühlen sich heute viel sicherer als früher. Die Demokratie in der Türkei ist viel stärker als in Deutschland.“ Das Land sei wirtschaftlich im Aufschwung. Und genau das sei dem Rest der Welt ein Dorn im Auge: „Sie wollen uns doch nur kleinhalten.“

Bulut klagt an: „Wenn in Frankreich der Ausnahmezustand ein ums andere Mal verlängert wird, spricht hier in Deutschland niemand darüber. Aber wenn das Erdogan macht, dann ist er gleich ein Diktator.“

Für den türkischen Präsidenten auf die Straße ging der 50-Jährige dennoch nicht: „Ich bin gelernter Maschinenbauer, arbeite auf Montage. Ich bin froh, wenn ich Wochenende habe. Da muss ich nicht auch noch demonstrieren.“ Zudem hätten Demos in Deutschland seiner Ansicht nach sowieso viel weniger Effekt als solche in der Türkei. „Andererseits finde ich sie wieder gut, zeigen sie doch den Zusammenhalt der Türken.“

Er greift die deutschen Medien an: „Die Bild-Zeitung klärt über die Hintergründe nicht auf. In Deutschland sollen die Leute doch bloß funktionieren.“ Positive Meldungen aus der Türkei würden doch nie geschrieben, „etwa, dass die Menschen in der Nacht des Putschversuches die Demokratie beschützt haben“.

„Recep Tayyip Erdogan ist sicher kein Engel“

Bulut unterstreicht: „Die wollten uns mit Gewalt die Freiheit wegnehmen. Doch das türkische Volk ist wach geworden, will sich nicht mehr wie Marionetten behandeln lassen.“ Seine Frau fragt: „Warum war denn kein deutscher Politiker jetzt in der Türkei, um Solidarität zum türkischen Volk zu demonstrieren?“

Er bleibt skeptisch: „Erdogan ist kein Engel. Nicht alles, was er macht, ist richtig. Die Todesstrafe etwa ist das Letzte. Aber Erdogan ist auch kein Hitler.“ Doch habe Erdogan „viel Geld in die Bildung gesteckt“. Bulut findet: „Das war klug.“ Dann blickt er in der Geschichte zurück und kommt zu dem Urteil: „Es hat der Türkei aber immer gut getan, wenn eine Regierung allein regieren konnte, so wie jetzt.“ Vorher hätten immer „Parallel-Regierungen“ existiert und das Sagen gehabt.

Die westlichen Länder wollten „nur Unruhe in die Türkei bringen“. Vom Westen aus würden „Terroristen wie die PKK, die IS und die Taliban“ finanziert. „Das sind doch alles bezahlte Söldnertruppen.“ Bulut stellt fest: „Es geht dabei gar nicht um Merkel, Erdogan oder Obama – es geht um viel mehr: Es geht um die Weltherrschaft.“

„Religion hat nichts mit Politik zu tun“

Warum mischten sich überhaupt Deutsche in die Innenpolitik der Türkei ein?, fragt Osman Bulut? Und warum heiße es bei Terroranschlägen stets: „Das waren Islamisten.“ Der 50-Jährige berichtet: „Viele Deutsche hassen den Islam schon. Aber Religion hat doch mit Politik nichts zu tun.“

Die Ütterlingser Quartiersmanagerin Silke Kreikebaum, eine Freundin der Familie Bulut, greift den Gedanken auf: „Wir sind doch alle dumm, wenn wir nicht fragen: Wo liegen unsere gemeinsamen Interessen?“

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