Werdohler Hauptschule läuft in vier Wochen aus

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Der Kapitän verlässt das sinkende Schiff zuletzt: Schulleiter Thomas Lammers arbeitet nur noch wenige Stunden pro Woche in der Hauptschule. In vier Wochen werden die letzten Zeugnisse für den Abschlussjahrgang ausgegeben, dann ist Schluss. Foto: Heyn

Werdohl - In vier Wochen werden die Abschlusszeugnisse an die letzten 26 Abgänger der Erich-Kästner-Hauptschule übergeben, dann ist für diese Schulform Schluss. Eine Abschiedsfeier wird es nicht mehr geben, schließlich gibt es auch nichts zu feiern. Einige Neuntklässler werden in Plettenberg weiter zur Schule gehen, für alle Lehrer gibt es weiterführende Anstellungen. Das war es dann, das Ende des dreigliedrigen Schulsystems in Werdohl.

Es ist sehr ruhig in dem modernsten Schulgebäude der ganzen Stadt. Die Zehntklässler haben ihre zentralen Abschlussprüfungen bereits hinter sich und verbringen die restliche Zeit in der Schule. Richtigen Unterricht gibt es noch für die 18 Neuntklässler. Zwölf der 18 gehen nach dem Sommer zur Zeppelin-Hauptschule in Plettenberg, sechs wollen Berufskollegs besuchen. Das Lehrerkollegium besteht aus fünf Männern und Frauen. Schulsekretärin Marion Limp-Broscheit ist für fünf Stunden die Woche von der Stadtbücherei abkommandiert. Schulleiter Thomas Lammers hat nur noch wenige Stunden pro Woche auf dem Riesei zu tun, er ist jetzt Leiter der Hauptschule am Stadtpark in Lüdenscheid mit 460 Jungen und Mädchen.

Der Werdohler Thomas Lammers, 56 Jahre alt, ist Hauptschule in Person. „Ich habe damals selbst die Hauptschule Stadtmitte, die frühere Weiße Schule und heutige katholische Grundschule, besucht.“ Später wollte er selber Lehrer werden, Hauptschullehrer, das war irgendwie keine Frage für ihn. Als er viele Jahre später tatsächlich Leiter der Hauptschule am Riesei wurde, war er auch Chef seiner früheren Klassenlehrerin Anneliese Schweizer. Die bat ihn auch mal beiseite, wenn er mit einem Schüler vermeintlich zu streng gewesen sei: „Das sagt hier gerade der Richtige...“

Strenge scheint nie die Art seiner Pädagogik gewesen zu sein. „Empathie ist das Zauberwort“, sagt Lammers. In der jedes Jahr kleiner werdenden Schule sei es zuletzt wie in einer Dorfschule gewesen. „Die Kinder kamen mit nahezu jedem Problem zu uns, wir kriegen alles mit, auch aus den Familien.“ Pädagogisch seien er und sein Mini-Kollegium „ganz nah dran“ gewesen. Lammers hat zuletzt alles gemacht: Hausmeister, Sekretär, Lehrer, Vertrauensperson.

Lammers hat beruflich einen verlässlich dienenden Charakter, stets wurde er berufen, wenn er im System Hauptschule gebraucht wurde. In den 1980er Jahren studierte er Deutsch und Geschichte auf Lehramt, sein Referendariat absolvierte er an der Real- und Hauptschule Finnentrop. Mit den Fächern fand er damals keine Anstellung. Aus seiner Zeit als Zivildienstleistender an der Werdohler Feuer- und Rettungswache war er beim städtischen Ordnungsamt bekannt. Auf diesem Wege sattelte er um, machte Verwaltungslehrgänge und wurde bei der Stadt Werdohl angestellt. Im März 2002 fragte ihn der damalige Schulleiter Erfkamp, ob er sich vorstellen könne, an der Hauptschule als Lehrer arbeiten zu können. „Das wollte ich natürlich sehr gerne, das hatte ich ja studiert“, freut sich Lammers noch heute. Nach neun Jahren folgte er in der Schulleitung auf Silke Neubeck, die nach Dortmund gegangen war. Lammers absolvierte die Ausbildung zur Schulleitung und übernahm am 10. Mai 2011 den Rektorstuhl am Riesei. Das ist fast auf den Tag genau fünf Jahre her. Damals kam schon keine fünfte Eingangsklasse mehr zustande. „Das war dann unser Ende,“ weiß er heute. Die fünf Jahre haben er und sein Kollegium mit vollem Engagement und Herzblut zum Ende gebracht. „Die Kinder können ja nichts dafür, sie haben ein Recht darauf, bestens beschult zu werden.“ Der „Laden“ laufe bis heute einwandfrei, so Lammers. Jetzt sei aber wirklich die Luft raus, viel zu wenige Leute in dem großen Gebäude. Weggefährten wie Kollege Jan Veenboer, der gebürtige Amsterdamer aus Kleinhammer, sind vor kurzem in Pension gegangen. Für alle Kollegen und auch für ihn sei durch Schulrat Winfried Becker tadellos gesorgt worden. Und so bekam Lammers im Februar überraschend den Anruf: „Ich brauche Sie, können Sie morgen die Leitung der Hauptschule am Stadtpark in Lüdenscheid übernehmen?“ Der Legende nach fiel die Antwort so aus: „Nee, morgen geht nicht, aber übermorgen.“

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