Altes Haus erzählt von reger Geschäftstätigkeit

Liesel Aufermann (l.) und Ilse Kölsche haben eine Zeitlang in dem Haus gelebt, das einst Uhrmacherei, Tabakwarenladen, Friseursalon, Blumengeschäft und einiges mehr beherbergte. Foto: Krumm

Werdohl - Rund 70 Besucher konnte Pfarrer i.R. Rüdiger Schmale als Vertreter des Heimat- und Geschichtsvereins Werdohl am Dienstagabend in der Stadtbücherei begrüßen. Seine Eingangsfrage, ob das Gebäude mit der Adresse Bahnhofstraße 22 „nur ein altes Haus“ sei, konnte Referent Peter Kölsche verneinen. Denn der in mehreren Etappen errichtete Bau war weit mehr als „nur ein altes Haus“.

Die Immobilie beherbergte seit der Entstehung ihrer baulichen Kernzelle zahlreiche Einzelhändler und Dienstleister. Zur Unterstützung hatte Peter Kölsche zwei Zeitzeuginnen mitgebracht: Seine Mutter Ilse Kölsche, die in dem Haus 1923 geboren wurde und dort bis zu ihrer Hochzeit 1947 lebte, und Liesel Aufermann, Jahrgang 1940, die ebenfalls dort lebte. Denn sie trägt ihren Familiennamen erst seit ihrer Hochzeit. Ihren Geburtsnamen Fromm gibt es bis heute unter den Geschäftsleuten Werdohls: Allerdings befindet sich das gleichnamige Blumengeschäft nicht mehr im Haus Bahnhofstraße 22 oder in einem Pavillon, an den viele ältere Werdohler sich noch erinnern. Überhaupt entspann sich an diesem interessanten Abend ein lebendiges Gespräch zwischen dem Referenten und den Besuchern, die sich an vieles noch sehr gut erinnern konnten.

2016 steht so etwas wie der 100. Geburtstag des einstigen Dunker-Hauses an, das den Kern des Gebäudes ausmacht. Der Uhrmacher Alfred Schürmann, Vater der späteren Ilse Kölsche und somit Großvater Peter Kölsches, ließ es 1916 errichten. 1922 wurde es zum ersten Mal erheblich erweitert zum „Schürmann-Haus“. Zwischen 1930 und 1933 folgte die Aufstockung durch ein neues Dachgeschoss. Die Uhrmacherei wanderte in die Hinterstube, und an der Straßenfront machte der Geschäftsmann fortan Werbung für Zigarren sowie Eckstein-, Constantin- und Salem-Aleikum-Zigaretten. Dazu kamen der Frisör Albert Rump, das Blumengeschäft Stratemeier und das Kaffeegeschäft Tengelmann, hinter dessen Theke Liesel Fromm groß wurde. „Ich hatte da Rechte hinter der Theke“, erinnerte sie sich. An den Elektromeister Wilhelm Rademacher hatte Ilse Kölsche noch Erinnerungen: „Das war ein strammer Mann mit tiefer Stimme, der mir immer ein bisschen Angst eingejagt hat.“

Anerkennende Pfiffe gab es für ein Bild mit einer recht ansprechenden Werbung für Nylonstrümpfe, das allerdings nicht die ebenfalls in dem Haus ansässige „Laufmaschen-Anni“ zeigte. Anni Schürmann habe in der Zeit nach der Erfindung des Nylonstrumpfes noch die Fähigkeit besessen, diese zu reparieren – mit einer winzigen Zungennadel zum „Repassieren“ von Laufmaschinen, erzählte Peter Kölsche. Fehlen noch die Möbelfabrikation und das Lager von Richard Lamoller. Der von Peter Kölsche herbeizitierte „Bauer Wilhelm“, der im Dorf, das Werdohl damals noch war, etwas erledigen musste, konnte also schon in einem einzigen Geschäftshaus eine Menge erreichen.

Mithilfe alter Anzeigen aus der Zeitung blickte Peter Kölsche darüber hinaus auf das in früheren Zeiten offenbar recht reges Geschäftsleben der Stadt. Dazu gab es Anekdoten vom Langen und vom Dicken, von Erich dem Einarmigen und einem „wirklichen Hausgeist“ an der Bahnhofstraße. Aber das sind andere Geschichten. Am Ende eines unterhaltsamen Abends mit vielen Bildern und Geschichten war nicht nur Pastor Rüdiger Schmale überzeugt: „Toll, was so ein altes Haus erzählen kann!“

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