„Bulgarische Polizisten haben mich geschlagen“

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Rinas hat sich in Werdohl eine Geige geliehen, er liebt Musik. - Foto: Raidt

Werdohl - Eigentlich hatte Rinas es geschafft: Neun Monate nach seiner Flucht aus Syrien kam der junge Mann im Juni 2014 in Deutschland an. Aber weil ihn unterwegs die Polizei in Bulgarien registriert hatte, wollten die deutschen Behörden ihn dorthin zurückschicken. Ausgeschlossen für Rinas, denn bulgarische Polizisten hatten ihn verhaftet und geschlagen.

Also kehrte Rinas erst einmal nach Syrien zurück. Jetzt ist der 24-Jährige wieder in Deutschland, er lebt in Werdohl – und hofft, dass er dieses Mal bleiben kann.

Rinas ist Kurde und stammt aus dem Nordosten Syriens, wo die Terrormiliz Islamischer Staat viele Gebiete kontrolliert. Name und Wohnort seiner Familie sind der Redaktion bekannt; sie sollen hier aber nicht erscheinen, um seine Eltern und Geschwister in Syrien zu schützen.

Im September 2013 machte sich der damals 22-Jährige zum ersten Mal auf den Weg nach Europa. IS-Terroristen hatten seinen Cousin getötet, weil er Kurde war, und Rinas hatte nun Angst um sein eigenes Leben. Außerdem wollte die kurdische Miliz ihn zum Militärdienst einziehen. „Ich will aber keine Waffen benutzen“, sagt Rinas auf Englisch. „Ich wusste: Wenn ich in Syrien bleibe, muss ich jemanden töten oder werde selbst getötet.“

Die sanitären Anlagen waren sehr schlecht.

Also überquerte er die Grenze zur Türkei und reiste weiter nach Bulgarien. In der Hauptstadt Sofia bekam er einen Platz in einer Flüchtlingsunterkunft. Dort herrschten katastrophale Verhältnisse, berichtet der junge Mann: „Ich war im Winter dort, und es lag Schnee. Aber wir hatten keine Heizung und keine warmen Decken.“ Etwa 100 Personen mussten sich einen Herd teilen; von den drei Toiletten funktionierten nur zwei. Aus der einzigen Dusche kam nur selten heißes Wasser, und wenn Rinas sich morgens die Zähne putzen wollte, musste er manchmal eine Stunde vor dem Badezimmer warten.

Während seines Aufenthalts sei in der Unterkunft ein Flüchtling gestorben, sagt der Kurde. Ein älterer Mann sei das gewesen, er habe wahrscheinlich einen Herzinfarkt erlitten. „Seine Angehörigen haben den Krankenwagen angerufen. Aber der kam erst eine Stunde später, da war der Mann schon tot.“

An einem solchen Ort wollte Rinas nicht bleiben; er hoffte, es bis nach Dortmund zu schaffen, wo schon sein Bruder lebte. Aber die bulgarische Polizei hielt ihn dreimal an der Grenze auf, weil er keine Papiere hatte. „Beim ersten Mal musste ich zwei Tage ins Gefängnis, beim zweiten Mal 21 Tage, dann einen Monat“, sagt der Flüchtling.

Die Polizei habe ihn mit Verbrechern zusammen eingesperrt. „Einer hat mir gesagt, er sei im Gefängnis, weil er einen Polizisten getötet hat. Ich weiß nicht, ob das stimmt“, erzählt Rinas. Immer habe das Licht gebrannt, Fenster gab es nicht. „Man wusste nicht, ob Nacht oder Tag ist.“ Und zweimal hätten ihn Polizisten geschlagen, einmal im Gefängnis, einmal auf der Straße vor der Polizeistation. Warum? „Just like that“, sagt Rinas und zuckt die Achseln. „Nur so.“

Nach knapp neun Monaten bekam er endlich Papiere von der bulgarischen Ausländerbehörde. Damit konnte er die Grenze nach Rumänien überqueren und reiste mit anderen Flüchtlingen im Auto weiter bis nach Dortmund, wo er im Juni 2014 einen Asylantrag stellte.

Drei Monate später teilte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Rinas mit, er müsse nach Bulgarien zurückkehren. Die Behörde hatte von seinem Aufenthalt dort erfahren, weil die bulgarische Polizei seine Fingerabdrücke genommen hatte.

Bevor er nach Sofia kam, verbrachte Rinas ein paar Tage in einer überfüllten Flüchtlingsunterkunft in der Stadt Elhovo nahe der türkischen Grenze.

Was er über die Zustände im Flüchtlingsheim und seine Haft erzählte, habe ihm niemand geglaubt, sagt Rinas: „Die Frau vom Bundesamt sagte, Bulgarien sei gut, da hätte ich doch eine Unterkunft und genug Geld. Ich sagte zu ihr: Wenn es dort gut gewesen wäre, wäre ich nicht hier.“

Weil er auf keinen Fall wieder in Sofia landen wollte, fuhr er nach Wien. Für 1000 oder 2000 Euro – Rinas weiß es nicht mehr genau – bekam er einen Platz in einem Lkw, der ihn nach Istanbul brachte. Von dort kehrte er im Oktober 2014 in seine syrische Heimatstadt zurück.

Wieder stand er vor der für ihn unmöglichen Wahl, zu kämpfen oder getötet zu werden. Wieder floh Rinas. Diesmal schaffte er die Reise, ohne unterwegs aufgegriffen zu werden, denn er bezahlte einem Schlepper 5000 Euro für einen Platz in einem Lkw. Im April kam er schließlich ein zweites Mal in Dortmund an. Das Bundesamt teilte ihn der Stadt Werdohl zu, hier wartete er sechs Monate lang auf einen Bescheid.

„Dann haben sie mich nochmal eingeladen, aber sie sprachen wieder nur über Bulgarien“, erzählt der Kurde, der jetzt im Übergangswohnheim an der Osmecke lebt. Er verstehe das nicht; schließlich kenne er Familien, die ebenfalls aus Bulgarien gekommen seien, aber in Deutschland bleiben durften. „Und die Frau vom Bundesamt fragte, warum ich zwischendurch nach Syrien zurückgekehrt sei. Ich sagte: In meinem Land zu sterben, ist besser, als in Bulgarien zu sein.“ Mitte Dezember wolle das Amt über seinen Fall entscheiden, das habe die Behörde ihm mitgeteilt.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge konnte bis Freitag (4. Dezember) wegen des erhöhten Arbeitsaufkommens in den Außenstellen noch keine Auskunft zu dem Fall geben.

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