SGV Werdohl löst sich kurz vor Jubiläum auf

Aus allen Nähten platzte der Saal der Gaststätte Haus Werdohl am frühen Samstagabend.

Werdohl - Viele betretene Mienen, der eine oder andere kratzte sich versonnen am Hinterkopf, manchen stand geschockt der Mund offen: Das Befürchtete war eingetreten, alle Hoffnungen haben sich zerschlagen. Den SGV Werdohl gibt es nicht mehr.

Am 16. Oktober wäre die Abteilung des Wandervereins 125 Jahre alt geworden. Dazu kommt es nun nicht mehr.

Aus allen Nähten platzte der Saal der Gaststätte Haus Werdohl am frühen Samstagabend. 33 Anwesende – darunter stolze 24 Mitglieder der Werdohler SGV-Abteilung – drängten in den Saal. „Beim Leichenschmaus wollen wieder alle dabei sein“, sagte Dieter Benninghaus, kommissarischer Leiter der Abteilung des Sauerländischen Gebirgsvereins. Und tatsächlich war die SGV-Abteilung 17 Minuten nach der Begrüßung durch Benninghaus ein für alle Mal Geschichte. 24 Hände hoben sich, als der letzte Vorsitzende der Abteilung – seit 2010 im Amt – um das Votum für die Auflösung der Abteilung bat: einstimmig.

Ein letztes Mal hatte Benninghaus die Anwesenden aufgerufen, sich für die Mithilfe im Vorstand bereit zu erklären. Gut 125 Mitglieder standen bis Samstagabend in der Kartei der Abteilung. Doch auch von den zwei Dutzend, die zur außerordentlichen Hauptversammlung ins Haus Werdohl gekommen waren, hob niemand den Finger. Einige blickten sogar an die Wand, jedenfalls nicht dem kommissarischen Abteilungsleiter ins traurige Gesicht.

Weniger Mitglieder, kein Vorstand mehr

Seit vielen Jahren steuerte die Werdohler SGV-Abteilung auf ihre Auflösung hin: Sinkende Mitgliederzahlen, ein rasant steigender Altersdurchschnitt der Verbliebenen und sicher schon zehn Jahre lang ein Not-Vorstand mit einigen vakanten Positionen boten kein gutes Zusammenspiel. Der Niedergang war unaufhaltsam.

Im Januar dann trat der Rest-Vorstand komplett zurück. Benninghaus blieb kommissarisch im Amt. Hätten sich frische Kräfte für den Vorstand gefunden, das betonte er auch am Samstagabend noch einmal, hätte er gerne weiter gemacht. „Aber ich kann ja nicht alles alleine machen“, hatte er schon im September vorigen Jahres bei einer Mitgliederversammlung betont – damals vor lediglich zehn weiteren Anwesenden. Zum tatsächlichen Schlussakkord waren jetzt sogar drei Mal so viele gekommen.

Liquidatoren senden Geld nach Arnsberg

Um 18.17 Uhr also war es vollbracht. Benninghaus und Christel Brandner wurden als Liquidatoren eingesetzt. Die Abteilung muss nun aus dem Vereinsregister ausgetragen werden. Das Vermögen der Abteilung geht an den Hauptverein – nach Arnsberg. Brandner sagte: „Wir hätten es gerne an die Tafel gespendet, doch ohne Satzungsänderung wäre uns das nicht erlaubt gewesen.“ Und dafür fehlte dem verbliebenen Rest der Mitglieder letztlich einfach die Kraft.

Dirk Hoffmann ergriff dann als Erster aber noch das Wort. Schon sein Vater sei gerne gewandert, habe ihm die Freude daran vermittelt. Er beklagte dann aber die deutsche Bürokratie. Diese zerstöre allzu viele Vereine. Spürbar ergriffen forderte er die Anwesenden auf, sich nun stattdessen im Heimatverein zu engagieren, dessen Ehrenmitglied Hoffmann seit drei Jahren ist.

Als nächster sprach Gerold Bunse zu den Anwesenden. Mit zittriger Stimme appellierte der Vorsitzende der Neuenrader SGV-Abteilung an die Werdohler Freunde, sich doch den Wanderfreunden in der Nachbargemeinde anzuschließen. Jeder werde dort mit offenen Armen empfangen. Ein einziges Mal gab es an diesem Abend spontanen Applaus.

„Mit dem Smartphone vor die Laterne“

Vor zwei Jahren löste sich die SGV-Abteilung Plettenberg bereits auf: 120 Mitglieder habe diese zum Schluss noch gehabt, erinnerte sich ihr Ex-Vorsitzender Wolfgang Fink. Der jetzige SGV-Bezirksvorsitzende verriet: „55 davon blieben dem SGV in anderen Abteilungen treu. Es wäre schön, wenn das hier auch gelingt.“

Das Abteilungssterben führt Fink auf „die Jugend“ zurück. Diese sei einerseits durch Ganztagsunterricht in den Schulen ausgelastet. Andererseits „kann sie doch nur noch aufs Smartphone schauen und vor die Laterne laufen“, ereiferte er sich.

Jubiläumsfeier trotz Auflösung

Dieter Benninghaus ergriff selbst schließlich noch einmal das Wort: Auch ohne Vereinsstatus würde der zuletzt noch aktive Kern der Abteilung weiter „die eine oder andere Wanderung machen“. Und das Jubliäum werde auch noch gebührend gefeiert – und zwar am 18. September auf dem Hof Repke, kündigte der Ex-Vorsitzende an. Er betonte ausdrücklich: „Wir gehen heute Abend nicht im Streit auseinander.“

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