Das Tattoo und das Piercing im Kontext gelebten Glaubens

Missionar Harald Gorges, der viele Jahre in der Südsee unterwegs war, weiß: „Volksglauben darf man nicht verurteilen.“

Werdohl - „Mir san mir“, sagt der Bayer und zeigt sich gern in seiner volkstümlichen Tracht. Ein Mensch aus Papua Neuguinea würde sich bei diesem Anblick fragen, ob der Bayer wohl auf Kriegspfad sei.

Mit solchen kulturellen Missverständnissen hat sich Missionar Harald Gorges am Freitagabend mit den Teilnehmern des Treffpunkts Bibel auseinandergesetzt. Essenz des Abends: Körperkult ist kein Anspruch von Exoten, sondern er gehört zu allen Völkern der Erde.

Mancher Teilnehmer muss den Blick abwenden. Die Fotografien im Lichtbildvortrag des Nümbrechter Missionars wirken brutal und verstörend. Sie zeigen blutige Tätowierzeremonien, klaffende Wunden, enorme Piercings, Kampfrituale – und all das unter einem religiösen Aspekt.

Als Südseemissionar, der sich mit Völkerkunde beschäftigt hat, konnte Harald Gorges manches für das europäische Auge merkwürdig anmutende zeremoniell live miterleben. „Uns Christen lehrt die Bibel, dass Gott so etwas nicht von uns verlangt. Deshalb empfinden wir diese Rituale als skurril oder abstoßend. Aber die Menschen tun es aus tiefer religiöser Überzeugung heraus. Und aus Respekt oder Furcht vor einer nicht sichtbaren spirituellen Welt“, erklärte Gorges den 24 verblüfften Gästen im Haus der Christusgemeinde. Pfarrer Martin Buschhaus hatte den Abend mit „Gepierct und tätowiert – der weg zurück in den Animismus“ überschrieben. Im Laufe des Abends klärte Referent Harald Gorges zunehmend auf: „Der Animismus ist auch unter uns.“

Animismus steht für eine kulturelle Denkweise von einer beseelten Welt und nahezu jeder Mensch verfalle ihm. „Wir Christen tun das, indem wir Segen empfinden, wenn der Pfarrer das Kreuzzeichen zum Ende des Gottesdienstes macht oder eine Hostie konsekriert. Auch der vermeintlich Ungläubige mag vom Glück träumen, wenn er ein vierblättriges Kleeblatt sieht.“

Mit Unglauben habe Animismus aber nichts zu tun. „Als Missionar in der Südsee habe ich zunächst geglaubt, den Menschen erst mal von Gott erzählen zu müssen. Aber der Glaube an eine höhere, alles schöpfende Macht war den Menschen dort längst gegeben. Darunter offenbarte sich die unsichtbare Welt, die durch Handlungen, Verkleidungen, Tattoos, Piercings und Symbole als beeinflussbar gilt“, so Harald Gorges. „Und das darf man den Menschen auch nicht wegnehmen oder aberziehen wollen.“

Aus völkerkundlerischer Sicht dürften diese Rituale nicht verurteilt werden. Auf der Erde seien 7000 Sprachen und genau so viele Kulturen verbreitet. „Und das macht auch 7000 Blickwinkel aus, durch die man auf andere Kulturen schauen kann.“ Zentrum einer jeden Kultur sei Glaube – unabhängig davon, an wen oder was ein Mensch überhaupt glaube. „Jeder Mensch ist gläubig, auch ein Atheist glaubt an etwas. Und dieser Glaube setzt den Maßstab dafür, was wir schön finden oder für ethisch vertretbar halten.“

Wer zunächst mit Abscheu auf einen tätowierten Körper reagiert, dem empfiehlt Harald Gorges einen Blick in die Kulturgeschichte der Völker. „Sie kennen das berühmte und viel belächelte Arschgeweih. Hier mag es eine Modeerscheinung sein, doch die Zeichen darin stehen für jahrtausende alte Stämme. Schon die Ägypter drückten Zugehörigkeit damit aus, sogar Ötzi war tätowiert.“

Permanenter Körperschmuck drücke auch Mut, Belastbarkeit und Stärke aus, seltener eine negative Gesinnung. „Die findet man schon mal in Knast-Tattoos wieder. Totenköpfe sind bis heute ein stilistisches Mittel von Insassen, die zeigen wollen, dass sie morden können. Tatöwierte Tränen im Gesicht können auch ein Zeichen der Reue sein“, so Gorges. Ein zweiter Blick auf bunte Haut – er kann sich lohnen, zeigte der Abend.

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