Versuchter Mord: Emotionaler Prozesstag

In diesem Sitzungssaal des Wuppertaler Landgerichtes soll am Donnerstag das Urteil gesprochen werden.

Werdohl/Wuppertal - Beim Verhandlungstag im Falle eines versuchten Mordes am Wuppertaler Landgericht ging es am Dienstag emotional zu. Der Angeklagte und seine Ex-Frau vermieden Blickkontakt. Er wirkte abgeklärt, die Nebenklägerin immer mehr angespannt.

Von Michael Koll

Als die psychiatrische Gutachterin Anita Sinha-Röder ihre Einschätzung des Täters vortrug, verlor die junge Frau beinahe die Fassung. Immer wieder rieb sie sich die Augen, schniefte häufiger. Ihre Mundwinkel zuckten, sie atmete heftig, schloss die Augen und senkte den Kopf.

Der Fall:

Einem 37-jährigen Werdohler wird vorgeworfen, seine Ex-Frau am 4. Juni 2014 beim Joggen in Remscheid überfallen und mit Benzin übergossen zu haben. Ein Tatzeuge konnte die beiden jedoch voneinander trennen. Dabei habe dieser seine Nordic-Walking-Stöcke zu Hilfe genommen. Der Angeklagte sitzt derzeit in Untersuchungshaft. Zu den Vorwürfen schweigt er.

Die Gutachterin Sinha-Röder hat den Angeklagten am 17. Juli 2014 zwei Stunden lang befragt und den gesamten Prozess gegen ihn verfolgt.

Der Täter habe als Jugendlicher – getrennt von seinen Eltern – in Istanbul gelebt. Im Alter von 17 Jahren sei er ohne Deutsch-Kenntnisse nach Deutschland gekommen. Dort habe er seine ihm bis dato unbekannte Frau geheiratet und drei Kinder mit ihr bekommen.

Er besitze keinen Schulabschluss und keine Berufsausbildung. In der Ehe habe er sich schnell überfordert gefühlt. Häufige Streitsituationen seien eine Belastung für ihn gewesen.

Die Ehefrau habe viel von ihm erwartet. Beide hätten sich täglich konfrontiert gesehen mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten. Sie hätten sich gegenseitig abgewertet und gekränkt. Er habe sich von ihr allein gelassen gefühlt. Gewaltausbrüche räume er nicht ein. Er lehne Gewalt sogar ab.

Um die Geldsorgen der jungen Familie zu beheben, habe der heutige Angeklagte Spielhallen besucht. Ob es dabei ein Suchtverhalten gab, ließ die Gutachterin gestern offen. Er habe sich jedenfalls für die Spielerei geschämt.

Der Angeklagte zeige Symptome depressiver Anklänge. Dabei handele es sich mit großer Wahrscheinlichkeit aber nur um eine „Episode“. Die Erkrankung habe eine „leichte bis mittlere Ausprägung“. Am Tattag habe er gewusst, was er tat. Er habe zielgerichtet gehandelt und sei von der Depression insoweit nicht beeinträchtigt gewesen. „Situationsverkennung kann man nicht darlegen“, konkretisierte Sinha-Röder. Er selbst habe auch angegeben, sich an die Tat gut zu erinnern. Er habe „keinen Blackout“ gehabt.

Vor der Trennung von seiner Frau habe er sich sozial zurückgezogen. Nach der Trennung habe er einen Arzt kontaktiert. Eine Behandlung erfolgte jedoch lediglich sporadisch. So habe er auch nur Tabletten erhalten, die üblicherweise bei unklarer Diagnose verabreicht würden. Diese habe er auch nur unregelmäßig und unklar dosiert genommen. Das führe wiederum zur Verstärkung der Depression.

Er leide unter Schlafstörungen. In einer Klinik seien bei ihm wahnhafte Halluzinationen diagnostiziert worden. Dies konnte die Gutachterin aber nicht bestätigen. Der Angeklagte bestreitet diese auch vehement. Er trinke zwar seit der Trennung vermehrt, sei aber kein Alkoholiker. Eine Suizidgefährdung liege in jüngster Zeit nicht mehr vor.

Der Angeklagte gebe an, dass er sich Kontakt zu seinen Kindern wünsche. Er verstehe sie jedoch nicht. Seine Ehe betrachte er als „erledigt“ und habe dies auch akzeptiert. Zudem wünsche er sich eine tiefergehende psychiatrische Behandlung. Er sei andererseits aber nicht zu Gesprächen bereit. Auf Nachfrage des Richters konnte die Gutachterin indes eine Wiederholungsgefahr des Täters nicht ausschließen.

Schließlich wurde das Opfer zu den seelischen Folgen der Tat befragt. Seit einem Monat befinde sie sich in psychologischer Behandlung. Die Zeitverzögerung erklärte sie mit Schwierigkeiten, einen Termin zu bekommen. Zudem habe sie die Auswirkungen der Tat auf ihre innerliche Verfassung zunächst unterschätzt. „Ich dachte, ich würde es überwinden können“, sagte sie. Doch noch heute leide sie an Schlafstörungen. Nachts höre sie Geräusche, die nicht da seien. Auf der Straße fühle sie sich beinahe ständig verfolgt.

Ihre Kinder hätten sich nach der Tat zunächst sehr zurückgezogen, nicht mehr gesprochen. Unterdessen gehe es ihnen wieder gut. Ärztliche Hilfe lehnten sie ab. Bis heute weigerten sie sich allerdings auch, über die Tat oder ihren Vater zu sprechen.

Am Donnerstag sollen die Plädoyers und anschließend das Urteil gesprochen werden.

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