Versuchter Mord: Angeklagter „wahnhaft“

Im Saal - 9 SG des Wuppertaler Landgerichts wird derzeit ein Fall verhandelt, bei dem einem Werdohler die versuchte Tötung seiner Ex-Frau zur Last gelegt wird.

Werdohl/Wuppertal - Überraschend tauchte am Dienstag im Wuppertaler Landgericht die 17-jährige Tochter eines Werdohlers auf, der des versuchten Mordes an der Mutter der jungen Frau angeklagt ist. Das war aber nicht die einzige Überraschung des Tages.

Von Michael Koll

Gleich zwei unvorhergesehene Ereignisse gab es beim Verhandlungstag am Dienstag vor dem Wuppertaler Landgericht: Als ein Justizbeamter einen Zeugen in den Saal - 9 SG holen sollte, fand er diesen nicht vor dem Sitzungssaal wartend. Stattdessen brachte er eine junge Frau mit in den Saal. „Das ist meine Tochter“, platzte es aus der völlig überraschten Nebenklägerin heraus.

Die 17-Jährige – gemeinsame Tochter der Nebenklägerin und des Angeklagten – legte ein Schreiben der Hans-Prinzhorn-Klinik Hemer vor, wonach der geladene Zeuge, der Ex-Ehemann der Schwester der Nebenklägerin, „für mindestens drei Monate nicht vernehmungsfähig“ sei.

Eine zweite Überraschung hatte die junge Frau parat. Obwohl der Richter ihr eindrücklich erläuterte, er halte Kinder gerne aus jedem Verfahren heraus, erklärte sie nachdrücklich, aussagen zu wollen. Da eine solche Aussage für gestern aber nicht vorgesehen war und sich keine Seite darauf vorbereiten konnte, wurde eine mögliche Befragung verschoben.

Nachdem die 17-Jährige den Saal wieder verlassen hatte, tauschten sich Richter, Staatsanwalt Heribert Kaune-Gebhardt, der Rechtsanwalt der Nebenklägerin, Martin Haas, die psychologische Gutachterin Anita Sinha-Röder sowie die Verteidigerin des Angeklagten, Andrea Groß-Bölting, aus. Einhellig beschieden sie, die Tochter nicht zwingend befragen zu wollen. Allerdings kann der jungen Frau die Aussage auch nicht verwehrt werden.

Im Anschluss wurde der Leiter des Gesundheitsamtes Remscheid befragt. Der Arzt ist nach eigenen Angaben kein Psychiater, aber Psychiatrie-erfahren. Er arbeitet für den sozialpsychiatrischen Dienst und in der Krisenintervention. Zwei Mal hat er den Angeklagten in Augenschein genommen. Das erste Mal war am 20. Januar 2014, also rund ein halbes Jahr vor der mutmaßlich Tat. Der Angeklagte befand sich da schon einmal in Polizeigewahrsam, der Arzt wurde hinzu gerufen. Es habe seinerzeit eine stationäre Einweisung durch den Werdohler Hausarzt des Mannes vorgelegen. Als Grund habe dieser Mediziner eine Depression angegeben.

Auch der gestrige Zeuge attestierte damals, der heutige Angeklagte habe depressiv gewirkt. Schon da habe er „eine brennbare Flüssigkeit, Kabelbinder und einen Hammer“ bei sich getragen. Der Gutachter des Remscheider Gesundheitsamtes diagnostizierte, dass von dem Mann „ein erhebliches Gefährdungspotenzial“ ausging – und zwar auch für sich selbst. Eine „weitergehende stationäre Unterbringung“ hielt der Gutachter seinerzeit für dringend erforderlich, denn der Mann habe „eine psychische Störung“, sei „wahnhaft“. Er sei „wortkarg“ und seine Handlungsabläufe „verlangsamt“ gewesen. „Er saß zusammengekauert auf der Sitzbank“, erinnerte sich jetzt der Zeuge.

Am Tattag, 4. Juni 2014, begutachtete er den Angeklagten erneut. „Mir bot sich ein sehr ähnliches Bild“, sagte der Arzt gestern. „Der Mann machte einen schläfrigen Eindruck.“ Er diagnostizierte im Juni den „Verdacht auf eine Psychose“. Depressive Menschen seien „antriebsgehemmt“, erläuterte er auf Nachfrage. Da der Werdohler aber seiner Ex-Gattin tatsächlich nachgestellt habe, sei eine Psychose wahrscheinlicher als eine Depression.

Die Nebenklägerin verfolgte die Aussagen hochkonzentriert und angespannt. Ihr Ex-Mann war aufmerksam, wechselte mal ein paar Worte mit seiner Anwältin, mal mit dem Dolmetscher. Insgesamt wirkte er dabei emotionslos.

Auch vernommen wurde am gestrigen Verhandlungstag eine 41-Jährige aus Werdohl. Die Frau war Arbeitskollegin der Nebenklägerin. Sie sagte aus, der Angeklagte habe seiner Frau nie erlaubt, nach Feierabend mit den Kolleginnen einen Kaffee zu trinken. Der Angeklagte sei derweil selbst arbeitslos gewesen. Einmal oder zwei Mal seien sie und das spätere Opfer heimlich in ein Café gegangen. Die Zeugin gab an, dass sie dabei aber beide Angst verspürt hätten.

Die Nebenklägerin sei unglücklich in ihrer Ehe gewesen. An eine Begebenheit konnte sich die Zeugin zudem erinnern: Der Mann holte seine Frau von der Arbeit ab. Da die Zeugin selbst gegenüber geparkt hatte, konnte sie die Szene beobachten. Der Mann sei – den Grund konnte sie aus der Entfernung nicht mitbekommen –wütend geworden und habe auf den Wagen eingeschlagen.

Großen Raum nahm während der Befragung eine türkische Traditon ein, die die Zeugin „Goldener Tag“ nannte. Dabei geht es darum, dass eine Gruppe Frauen sich zusammenfindet. Jeden Monat sammelt eine von ihnen von den anderen eine vorher festgelegte Summe ein. Das Geld kann sie dann behalten, das ist quasi dann ihr „Goldener Tag“. Die Nebenklägerin gab auf Nachfrage von Richter Robert Berling an, dass sie über einen Zeitraum von anderthalb Jahren immer wieder Teil derartiger Gruppen mit Arbeitskolleginnen gewesen sei. Mal seien vier Frauen beteiligt gewesen, mal sechs. Die zu zahlenden Summen hätten mal 50 und mal 100 Euro betragen. Schon an früheren Verhandlungstagen waren die Finanzen des Ehepaares Thema.

Dritter Zeuge war der Bruder des Angeklagten. Der 43-jährige CNC-Bediener aus Werdohl nahm jedoch sein Zeugnisverweigerungsrecht in Anspruch.

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