Versetaler Schützenverein in tiefer Krise

Sein Gesicht spricht Bände: Schützenoberst Frank Herber präsentierte den Vereinsmitgliedern ein unbequemes, aber dringend erforderliches Reformpaket, damit der Bestand des Schützenvereins für die Zukunft gesichert ist. - Fotos: Kanbach

Werdohl - Die Versetaler Schützen stehen im kommenden Jahr vor grundlegenden Veränderungen. Am Ende einer vierstündigen Mitgliederversammlung am Freitag sprach sich die Mehrheit bei sechs Gegenstimmen dafür aus, die Strukturen des im 65. Jahr bestehenden Vereins neu zu gestalten. Dazu gehören möglicherweise auch die Auflösung der Züge und die Überführung der dort vorhandenen Gelder in die Hauptkasse.

Im Hintergrund zu diesem Schritt stehen vor allem ernsthafte finanzielle Probleme, die im Zusammenhang mit der Mitgliederentwicklung allgemein, den hohen Kosten für das Vereinsheim oder dem beträchtlichen Minus beim Schützenfest stehen. Allerdings geht es nicht nur um Geld. Auch der demographische Wandel innerhalb des Vereins – der derzeitige Altersschnitt liegt bei 59,2 Jahren – bereitet Sorgen. Es fehlt an Nachwuchs.

Das alles fasste der Vorsitzende Frank Herber im Grunde in einem Satz seiner Eröffnungsansprache zusammen: „Unser Verein braucht für die Zukunft eine stabile Grundlage, mit der man arbeiten kann.“ Die Veränderungen müssten angepasst sein an das geltende Vereinsrecht und dürften nie die Gemeinnützigkeit aus dem Blickfeld verlieren. Egal, was komme: „Es muss überprüfbar sein.“ Im engen Zusammenhang mit allen vereinsrechtlichen Fragen stehe auch die Haftungsfrage für den geschäftsführenden Vorstand und seinen Vorsitzenden.

Unangenehme Überraschungen

Auf dem Weg, sich seit Beginn seiner nunmehr achtmonatigen Amtszeit einen Überblick über die Finanzen des Versetaler Schützenvereins zu verschaffen, habe es unangenehme Überraschungen gegeben. Sünden der Vergangenheit wurden entdeckt, die über etliche Jahre hin nicht hinterfragt wurden. Kostenkontrolle, Finanzlage, Mahnwesen, unzulängliche Buchhaltung – das habe offenbar nie jemand wissen wollen, allenfalls oberflächlich. Nun müsse das alles aufgearbeitet werden. Verbunden sei das alles mit der Herber-Frage: „Sind wir eigentlich ein Verein, oder sind wir es nicht?“

Die Probleme können nach Frank Herbers Überzeugung bewältigt werden, aber er gab den Mitgliedern noch ein Zitat mit in die Überlegungen: „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.“ Eine Anspielung auf all jene Vereine, die ihre eigene Sache nicht in den Griff bekommen und sich notgedrungen aufgelöst haben.

Eine nachfolgende Power-Point-Präsentation zeigte schonungslos, auf welcher Basis der Versetaler Schützenverein steht: Fast die Hälfte aller Mitglieder ist älter als 61 Jahre. Der Mitgliederbestand schrumpfte seit 2001 bis in die Gegenwart von 590 auf 426. Der Beitragsdurchschnitt ist mäßig, der Beitrag insgesamt sinkt so stark, dass bis 2025 eine drastische Anhebung unumgänglich wäre. Die Kosten für das Schützenheim – Strom, Gas, Wasser, Reinigung, Grundbesitzabgabe, Versicherung, Instandsetzung – schlagen trotz Vermietungen mit einem Minusbetrag im unteren fünfstelligen Bereich zu Buche. Die Mitgliedsbeiträge können das nicht decken. Die Rücklagen tendieren gegen Null. Neue zu schaffen sei nicht möglich, hieß es.

Schützenfest: Minus im fünfstelligen Bereich

Das Schützenfest 2015 hat ebenfalls einen Verlust im unteren fünfstelligen Bereich eingebracht. Der Hauptverein steht am Ende seiner finanziellen Mittel. Es müssten Wege aus der Krise gefunden werden: „Ob sie uns gefallen oder auch nicht!“ Bleibe alles so, wie es ist, sei „mittelfristig Schluss mit dem Verein“.

Die Diskussion ließ eine Reihe von Ansatzpunkten erkennen, wie das Dilemma in den Griff zu bekommen sei: Neustruktur bei den Beiträgen unter Berücksichtigung der Familienfreundlichkeit, moderate Beitragsanhebung, nur noch alle drei Jahre ein Schützenfest, gegebenenfalls künftig ein Schützenfest ohne Zelt, dafür am und im Schützenheim, intensive Förderung der Jugendarbeit, mehr attraktive Veranstaltungen in den schützenfestfreien Jahren, Schnuppertage zum Thema Schießsport oder auch Feste der Jahreszeiten. Angebote wie der Irische Abend oder das Versetaler Frühstück waren gut angenommen worden und sollten im Programm bleiben.

Auflösung der Züge wird vorbereitet

Ein guter Teil dieser Anregungen stammte von der amtierenden Schützenkönigin Christina Sabanci, die sich allerdings gegen die Auflösung der Züge aussprach. Denn gäbe es beispielsweise die Veranstaltungsangebote des dritten und vierten Zuges nicht, „sähe es jetzt schon düster aus“.

Drastischer formulierte es Uwe Bettelhäuser: „Wenn die Züge aufgelöst werden, ist das das Todesurteil für den Verein.“ Das Gegenargument brachte Ehrenoberst Fritz Wolf: „Wenn die Züge zusammengelegt werden, wird auch das Gemeinschaftsgefühl innerhalb des Vereins gestärkt.“

Ein Argument, das die Mehrheit fand. Auf Antrag des ehemaligen Geschäftsführers Manfred Hundt erhielt der amtierende Vorstand den Auftrag, ein Zukunftskonzept unter Berücksichtigung der eingebrachten Anregungen zu erarbeiten, eine neue Satzung zu erstellen und in einer gesonderten Sitzung eine Entscheidung der Mitglieder herbeizuführen.

Eckpfeiler des Auftrages sind neben der Auflösung der Züge neue Vorstandsstrukturen sowie die Einführung einer Frühjahrs- und Herbstversammlung und kurzfristige Mitglieder-Infos.

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