Immer mehr Werdohler greifen zur Waffe

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Rund 200 Menschen aus Werdohl und Neuenrade haben – seit Mitte des vergangenen Jahres – einen kleinen Waffenschein bewilligt bekommen. Sie dürfen legal eine schussbereite Schreckschusspistole in der Öffentlichkeit am Körper führen.

Werdohl - Nach den Übergriffen in diversen deutschen Städten an Silvester sind viele Menschen verunsichert. Auch in Werdohl und Neuenrade überlegen immer mehr Menschen, sich eine Waffe zuzulegen.

Im Bundesgebiet häufen sich die Anfragen nach erweiterten Möglichkeiten des Selbstschutzes. Rund 1700 kleine Waffenscheine, die zum Führen einer Schreckschusspistole berechtigen, sind zurzeit im Märkischen Kreis ausgestellt – und die Tendenz ist steigend. Rund 200 Anträge sind nach Polizeiangaben seit Mitte des vergangenen Jahres von Werdohlern und Neuenradern an das zuständige Amt in Iserlohn gestellt und genehmigt worden.

Viele Verkäufer von Abwehrstoffen, wie Reizgas und Pfefferspray, vermeldeten nach Medienberichten in den vergangenen Wochen stark ansteigende Umsätze. Das gilt auch für Schreckschusspistolen, mit denen nicht nur Knallkörper, sondern auch Gas- und Pfefferspray zur Abwehr verschossen werden können. Diese Waffen – in der Regel in Größe, Aussehen und Gewicht detaillierte Nachbauten der scharfen Schusswaffen – können von Personen ab 18 Jahren frei gekauft und auf dem eigenen Grundstück benutzt werden. Für das Führen, also das Tragen der geladenen, schussbereiten Schreckschusspistole am Körper außerhalb des eigenen Grundstücks, ist jedoch ein kleiner Waffenschein notwendig. Diesen können nicht vorbestrafte Einwohner beim Amt für Waffen- und Munitionsangelegenheiten der Kreispolizeibehörde in Iserlohn beantragen.

Nachfrage seit Sommer gestiegen

Die stark wachsende Nachfrage nach legalen – sogenannten freien Waffen – als Selbstverteidigungsmöglichkeit hat nicht erst seit Neujahr stark zugenommen: „Bereits seit Mitte des vergangenen Jahres ist die Nachfrage zu den direkten Selbstverteidigungszwecken gestiegen“, sagt der Pressesprecher der Polizei im Märkischen Kreis, Dietmar Boronowski. „Die Kollegen von der Kreisbehörde bekommen täglich mindestens zehn Anträge für den kleinen Waffenschein. Im Vergleich zu den Vorjahren ist das schon eine Hausnummer“, berichtet Boronowski. Diese würden in angemessener Zeit geprüft und nacheinander abgearbeitet.

„Wenn jemand bereits wegen Gewalt-, Alkohol- oder Drogendelikten aufgefallen ist, ist die Chance gen Null, dass in diesen Fällen eine Erlaubnis für den Besitz eines kleinen Waffenscheines erteilt wird“, sagt Boronowski. Unbescholtene Bürger kämen aber sehr leicht an die Erlaubnis, eine entsprechende freie Waffe zu tragen. Eine Begründung für den Bedarf müsse, im Gegensatz zur Waffenbesitzkarte, beim kleinen Waffenschein nicht genannt werden. Etwa 1700 kleine Waffenscheine seien bisher erteilt worden, hinzu kämen noch mehr als 300 kleine Waffenscheine, deren Inhaber zusätzlich über eine Waffenbesitzkarte verfügten, die zum Erwerb einer scharfen Waffe nötig sei.

„Für die frei erwerblichen Waffen gibt es keine Meldepflicht oder Registrierung“, sagt der Werdohler Bezirkspolizist Andreas Laubrock. Aus diesem Grund lägen auch keine Zahlen über die Anzahl von Schreckschusswaffen in Werdohler Haushalten vor. Er könne – nach den bundesweiten Ereignissen – den gestiegenen Bedarf nach Eigensicherung verstehen. Allerdings vermutet Laubrock, dass nicht immer der Bedarf nach Selbstverteidigung im Vordergrund steht: „Es lässt sich schwer beurteilen, ob sich jemand wirklich schützen möchte oder sich auf diesem Wege einfach wichtig machen will.“ Bei der Werdohler Polizei seien Anfragen zum kleinen Waffenschein sehr selten, was aber nichts über die Nachfrage nach dem Dokument aussage: „Die Leute nutzen einfach den direkten Weg über das Internet, um sich zu informieren. Für alle Angelegenheiten sind die Mitarbeiter in Iserlohn zuständig, an die wir so oder so für Detailfragen verweisen“, sagt Laubrock.

Pfefferspray und Gas sind keine Sicherheit

Polizei-Pressesprecher Boronowski bewertet den gestiegenen Bedarf der Bürger eher mit gemischten Gefühlen: „Sicherheit durch den Einsatz von Abwehrmitteln wie Reizgas und Pfefferspray ist ein Trugschluss. Bei Personen, die alkoholisiert sind oder unter Drogeneinfluss stehen, ist die Wirkung nicht gesichert“, so Boronowski. Der Einsatz solcher Mittel würde im Zweifelsfall den Angreifer noch mehr reizen und so die Situation zusätzlich eskalieren lassen. Zudem fehle im Regelfall den Betroffenen in den Überraschungsmomenten die Souveränität, um verantwortungsvoll und bedacht handeln zu können: „In Panik ist selten jemand in der Lage, gut durchdacht zu handeln.“

Doch welche Maßnahmen empfiehlt der Polizeisprecher stattdessen? „Grundsätzlich sollten sich die Bürger, besonders Frauen, immer in Gruppen mit mindestens drei Personen bewegen“, rät Boronowski. Zur effektiven Abschreckung sollten die Betroffenen im Ernstfall lieber laut schreien und nach einer geeigneten Fluchtmöglichkeit suchen. Wer angegriffen worden ist, sollte sich wichtige Details, wie Größe, Kleidung und Haarfarbe des Täters merken. Besonderheiten, wie auffällige Piercings oder Narben, erleichtern den Polizeibeamten die Suche und Identifikation zusätzlich. Boronowski warnt: „Auf jeden Fall niemals – auch mit Verteidigungswaffen – den Helden spielen.“

Laubrock sieht das ähnlich: „Eine einhundertprozentige Sicherheit gibt es nie. Man kann immer zur falschen Zeit am falschen Ort sein. Egal ob in Werdohl, in der Dortmunder Innenstadt oder beim Karneval in Köln.“ Er rät in potentiellen Konfliktfällen zur gelassenen Besonnenheit und im Zweifelsfall zum Rückzug. „Ansonsten sollte man sich direkt vor Ort an die Polizeibeamten wenden, denn im Nachhinein ist es umso schwerer, unbekannte, gewalttätige Personen zu ermitteln.“

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