Schuhverkäuferin aus Leidenschaft

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Die 63-jährige Ulrike Kellmann steht an ihrem letzten Tag im Schuhgeschäft – 49 Jahre war sie bei Brockhaus beschäftigt.

Werdohl - Frauen und Schuhe, das gehört auf jeden Fall zusammen. Dass dieses Thema nicht nur ein Klischee ist, lebt Ulrike Kellmann vor. Die 63-Jährige aus der Osmecke arbeitet seit 49 Jahren als Fachverkäuferin im Schuhhaus Brockhaus.

„Für mich gab es von Anfang an nichts anderes als Schuhe“, sagt sie. Heute berät sie zum letzten Mal ihre Kundschaft, danach ist sie Rentnerin. „Still sitzen ist nicht mein Ding,“ sagt die schlanke 63-Jährige, die im wahrsten Sinne des Wortes sehr gut zu Fuß ist. Beweglichkeit gehört bei einer Schuhverkäuferin dazu, sie muss sich oft bücken und strecken. Ulrike Kellmann ist topfit. So geht sie in Rente nach 49 Jahren in ein und demselben Geschäft. Sie hofft auf gute Gesundheit und Teil zwei des Lebens nach der Rente – ihr Mann beendet sein Berufsleben auch in den nächsten Tagen.

Chefin Andrea Brockhaus-Passenheim ist wirklich traurig: „Sie war über all die vielen Jahre meine rechte Hand.“ Ulrike Kellmann kennt Andrea Brockhaus aus deren Kindertagen: „Ich habe sie damals sogar zur Schule gebracht.“ Familiär ging es zu im Schuhhaus Brockhaus, das von Ernst Brockhaus im Jahre 1933 gegründet wurde. Am 4. September 1967 trat Ulrike Kellmann in die dreijährige Lehre ein. Schon als Mädchen habe sie freiwillig und gern alle Schuhe der Familie geputzt, zehn Pfennig pro Paar hatte sie dafür bekommen. Der Zahnarzt fragte sie, ob sie vielleicht nicht bei ihm eine Ausbildung machen wollte: „Das waren Zeiten wie heute, als sich um die Lehrlinge gerissen wurde.“ Ulrike Kellmann wollte aber nicht Arzthelferin werden, auch das Büro war nichts für sie: „Ich wollte Schuhverkäuferin werden, das war mir von Anfang an klar.“ Also die Lehre bei Ernst Brockhaus. Tochter Andrea war gerade mal drei Jahre alt.

Für Ulrike Kellmann ging ein Traum in Erfüllung. Sie wurde nicht nur zur Verkäuferin ausgebildet, sondern lernte auch Buchführung und Warenkunde. Ihren Abschluss machte sie als Einzelhandelskauffrau. Als Lehrmädchen und viele Jahre danach noch trug die Verkäuferin Rock und darüber Kittel. Hosen waren im Geschäft verboten. Kellmann erinnert sich: „Vormittags musste das Geschäft geputzt werden, wir haben jeden Tag das Schaufenster blank gerieben.“ Der Kittel am Vormittag war deshalb pflegeleicht, der Kittel für den Nachmittag war schon eleganter, dann kamen die Kunden zum Schuhekaufen. Klar, dass sie ihr erstes Lehrgeld sofort für ein Paar Schuhe ausgab. Das war vor 49 Jahren, und ihre Leidenschaft für Schuhe ist nach wie vor ungebrochen. „Im Urlaub gehe ich immer in Schuhgeschäfte und schaue mir dort alles ganz genau an.“

Jetzt habe sie „nur noch“ rund 40 Paar im privaten Schuhschrank, aber es waren auch schon viel, viel mehr. Die neuen Moden, neue Formen, die jede Frau haben muss – sie ist nach wie vor begeisterungsfähig. Das sie die 50 Arbeitsjahre nicht voll macht, liegt an der für sie günstigen Gesetzgebung. Mit 63 kann sie bei der Anzahl an Berufsjahren ohne Abzüge in die Rente gehen: „Und 49 Jahre reichen ja wohl auch.“ Alle Schuh-Moden hat sie mitgemacht und als wirklich fachkundige Expertin weiß sie viel über Materialien, Ledersorten, Macharten, Absätze, Leisten, Einlagen, Passformen und Pflege. Ihr Wissen hat sie viele Jahre als Prüferin bei der Industrie- und Handelskammer an Auszubildende weitergegeben. „Ich kenne viele Kunden von früher“, erzählt sie.

Wer gute Erfahrungen im Fachgeschäft gemacht hat, kommt eben wieder. „Junge Eltern kommen mit ihren Kindern, um für sie die ersten Schuhe zu kaufen.“ Die Eltern sähen sich um und entdeckten plötzlich schöne Ware, die man sogar sofort mitnehmen und anziehen kann . . .

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