„Schaut in die Keller und gebt uns alte Fahrräder!“

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Andreas Späinghaus (l.) und Bernd Mitschke im Fahrrad-Keller von Mitschke am Eickelsborn. Der ehemalige Fachbereichsleiter repariert im Ehrenamt Fahrräder für Flüchtlinge. Für die Logistik der Räder sorgt Späinghaus.

Werdohl - Das gute alte Herrenfahrrad erlebt gerade die Wiederauferstehung als Fortbewegungsmittel auf den Straßen deutscher Kleinstädte. Für viele Flüchtlinge ist das Fahrrad ein preiswertes und praktikables Fahrzeug, auf jeden Fall viel billiger als Busfahren. Rund 100 Räder hat die Werdohler Flüchtlingshilfe bereits vermittelt, doch im Augenblick fehlt es an Nachschub.

„Schaut in die Keller und gebt uns die Fahrräder“, appelliert Andreas Späinghaus von der Werdohler Flüchtlingshilfe. Späinghaus, stellvertretender Bürgermeister, SPD-Vorsitzender und selbstständiger Unternehmer leitet ehrenamtlich für die Flüchtlingshilfe den Bereich Möbel, Geräte und Fahrräder. Späinghaus war fast von Anfang an dabei, seit Beginn des Jahres engagiert er sich bei der von Lothar Jeßegus geleiteten Flüchtlingshilfe.

„Zu Beginn haben wir die Fahrräder bei einem Fachhändler durchsehen lassen“, so Späinghaus. Doch das sei auf Dauer zu teuer geworden, die Aufarbeitungskosten habe der kleine Etat nicht hergegeben. Anfang September stieß Bernd Mitschke zur Aktion. Mitschke war Fachbereichsleiter Bauen bei der Stadt, seit Oktober ist der heute 62-Jährige im Ruhestand. „Ich habe schon mit acht Jahren meinen ersten Platten selbst geflickt“, beschreibt er seine Anfänge als Fahrrad-Begeisterter. Mitschke war auch Mitbegründer der Radsportabteilung des TuS Jahn Werdohl, als Hobby fuhr und fährt er Mountain-Bike. 15 Jahre lang habe er die Räder der Mountainbiker instand gehalten, die in der Abteilung Rennen fuhren. Alle gängigen Arbeiten an Fahrrädern sind ihm vertraut, das nötige Werkzeug ist im Keller.

Seitdem repariert Mitschke Fahrräder für die Flüchtlingshilfe, ehrenamtlich und kostenlos. Fast immer müssten Schläuche geflickt und die Bremsen eingestellt werden, manchmal ist auch ein neuer Schaltzug nötig. Saubermachen gehört natürlich immer dazu, Öl kommt an die Kette und oft genug klemmt die Schaltung. „Ich bekomme mit, dass die Menschen sich darüber freuen, das ist mein Lohn“, sagt Mitschke, der sich als Pensionär sichtlich wohl fühlt.

Am Anfang seien die Räder verschenkt worden, so Späinghaus. Relativ schnell habe sich herausgestellt, dass es besser ist, die Fahrräder auch zu verkaufen. Zehn Prozent des geschätzten Wertes muss jetzt für ein Rad bezahlt werden, mindestens jedoch fünf Euro. Bernd Mitschke hat bislang 70 Räder für die Flüchtlingshilfe aufbereitet, den lokalen Marktwert ermittelt er mit Hilfe von Kleinanzeigen-Inseraten im Internet. Die meisten Räder gehen für fünf oder sieben Euro weg, die „teuren“ Räder kosten selten auch mal 15 Euro.

Für 25 Euro hat Mitschke jetzt ein relativ hochwertiges Sport-Crossrad im Internet erstanden. Nach einer Generalüberholung sei es bestimmt 300 Euro wert, dafür will er es wiederverkaufen. Von dieser Differenz können Ersatzteile oder vielleicht auch weitere gebrauchte Fahrräder für Flüchtlinge beschafft werden.

Nachgedacht wird gerade, wie den Flüchtlingen ein Schnellkurs der Regeln des deutschen Straßenverkehrs vermittelt werden kann. „Die scheuern wie verrückt über den Bürgersteig“, so Mitschke. Das mache zwar viel Spaß, sei aber nicht in Ordnung. Apropos Verkehrssicherheit: Nicht alle Räder haben eine Beleuchtung, die kleine Kasse gibt ein nachträgliches Anbringen nicht her. Die Empfänger werden darauf hingewiesen, dass sie noch ein Licht-Set kaufen müssen.

„Im Augenblick haben wir kein einziges Rad mehr im Lager an der Neustadtstraße“, so Späinghaus. Er und Mitschke appellieren an die Werdohler, weitere Räder zu spenden. In den Kellern müssten noch jede Menge unbenutzter Räder liegen. „Wir holen die Räder ab, egal in welchem Zustand“, so Späinghaus, der für die Flüchtlingshilfe auch um Fernsehgeräte, Receiver und Satellitenschüsseln bittet.

Kontakt: Andreas Späinghaus, Tel. 0 23 92/ 7 22 33 4 oder post@asw-praesentation.de

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