Publikum hält den Atem an

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Lord-Bishop-Schlagzeuger Duda „The Bricklayer“ Jow trommelte auf den Bass-Saiten, welche ihm Gab „Velä“ Veläzquez bereitwillig hinhielt. Sechs Stunden Konzert lagen da hinter den Bands und den Zuschauern – und das machte allen sichtlich Spaß.

Werdohl - Am Ende lag Lord Bishop auf dem Bühnenboden – und um ihn herum verstreut das Schlagzeug. Für das Chaos war der letztlich erschöpft daliegende Musiker selbst verantworlich: In einer Art letztem Aufbäumen hatte der New Yorker Hüne erst mit seinem Gitarrenverstärker, dann dem Drum-Set und schließlich seinen beiden Mitmusikern Kopulationen vorgetäuscht. Und dann war die Luft raus.

Stets am 2. Oktober kommt der Paradiesvogel Lord Bishop in die Musikkneipe Alt Werdohl. Nie kommt er alleine. Dieses Mal hatte er sogar vier Vorgruppen mitgebracht. Das Ein-Tages-Festival bot Abwechslung und hohe musikalische Qualität. Ausverkauft war es indes nicht.

Ebenso gut wie das Festival endete, hatte es sechs Stunden zuvor begonnen: Die Band Soledown legte sich mächtig ins Zeug – und das machte sie wahnsinnig gut. Sogar Wirt Jürgen „Pöngse“ Krutzsch räumte ein: „Das ist zwar gar nicht meine Baustelle – aber das haben sie fantastisch gemacht.“

Soledown spielten Hardcore – also eine Mischung aus Punk-Rock und Heavy Metal. In ruhigeren Passagen von Songs mit Titeln wie „Nothing to Fear“, „Stereo Pain“ und „Bridges to Burn“ klang ihr Sound nach Grunge, vor allem nach der Band Soundgarden.

Das Wolfman Blues Orchestra rund um den Werdohler Ausnahmegitarristen Benny Peiser spielte Instrumentalimprovisationen, einen eigenen Song und pulsierende Cover-Versionen von „Cocaine“ (J. J. Cale) und „Sympathy for the Devil“ (The Rolling Stones). Der von Peiser bei seinem Auftritt kreierte „Rock ‘n’ Roll“-Schrei war hernach noch den gesamten Abend im Publikum zu hören.

Fünf Jahre nach der ersten Stippvisite kehrte dann der Jean-Marx-Express zurück. Atemraubend an dieser Show war, dass jeder Song ein komplett anderes Genre bediente. Marx sang mit seinen bis zu den Kniekehlen reichenden Dreadlocks das sehr poppige „To be“, das kratzig-bluesige „Hammerhead“, ein funky-rockendes „Whiskey, Weed and Wine“ sowie ein hart rockendes „Rat Race“. Besonders bemerkenswert war sein Bassist. Der Mann spielte mit irrsinnig schnellen Fingern. Diese zupften, streichelten und schlugen die dicken Saiten in einem wahnsinnigen Stakkato.

Cunning Mantrop waren neben dem Lord und Soledown eine wahre Entdeckung. Sie boten Hardrock mit einer gehörigen Portion Groove. Songs wie „Eyes on the sky“ machten einfach Laune – und die Mädels im Publikum freuten sich über einen Sänger und Gitarristen sowie einen Schlagzeuger, die beide nach kurzer Zeit die Oberbekleidung fallen ließen.

Dann war es Mitternacht und somit Zeit für den Lord. Nicht mehr ganz nüchtern und mit einer nur noch zu einem Drittel gefüllten Whiskeyflasche erklomm der Zwei-Meter-Mann die Bühne. Im Hinterkopf hatte er dabei wohl die Publikumsreaktionen von seinem Konzert zwölf Monate zuvor. Damals hatten sich viele beklagt, der Lord sei zu zahm gewesen, habe zu viele Balladen gespielt.

Wie weggeblasen waren derartige Bedenken zwei Stunden später: Der Lord hatte es richtig krachen lassen. Er hatte auf sämtliche Coverversionen verzichtet. Er hatte sich wie immer ins Publikum gemischt, während er seine Saiten quälte. Er hatte wie immer seinen Whiskey mit den Zuschauern geteilt – ob diese nun wollten oder nicht. Er hatte allen gezeigt, was eine Harke ist. Das war die vermeintlich beste Lord-Bishop-Show, die je in Werdohl über eine Bühne gegangen war.

Bereits nach drei Songs warf der Trommler seine schon völlig zerschundenen Drumsticks fort. Der Bassist wirkte vollkommen irre: Er legte sein Instrument auf eine Mauer, haute damit auf den Boden, wirbelte es um seinen Körper herum – und spielte bei all dem einfach weiter. Das Publikum hielt den Atem an.

Das Trio spielte bleischwere Riffs, messerscharfen Hardrock, schleppenden Blues. Und Pöngse tanzte hinter der Theke, klatschte begeistert in die Hände: Das war dann wieder voll und ganz seine Musik.

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