16 psychisch kranke Menschen besuchen Tagesstätte

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Melanie Schneller, Leiterin der Tagesstätte, hat schon so manchem Besucher das Trommeln beigebracht.

Werdohl -  In der Küche der Tagesstätte Frauenhilfe an der Bahnhofstraße 26 duftet es nach Mittagessen. Während eine Besucherin Hackfleisch zu Kugeln formt, ist ein anderer Besucher damit beschäftigt, Kartoffeln zu schälen. Es gibt Königsberger Klopse.

Seit dem 13. April ist die Tagesstätte Anlaufstelle für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Kostenträger ist der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL). Eigentlich werden die Menschen in der Tagesstätte Nutzer genannt. In Werdohl haben sich die Mitarbeiter jedoch auf die Bezeichnung Besucher geeignet. „Das klingt schöner“, sagt Tagesstättenleiterin Melanie Schneller.

Derzeit besuchen sechs Frauen und zehn Männer regelmäßig die hell und einladend gestalteten Räume an der Bahnhofstraße. „Die Besucher leben in eigenen Wohnungen. Sie brauchen aber eine Tagesstruktur“, erklärt Schneller.

Und so beginnt der Tag für die Männer und Frauen um 9 Uhr mit einem gemeinsamen Frühstück. Anschließend werde Zeitung gelesen und das Mittagessen geplant. Einige Besucher kümmern sich um den Einkauf. Dafür sei die Lage der Tagesstätte von Vorteil, erklärt Schneller. Alle Geschäfte seien fußläufig erreichbar: „So können wir jeden Tag frisch einkaufen.“ Um 12 Uhr stehe das Essen auf dem Tisch. Anschließend könnten die Besucher Zeit im kreativen Bereich verbringen. „Dort wird gehäkelt, gestrickt, gemalt und gefilzt“, erklärt Schneller. Zudem gibt es eine Nähecke, In einem Raum stehen afrikanische Djemben (Trommeln) für die Besucher bereit. Manch einer habe erst in der Tagesstätte seine Liebe zur Musik entdeckt, sagt Schneller.

Ein weiterer wichtiger Grund für die Besucher, in die Tagesstätte zu gehen, sei die Gesellschaft. „Es ist mir Zuhause zu langweilig. Hier ist man unter Menschen“, sagt Klaus. Sich mit anderen zu unterhalten sei viel besser, als fernzusehen oder „rumzugammeln“. Klaus ist von Montag bis Freitag in der Tagesstätte. Schon immer habe er gern handwerklich gearbeitet. Deshalb freue er sich sehr über den Holzarbeiten-Bereich. Dort arbeiten die Besucher Kleinmöbel auf oder stellen Figuren und Regale her. „Ich habe mir ein ganzes Schachspiel gebaut“, erzählt der 46-Jährige. In der Tagesstätte habe er richtige Freunde gefunden.

Einer von ihnen ist Manfred. Der 52-Jährige erinnert sich noch gut an seinen ersten Tag in der Tagesstätte: „Ich war sehr skeptisch. Ich kannte ja keinen hier. Aber schon am zweiten Tag war das Eis gebrochen.“ Anfangs war der 52-Jährige nur an drei Tagen in der Woche in der Tagesstätte. Schnell habe er jedoch auf vier und schließlich auf fünf wöchentliche Besuche erhöht. Und: „Wenn Samstag und Sonntag offen wäre, würde ich auch am Wochenende kommen“, sagt Manfred und lacht.

Das Team um Melanie Schnelle herum ist immer bemüht, die Talente und die Fähigkeiten der Besucher zu fördern. Und so hat Manfred festgestellt, dass er ein Händchen fürs Nähen hat. Etwas, das ihm bislang nicht bewusst gewesen sei. „Ich habe schon fünf Kissen genäht“, berichtet er stolz. Ohnehin habe er in der Tagesstätte viele, für ihn neue Dinge kennengelernt: „Ich habe hier Marmelade gekocht und Kräuteröle hergestellt. Talente, die im Verborgenen schlummern, werden hier freigelegt.“

Worüber sich der gelernte Bäcker besonders freut, ist die Möglichkeit, seinen Beruf in der Tagesstätte ausüben zu können. Regelmäßig backt er Brötchen für das Frühstück. Die fertigen Teile werden eingefroren und jeden Morgen frisch aufgebacken. Wenn keine mehr da sind, greift Manfred wieder zum Backwerkzeug. „Manchmal kann ich die anderen motivieren, mir zu helfen“, sagt er.

Melanie Schnelle arbeitet schon viele Jahre mit psychisch kranken Menschen. Gerade der Versuch, Betroffene mit verschiedenen Krankheiten – Psychosen, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen – zusammen zu bringen, sei nicht einfach. Die Menschen hätten oft Berührungsängste und keine Übung mehr im Umgang mit anderen. In der Tagesstätte an der Bahnhofstraße sei die Zusammenführung sehr gut gelungen. „Ich bin wirklich begeistert. Die Besucher verstehen sich gut, helfen sich gegenseitig und arbeiten auch gern mit. Sie sind alle gleich, haben eine ähnliche Geschichte“, sagt Schneller.

Meist würden die Besucher durch Kliniken, Betreuer oder durch betreutes Wohnen auf die Tagesstätte aufmerksam gemacht. Sprechen würden die Besucher ungern über ihr Leben. „Es ist immer noch ein Tabu-Thema“, weiß Schneller.

Interessierte könnten sich unter der Telefonnummer 0 23 92 / 8 06 87 01 bei Melanie Schneller melden. Wenn kein Platz frei ist, gebe es eine Warteliste.

Aus Gründen der Anonymisierung hat die Redaktion die Namen der beiden gesprächsbereiten Besucher geändert.

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