Räuber brauchen Geld für Drogen

Werdohl - Es gibt Raub-Opfer mit einem goldenen Herzen: „Entschuldigung angenommen“, erwiderte eine 64-jährige Zeugin aus Werdohl, die der heute 18-jährige Handtaschenräuber im Landgericht Hagen zuvor um Verzeihung gebeten hatte. Sie berichtete, wie der Räuber in der Silvesternacht 2014/15 die Beifahrertür ihres Autos aufgerissen und ihre Handtasche mit 75 Euro von dort mitgenommen hatte.

Die zweite Zeugin, eine ältere Dame, war durch die Attacke und das Wegreißen ihrer Handtasche aus dem Gleichgewicht geraten, gegen einen Baum geprallt und kurzzeitig in Ohnmacht gefallen: „Wie kamst Du denn dazu, eine alte Frau zu überfallen?“, wollte sie wissen. „Ich wollte nur Ihr Geld, um Drogen zu kaufen und warf ansonsten alles weg“, wäre die ehrlichste Antwort gewesen. „Du warst schnell“, stellte die Zeugin anerkennend fest und berichtete von dem Aufwand, den es sie gekostet hatte, ihre Papiere neu ausstellen zu lassen und sich ein neues Handy zu besorgen. Ob ihre Botschaft wohl ankam? „Ich hoffe, das war Dir eine Lehre“, sagte sie und meinte damit wohl all die Schwierigkeiten, in die der Angeklagte durch seine Handtaschen-Räubereien gekommen war. „Ist bei Ihnen etwas zurückgeblieben?“, wollte der Vorsitzende Richter Marcus Teich wissen. „Ich hoffe nicht“, scherzte die Seniorin mit offenbar ziemlich guten Nerven.

Eine dritte Zeugin (62) hatte zu ihrer Freude erst kürzlich eine Qualitätshandtasche mit robusten Lederhenkeln gekauft, die sie in der Nähe des WK-Kaufhauses erfolgreich gegen den daran ziehenden Räuber verteidigt hatte. Dennoch musste auch sie noch lange an den Angriff zurückdenken: „Ich habe viel Angst gekriegt. Drei, vier Monate war es ganz schlimm.“ Eine vierte Zeugin (57) hatte Geld bei der Sparkasse holen wollen, als der Räuber sie erwischte: „Es ging in Sekundenschnelle. Er riss mir das Portemonnaie aus der Hand und war weg. Ich habe noch versucht hinterherzulaufen und bin dabei gefallen.“

Ein Polizeibeamter gab einen ersten Einblick in die Ermittlungstätigkeit hinsichtlich der Tankstellenräuber. Er erinnerte sich daran, dass er den Handtaschenräuber, der in anderer Sache vernommen wurde, gefragt hatte, ob diese Überfälle eine Art Vorlauf für den „großen“ Überfall gewesen seien. Der 18-Jährige hatte schließlich ein Geständnis abgelegt und auch erklärt, wofür die Räuber das Geld brauchten: „Marihuana“. Ein Blick in das Bundeszentralregister der Straftaten offenbarte, dass der 18-Jährige noch nicht mit dem Strafrecht in Konflikt gekommen war. Sein 19-jähriger Mitangeklagter hatte hingegen einen Ungehorsamsarrest absitzen müssen, weil er nach einem Diebstahl 50 Sozialstunden nicht abgeleistet hatte. Der 20-Jährige sitzt derzeit wegen räuberischer Erpressung und Körperverletzung eine Jugendstrafe von zwei Jahren und neun Monaten ab.

Der Prozess wird am Dienstag, 16. Februar, fortgesetzt.

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