„Pöngses“ Debüt-Album jetzt wieder erhältlich

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Der Musiker Jürgen („Pöngse“) Krutzsch hat sein Debüt-Album von 1985 neu auflegen lassen.

Werdohl - Schallplatten-Läden riefen immer wieder beim Werdohler Kultwirt und Musiker Jürgen („Pöngse“) Krutzsch an. Ob er noch Exemplare der alten Cinema-LP „Isolation“ von 1985 habe, wollten sie wissen. Sie würden ihm mit Kusshand alle abkaufen.

„Die Ideen in meinem Kopf mehrten sich“, beschreibt der Musiker die Triebfeder, die ihn damals wieder komponieren ließ, nachdem sich seine erfolgreiche Krautrock-Band Tibet aufgelöst hatte. Cinema ist ein Ein-Mann-Projekt von Pöngse, mit dem er das weite Feld der elektronischen Musik erkundete. „Ich hatte mich schon immer für Synthesizer interessiert“, blickt er zurück. „Isolation“ enthielt acht Stücke, fünf davon mit Gesang – allesamt Eigenkompositionen von Krutzsch. Die Texte schrieb er selbst. Der Musiker, der einst Kunst studierte, hatte sogar das Cover der Schallplatte selbst gemalt.

„Bei Tibet machten wir ja Musik, die auf Gitarren basierte“, sagt der Cinema-Musiker und blickt auf 30 Jahre zurück. „Doch erst als ich mir das ,Isolation’-Album nach seiner Veröffentlichung selbst einmal in Ruhe anhörte, fiel mir auf, dass da gar keine Gitarren drauf waren.“

Aber dann kümmerte er sich um seine Musikkneipe Alt Werdohl, bis er 2012 mit „The MagiX box“ Cinema aus der Versenkung holte. Das Interesse am 30 Jahre alten Debüt war wieder geweckt. „Auf Sammlerbörsen wurden ,Isolation’ und auch die Single ,Once Upon a Time’ zu – ich sage mal – etwas besseren Konditionen gehandelt.“ Das kann Pöngse indes selbst nicht ganz nachvollziehen: „Den ungünstigen Bedingungen zu Beginn der Aufnahmesessions dürfte wohl der dilettantische Charme dieser Produktion geschuldet sein.“

Dennoch folgte der Musiker dem Ruf des Marktes und regte bei seiner Plattenfirma eine Wiederveröffentlichung des Werks ausschließlich auf Vinyl an – vorsichtshalber in einer Stückzahl von lediglich 300 Exemplaren. „Doch von der alten Tibet-Scheibe hatten wir auch erst einmal nur 500 gepresst. Die waren dann aber so schnell weg, dass wir noch einmal 500 nachpressten.“

Eigentlich wäre es Pöngse ganz recht gewesen, wäre das Album von 1985 in Vergessenheit geraten. Er war mit dem Sound komplett unzufrieden. „Dann fiel mir auf: Viele alte Sachen heute bekannter Künstler hören sich an wie billige Kassetten-Aufnahmen aus dem Proberaum.“ Da habe er sich dann gedacht: „Da kann ,Isolation’ aber auch mithalten.“ Die Neuauflage der LP wurde von der Plattenfirma remastered. „Man hört schon, dass der Sound aufgefrischt wurde“, räumt Pöngse ein.

Vor drei Jahrzehnten hatte er etliche Musiker eingeladen, seine Stücke im Studio zu veredeln: Richard Hagel von der PeeWee-Bluesgang ist zu hören, ebenso wie Birgit Liene von der General Lee Band, Saxofonist Richard Bracht von Zwillinge und die Blechgang, der Musikzeitschriften-Redakteur Thomas Adam, der in der Gospel-Szene bekannte Bassist Helmut Jost, Pöngses damalige Freundin Heike Wiechert und Dirk Schmalenbach von der Band Eden. Schmalenbach gehörte auch das Studio in Lüdenscheid, in dem Pöngse „Isolation“ damals aufnahm. „Die Basis-Tracks habe ich bei mir zuhause in einer Abstellkammer produziert. Dafür hatte ich mir eine Acht-Spur-Maschine gekauft.“

Der Cinema-Musiker erinnert sich an einen Tag in den 80er-Jahren: „Mein Auto war kaputt und ich habe mir extra einen Fiat 500 geliehen. Den habe ich vollgepackt mit meinen Synthesizern und Keyboards und bin damit nach Lüdenscheid gefahren – nur, um dort festzustellen, dass das Studio doppelt gebucht war. Ich musste also unverrichteter Dinge mit dem ganzen Krempel wieder zurückfahren.“ Pöngse überlegt: „Letztlich war ich bestimmt zwei Jahre im Studio, bis ,Isolation’ fertig war.“

Besonders freut sich Pöngse über eine erste Rezension von Michael Breuer auf der Internet-Seite Rocktimes. Dort heißt es, das neu aufgelegte Album erzeuge „Erinnerungsfetzen an (...) eine Zeit, als es so viel Neues zu entdecken gab“. Das Album, so Breuer weiter, „atmet eine Menge Zeitgeist und handgemachten Enthusiasmus, verbunden mit einen guten Gespür für einprägsame Melodien“.

Ein Hördurchgang präsentiert ein eklektisches Album – ein durchgängiger Sound fehlt. Das Eröffnungsstück „Bad Boys in Chinatown“ klingt wie ein typischer Mitt-80er-Jahre-Chartstürmer. „Beim Titeltrack ,Isolation’ geht es um eine große Leere, die ich damals auf einer Autofahrt von Düsseldorf nach Werdohl in mir spürte“, erläutert Pöngse. „Ich musste ständig anhalten, um mir Notizen für den Text zu machen, der quasi von selbst entstand.“ Das Stück klingt wie ein verschollenes Demo von Depeche Mode. „Doin’ it Again“ erinnert von der Komposition her an Jan Hammer, der die Titelmelodie zur TV-Serie „Miami Vice“ schrieb. Der Gesang hingegen lässt an die deutsche Synthie-Band Camouflage denken. Das Lied „Silly guy“ wiederum weckt Erinnerungen an den 80er-Jahre-Schlager „Julian“ von Mandy Winter. Bedrohlich-düsterer Höhepunkt des Albums ist schließlich „The Dukes of Darkness“.

Im Herbst soll das vierte Cinema-Album erscheinen. Die Aufnahmen zu dem rein instrumentalen Werk sind im vollen Gange. An dem Album arbeiten auch einige Musiker, die aus der Konzert-Reihe Go Music bekannt sind, mit. Mehr verrät Pöngse indes noch nicht.

Die Wiederveröffentlichung von „Isolation“ ist jetzt überall erhältlich – auch im Alt Werdohl – und kostet 19,90 Euro.

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