Gesamtschul-Pflegschaft fordert Entscheidung von der Stadt

Abitur in Werdohl steht auf dem Spiel

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Die Albert-Einstein-Gesamtschule (links) und das leer stehende Gebäude der ehemaligen Hauptschule (rechts) stehen auf dem Riesei eng beisammen.

Werdohl - Die Elternpflegschaft der Albert-Einstein-Gesamtschule (AEG) will bald von der Stadt wissen, wie die Zukunft der Schule aussieht. Die Politik solle sich endlich zu einer Entscheidung durchringen.

Die Zeit drängt in jeder Hinsicht: Die Gesamtschule wird im kommenden Schuljahr 2017/2018 zum vierten Mal in Folge die gesetzlich vorgeschriebene Vierzügigkeit unterschreiten. Auf diese Weise ist die Schule nicht überlebensfähig. Die Pflegschaft fordert für alle Eltern in der Stadt Klarheit über den Fortbestand von Gesamtschule und Realschule. Die Anmeldetermine stehen unmittelbar vor der Tür. Das Werdohler Abitur ist in Gefahr.

Die Situation ist eindeutig. In den vergangenen drei Jahren in Folge konnte die Gesamtschule nur drei Eingangsklassen bilden. Zuletzt gab es etwa 70 neue Fünftklässler. Das wird auch bei den zukünftigen Anmeldungen nicht anders sein, denn in Werdohl gibt es immer weniger Kinder. Die Anmeldungen für die Grundschulen sind erfolgt, auch hier zeigt sich der insgesamt negative Trend in Bezug auf die Schülerzahlen. AEG-Schulleiter Reinhard Schulte sagte schon vor knapp einem Jahr: „Die Vierzügigkeit im Bereich der Fünfer ist bei diesen Zahlen völlig unrealistisch.“ Eine Vierzügigkeit ist vor allem deshalb erforderlich, um auf Dauer die gymnasiale Oberstufe der Gesamtschule zu füttern. Damit steht das Werdohler Abitur auf dem Spiel. 

Bei der Bezirksregierung ist dieses Problem bekannt. Deren Sprecher Benjamin Hahn sagte auf Nachfrage dazu: „Die Lage an der Werdohler Gesamtschule ist momentan noch im Rahmen der Tolerierbarkeit.“ Die Dreizügigkeit sei allerdings kein Dauerzustand und keinesfalls eine Option. Hahn: „Die Situation stößt so langsam an ihre Grenzen. Die Bezirksregierung kann hier nur beraten, eine Entscheidung muss in Werdohl getroffen werden.“ 

Der Haupteingang der Albert-Einstein-Gesamtschule am Riesei.

Genau so hat es auch die Schulpflegschaft der Gesamtschule verstanden. Markus Hurst ist seit Herbst der stellvertretende Vorsitzende der neu formierten Elternschaft. Mit der Antwort der Bürgermeisterin am Montag während der Sitzung des Schulausschusses, man sei auf einem guten Wege, Lösungen zu finden, ist Hurst beruhigt. „Wir haben jetzt etwas Zeit gewonnen, um uns in der Pflegschaft Gedanken zu machen.“ In diesem Gremium wolle man nichts überstürzen und nicht gleich alle Eltern mobilisieren. 
 
Hurst, die neue Vorsitzende Andrea Stänicke und die Eltern der Pflegschaft sind über die Situation vollständig im Bilde. Die Eltern haben eine Wunschvorstellung: Die zweizügige Realschule wird zum Riesei verlegt und mit der Gesamtschule vereinigt. Werdohl hätte damit eine große weiterführende Schule mit allen Abschlussmöglichkeiten und dem Abitur-Angebot. Es gäbe dauerhaft genügend Schüler für eine Vierzügigkeit. Das leer stehende Gebäude der Hauptschule direkt neben der AEG würde für die neue, große Schule benötigt. 

Das andere Szenario wäre nach Ansicht der Eltern das Umwandeln der Gesamtschule in eine Sekundarschule auf dem Riesei mit dem gleichzeitigen Fortbestehen der Realschule in der Stadt. Dann wäre die gymnasiale Oberstufe in Werdohl für immer verloren, die Sekundarschule müsste sich einen Partner bei den Gymnasien in Altena oder Plettenberg suchen. Unrealistisch ist für die Eltern die Idee, die AEG würde zum Teilstandort einer Gesamtschule in einer anderen Stadt.

Die Verunsicherung bei den Eltern, die ihre Kinder im Februar bei Gesamtschule und Realschule anmelden wollen, sei sehr groß. Vorsitzende Andrea Stänicke: „Die Eltern müssen wissen, ob ihre Kinder das Abitur an der Gesamtschule machen können.“ Wenn das nicht klar sei, würden Eltern ihre Kinder an den Gymnasien in Altena oder Plettenberg anmelden. Sie kritisiert die Stadt: „Dort äußert sich niemand. Es passiert alles hinter verschlossenen Türen.“ Hurst wird deutlich in seiner Forderung: „Von der Politik muss jetzt bald das Signal kommen: Hü oder hott!“ 

Um diese komplexe Situation dauerhaft zu klären, hat die Stadt einen Arbeitskreis mit Vertretern der Fraktionen und der Verwaltung gebildet. Dieser Kreis will eine gemeinsame und von allen getragene Lösung vorstellen. Ein Zeitpunkt für diese Entscheidung wird nicht genannt. Aus dem Arbeitskreis dringt nichts nach außen. Allerdings gibt es Hinweise, wo die Fraktionen stehen. 

Die SPD will unter allen Umständen das Abitur in Werdohl erhalten. Bekannt ist die traditionelle Nähe der SPD zur Gesamtschule. Die CDU hat erklärt, sämtliche Schulen und Schulformen erhalten zu wollen. Die CDU steht der Realschule sehr nahe. Nebenbei: Zum Förderverein der AEG gehören WBG-Fraktionschef Hähnel und CDU-Ratsherr Schürmann.


CDU will Förderschule ins Hauptschulgebäude holen

Der Märkische Kreis sucht für ab 2018 ein Gebäude auf der Lenneschiene, in dem Förderschüler der Städte Plettenberg, Werdohl und Altena unterrichtet werden sollen. Die in Altena bestehende „Schule am Drescheider Berg“ bietet sich an. Der Schulstandort Plettenberg ebenfalls. Für Werdohl spricht die zentrale Lage. 

Der Kreis hat sich bereits an die Stadt Werdohl gewandt und angefragt, ob ein Schulgebäude zur Verfügung stehe. Der Kreis sucht ein Gebäude zunächst nur für drei bis vier Jahre. In einem Antrag an den Rat am Montag fordert die CDU-Fraktion, dem Kreis das seit dem Sommer leer stehende Hauptschulgebäude auf dem Riesei anzubieten. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Ohrmann sieht darin keine vorherige Festlegung in der Debatte um die Schullandschaft: „Das ist völlig ohne Hintergedanken.“ Würde der Kreis das Gebäude mieten, wäre die Option der Verlegung der Realschule zum Riesei nicht möglich.

Das steht im Schulgesetz

Das Schulgesetz für das Land Nordrhein-Westfalen regelt im § 82 die Mindestgröße von Schulen. Unter Ziffer 7 heißt es: „Gesamtschulen müssen bis Klasse 10 mindestens vier Parallelklassen pro Jahrgang haben. Wird diese Mindestgröße unterschritten, kann eine Gesamtschule fortgeführt werden, wenn sich aus der Schulentwicklungsplanung ergibt, dass dies im Planungszeitraum nur vorübergehend der Fall ist und den Schülerinnen und Schülern der Weg zu einer anderen Gesamtschule mit mindestens vier Parallelklassen pro Jahrgang nicht zugemutet werden kann.“

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