Nachbarschaftshilfezentren kommen aus der Grauzone

Hubert Stoff hat das Leben seiner Mutter im Nachbarschaftshilfezentrum Ütterlingsen sehr genau dokumentiert. Das Foto zeigt ihr Bett am 19. Mai 2013 um 18.53 Uhr. Marguerite Brüggemann ist einen Monat später gestorben.

Werdohl -  Bis zu ihrem Tod im Jahre 2013 hat die Mutter von Hubert Stoff (62) im Nachbarschaftshilfezentrum (NHZ) Ütterlingsen gelebt. Stoff hat die in dieser Zeitung veröffentlichten Differenzen zwischen dem ambulanten Pflegedienst der Märkischen Kliniken und der Wohnungsgesellschaft Werdohl als Betreiber des NHZ zum Anlass genommen, seine Sicht der Dinge zu schildern.

Hauptkritikpunkt von Stoff ist, dass das Wohnmodell des NHZ bis heute nicht unter der Kontrolle der Heimaufsicht steht. Nur so ließen sich sehr viele Ungereimtheiten bei der Pflege und der hauswirtschaftlichen Betreuung erklären. Stoff hat die drei Jahre seiner Mutter Marguerite Brüggemann im NHZ nahezu lückenlos dokumentiert.

Die meisten Auseinandersetzungen hatten Hubert Stoff und seine Schwester Arlette Brüggemann mit den Märkischen Kliniken geführt. Die Klinikgruppe betreut die zwölf Bewohner des NHZ mit zwei Arten von Leistungen: Pflegerische Leistungen erbringt der ambulante Dienst der Märkischen Kliniken, hauswirtschaftliche Dienstleistungen erledigt die Märkische Catering GmbH. Die Bewohner des NHZ haben einen Mietvertrag mit der Wohnungsgesellschaft und gesonderte Verträge über Pflege- und hauswirtschaftliche Leistungen mit den Kliniken. Teile der Hauswirtschaft über die Benutzung der Gemeinschaftsküche und des Aufenthaltsraumes sind mit der Woge über den Mietvertrag geregelt. Zwischen der Woge und den Märkischen Kliniken gebe es keinerlei vertragliche Vereinbarungen – so erklären es jedenfalls Woge und Kliniken. Stoff ist anderer Ansicht: „Ich bin im Besitz eines Dokumentes, in dem die Stadtklinik Werdohl als Vertragspartner aufgelistet ist.“

Er erinnert sich an ein Streitgespräch mit Ingo Wöste, dem Geschäftsführer der Wohnungsgesellschaft. Die Kliniken hatten nach Meinungsverschiedenheiten mit Hubert Stoff den Betreuungsvertrag für Marguerite Brüggemann gekündigt. Daraufhin wollten ihre Kinder – die für ihre Mutter die volle Betreuungsvollmacht besaßen – einen anderen Pflegedienst nach Ütterlingsen bestellen. Wöste habe in dem Zusammenhang gesagt, dass er das niemals dulden könne, sonst „fliege“ ihm das Konzept des NHZ „um die Ohren“.

Ingo Wöste erinnert sich ebenfalls an dieses Gespräch, spricht aber nur von hauswirtschaftlichen Leistungen. Es sei sehr wohl möglich, dass Bewohner des NHZ einen anderen Pflegedienst als den der Märkischen Kliniken beauftragen könnten. „Ich habe damit kein Problem“, so der Woge-Geschäftsführer. Die hauswirtschaftlichen Dienstleistungen allerdings müssten zwingend über die Kliniken beziehungsweise in Form der Umlagekosten für die Gemeinschaftsräume bezogen werden. Stoff kritisiert in diesem Zusammenhang heute noch, dass es keine klare Abgrenzung zwischen dem Wohnkonzept eines NHZ und dem eines Altenpflegeheimes gebe. Ein Pflegeheim, egal ob in privater oder kirchlicher Trägerschaft, werde mit allen Instrumenten der Heimaufsicht kontrolliert.

Die beiden Nachbarschaftshilfezentren der Woge in Ütterlingsen und in Pungelscheid unterliegen bislang keiner solchen Kontrolle. Stoff kann zahlreiche Vorfälle und Ereignisse nachweisen, bei denen der Pflegedienst damals bei seiner Mutter Fehler gemacht habe.

Ingo Wöste weist diese Kritik nicht vollends ab. Das Wohn- und Teilhabegesetz habe die Wohnform eines NHZ bislang toleriert, so Wöste auf Nachfrage. Es handele sich sozusagen um eine Grauzone oder eine Experimentierphase. Seine NHZ seien so offen und transparent, dass er dies als Kontrollfunktion ansehe. Eine Änderung, die allen Seiten Rechtssicherheit gebe, trete ab dem 30. Juni in Kraft. Das im Oktober neu ausformulierte Wohn- und Teilhabegesetz verlange auch von Einrichtungen wie dem NHZ eine Klassifizierung und Abstufung. „Ab dem Sommer werden auch unsere NHZ und die darin tätigen ambulanten Pflegedienste von der Heimaufsicht kontrolliert“, so Wöste: „Ich begrüße das sehr.“

Stoff hatte damals viele Vorwürfe an die Dienstleister-Gesellschaften der Kliniken gerichtet. Zustände in der Küche und bei den Mahlzeiten seien weder damals noch heute so zu akzeptieren. Stoff: „Im Wichernhaus oder an der Schulstraße kommen Sie nicht so ohne weiteres in die Küche, im NHZ habe ich sogar einen Hund in der Küche fotografiert, da latscht jeder einfach rein.“ Die Hauswirtschafterinnen seien nicht für pflegerische Aufgaben qualifiziert, hätten diese aber dennoch vorgenommen. Der Pflegedienst habe die Mutter Bescheinigungen unterschreiben lassen, obwohl die 92-Jährige schon lange nicht mehr geschäftsfähig war.

Im Pflegebericht seien Ausscheidungen schon für den ganzen Monat im Voraus angekreuzt worden. Stoff spricht von „haarsträubenden Krakeleien“ in den Pflegeberichten. Seine Mutter sei die letzte Woche ihres Lebens ohne Bewusstsein gewesen. Sie habe sterben wollen, die Geschwister hatten verfügt, dass ihre Mutter nicht künstlich ernährt werden sollte. Stoff: „Die haben ihr aber mit konstanter Boshaftigkeit was zum Essen gegeben.“

Stoff, der seit Jahrzehnten in Remscheid lebt, ist nicht daran gelegen, alte Vorwürfe zu erneuern: „Meine Mutter ist jetzt zwei Jahre tot und sie ist in Frieden gestorben.“ Er wolle aber mit seinen Aufzeichnungen dazu beitragen, zukünftige Zustände zu verbessern.

Auf die Kritik von Hubert Stoff reagierte auch Christine Lehnert, Geschäftsführerin des ambulanten Pflegedienstes der Märkischen Kliniken. Sie sei erst seit 2014 in dieser Position und kenne weder Herrn Stoff noch Frau Brüggemann. Sie würde sich stattdessen ein Gespräch mit Hubert Stoff wünschen, um aus dessen Erfahrungen lernen zu können.

Von Volker Heyn

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare