Michael Wirth schildert Werdohler Flüchtlingen die Anhörung

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Lothar Jeßegus (links) und Michael Wirth informierten die Asyl-Begehrenden über ihr am Mittwoch bevorstehendes Verfahren.

Werdohl - Kein Blatt vor den Mund nahm am Donnerstagabend Michael Wirth im Christuskirchen-Gemeindehaus.

Der Leiter des Fachbereiches Migration des Diakonischen Werkes Lüdenscheid-Plettenberg informierte über die am Mittwoch bevorstehende Anhörung von 150 Werdohler Flüchtlingen im Asylverfahren. Die rund 60 Anwesenden reagierten resigniert bis geschockt.

Wirth ist studierter Erziehungs- und Sozialwissenschaftler und sprach den gesamten Abend über in englischer Sprache. Drei Anwesende übersetzen in ihre jeweiligen Muttersprachen. Wirth hatte offenbar die Gelegenheit, mit Flüchtlingen zu sprechen, die ihre Anhörungen bereits absolviert haben.

Er berichtete von dem zweitägigen Verfahren mit Übernachtung in Bochum. Dabei müssen die Asyl-Begehrenden zwei Interviews geben. Das erste umfasse 25 Fragen und beschäftige sich vornehmlich mit der Route, die die Flüchtlinge hinter sich gebracht hätten, um aus ihrer Heimat nach Deutschland zu gelangen. Zudem müssten an dieser Stelle der Anhörung Fingerabdrücke abgegeben werden.

"Die Anhörung wird mehr als anstrengend"

Dieses erste Interview diene der Klärung der Frage, ob Deutschland überhaupt zuständig sei für diesen speziellen Asylbewerber. Wenn ja, folge das zweite Gespräch. In diesem gehe es um die Gründe für die Flucht. Im Regelfall finde es am zweiten Tag in Dortmund statt. Wirth weiß: „Die meisten von Ihnen haben auf den Tag ihrer Anhörung viel zu lang gewartet.“ Aber die Flüchtlinge sollten wissen: „Die Anhörung wird mehr als anstrengend. Dort ist es sehr eng und sehr voll.“

Rund 60 Flüchtlinge waren am Donnerstagabend ins Gemeindehaus gekommen, um sich über ihr Asylrechtsverfahren zu informieren. Es wurde aus dem Englischen in drei Sprachen übersetzt.

Das Ganze sei „nicht so komfortabel“, angesichts dessen, dass es für die Betroffenen der wichtigste Tag ihres Lebens überhaupt in Hinblick auf ihre Zukunft sei. Die schonungslose Schilderung Wirths der Situation verfehlte ihre Wirkung nicht: Die anwesenden Flüchtlinge waren niedergeschlagen. Sie atmeten tief durch, winkten ab und schlugen die Hände vors Gesicht.

Wirth hatte auch Tipps parat: „Fangen Sie noch heute Abend an, sich an alles zu erinnern. Schreiben Sie es nieder und lesen es immer wieder. Aber sprechen Sie im Interview frei – lesen Sie nicht ab. Nur dann wirkt es glaubwürdig und authentisch.“

Die Berichte im zweiten Interview seien wirklich entscheidend für das weitere Leben. Und: „Was dort nicht gesagt wird, wird von Ihnen nie mehr gesagt werden können. Vergessen Sie also nichts.“ So müssten die Asylbewerber im Vorfeld alle persönlichen Dokumente, Fotos, Zeitungsausschnitte sowie ärztlichen Bescheinigungen kopieren, um sie bei der Anhörung in ihre Akte zu geben.

"Erzählen Sie alles so detailliert wie möglich"

Immer wieder warnte Wirth die Anwesenden eindringlich vor ungenauen oder fahrlässigen Schilderungen in den Interviews. „Es wird Zeit genug für die gesamte Biografie da sein. Die Beamten bekommen viel Geld, damit Sie Ihnen zuhören. Erzählen Sie also alles so detailliert wie möglich. Sagen Sie aber auch, wenn Sie sich an etwas nicht mehr genau erinnern.“

Der Diakonie-Mitarbeiter betonte: „Die Beamten bei der Anhörung werden nicht nett zu Ihnen sein. Sie werden schreien. Sie werden Sie nervös machen.“ Ein dritter Mensch werde im Raum sein, ein Übersetzer. „Aber achten Sie darauf, dass er alles richtig übersetzt. Manche Übersetzer sind etwas gerissen, vor allen Dingen, wenn er jemanden nicht leiden kann“, warnte Wirth. Deshalb sei es für alle Flüchtlinge wichtig, zu wissen: „Sie dürfen zur Anhörung auch eine Vertrauensperson mitbringen – am besten jemanden, der die Muttersprache und Deutsch beherrscht.“ Zudem habe jeder Asylbewerber das Recht, einen Übersetzer abzulehnen. Dieser müsse daraufhin ausgetauscht werden. Dieses Recht beinhalte auch die Entscheidung, einen Übersetzer oder eine Übersetzerin zuzulassen.

"Sie sind keine Bettler"

Auch gegenüber den Beamten des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge sollten die Antragsteller selbstbewusst auftreten. Wirth hob hervor: „Sie sind keine Bettler. Sie haben das Recht, hier einen Asylantrag zu stellen. Und darauf sind wir Deutschen stolz.“ Am Ende werde von der Anhörung ein Protokoll erstellt. Dieses müsse der Asylbewerber unterzeichnen. Wirth mahnte: „Haben Sie aber irgendwelche Zweifel daran, dass Ihre Schilderungen richtig übersetzt wurden, so unterschreiben Sie es nicht.“ Der Leiter der Werdohler Flüchtlingshilfe werde sich um anwaltliche Hilfe kümmern.

Die Entscheidung über den Asyl-Antrag bekämen die Flüchtlinge nicht am Ende der zweitägigen Interviews. „Diese bekommen Sie später per Post – in einem gelben Umschlag. Wenn Sie diesen Brief erhalten, kontaktieren Sie auf jeden Fall sofort Lothar Jeßegus oder den städtischen Flüchtlingsbeauftragten Michael Tauscher.“ Wirth streute auch seine persönliche politische Auffassung ein: „Rechte Politiker befinden sich in Deutschland im Aufschwung. Deshalb wollen die amtierenden Politiker in Nordrhein-Westfalen, will der Innenminister in Düsseldorf, Sie schnell ausweisen. Schließlich sind in NRW ja bald wieder Wahlen.“

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