Mit dem Flüchtlings-Koordinator unterwegs

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Der Bewohner des Übergangswohnheimes will sich bei einer Zeitarbeitsfirma vorstellen. Gemeinsam mit Naderi erklärt Michael Tauscher dem Mann aus Afghanistan, dass er einen Lebenslauf schreiben soll.

Werdohl - „Hallo – Sozialamt“, ruft Michael Tauscher – und klopft energisch an alle Zimmertüren. Der Werdohler Flüchtlings-Koordinator vergewissert sich, dass es den Menschen, die in den Übergangsheimen untergebracht sind, gut geht – und kontrolliert gleichzeitig, ob in den städtischen Gebäuden alles in Ordnung ist.

Jeden Tag bekommen die Flüchtlinge Besuch von einem Mitarbeiter der Stadt Werdohl. Regelmäßig sieht auch Michael Tauscher am Grasacker, Im Winkel und in der Osmecke nach dem Rechten. Begleitet wird er von Norhassan Naderi, der bei der Stadt Werdohl den Bundesfreiwilligendienst absolviert. Er hat bereits viele nützliche Dinge in den Kofferraum des Wagens gepackt, mit dem sich die beiden auf den Weg machen, unter anderem Leuchtmittel, große Zettel und natürlich diverse Werkzeuge.

Das erste Ziel ist schnell erreicht; das Übergangswohnheim am Grasacker ist nur einen Steinwurf vom Rathaus entfernt. Tauscher zückt einen der überdimensional großen Schlüsselbund. Auf Anhieb hat er den richtigen Schlüssel griffbereit und öffnet die Eingangstür. Sieben junge Männer, die für die Stadt arbeiten oder zur Schule gehen, wohnen momentan mitten in der Stadt – folglich ist niemand zu Hause.

Die Bewohner putzen selbst

Tauscher und Naderi gehen durch alle Flure, schauen in die Badezimmer und WC-Räume, werfen einen Blick in die Gemeinschaftsräume sowie in einzelne Zimmer und kontrollieren zum Schluss den Keller. Mit dem Ergebnis sind sie sehr zufrieden: Alles ist sauber und aufgeräumt. Lediglich in einem Raum brennt das Licht. „Das mit der Beleuchtung hat sich sehr gebessert. Anfangs sah es oft ganz anders aus“, stellt Tauscher fest, und kontrolliert bei dieser Gelegenheit, ob der Thermostat der Heizung in der richtigen Position steht. Der Heizkörper ist kalt. „Auch das klappt jetzt“, stellt er zufrieden fest. Bevor es weitergeht, hängt er den Putzplan für die nächsten Wochen mit Klebeband gut sichtbar im Hausflur auf. Der Flüchtlings-Koordinator erklärt: „Fremdreinigungsfirmen brauchen wir nicht mehr. Die Bewohner putzen selbst.“

Die zweite Station ist das Übergangswohnheim Im Winkel, das nicht besonders einladend wirkt. Nur wenig Licht fällt durch die kleinen Fenster in die grauen, aber sauberen Flure des Gebäudes, die eher an einen Bunker erinnern. Ein Ort zum Wohlfühlen sieht anders aus. Trotzdem sind noch zwei Etagen belegt, 14 Flüchtlinge seien in der Unterkunft am Waldrand gemeldet, erzählt Tauscher. Allerdings ist das Gebäude an diesem Morgen verwaist. Der Flüchtlings-Koordinator und der Bufdi starten auch Im Winkel zu einem Rundgang, lassen einige Mülltüten sowie Putzutensilien zurück, und sind zufrieden, dass in den Küchen die Fenster zum Lüften geöffnet wurden. „So muss es sein“, stellt Tauscher fest.

Dokumentation per Handyfoto

Im Keller fällt den beiden auf, dass eine Waschmaschine geschlossen ist. Probehalber schaltet Tauscher das Gerät ein – es ist alles in Ordnung. Im Stockwerk darüber ist das nicht der Fall: Das Notzimmer – dort können zu jeder Tages- und Nachtzeit Menschen kurzfristig einquartiert werden – ist geöffnet worden. „Die Bettwäsche fehlt“, stellt Tauscher fest. Er fotografiert den geöffneten Riegel mit seiner Handykamera, um den Vorfall zu dokumentieren. Beim nächsten Besuch will er sich mit einem Flüchtling aus Afghanistan unterhalten. „Er hält für uns die Augen offen und fegt das Treppenhaus“, berichtet Tauscher. Im Gegenzug wohne der Mann in einem der beiden hellsten und freundlichsten Zimmer des Gebäudes.

Im zweiten dieser Zimmer haben die Mitarbeiter der Stadt Werdohl inzwischen einen „Ankommenstreffpunkt“ geschaffen: Eine kleine Teeküche, ein Computer und eine gemütliche Sitzgelegenheit stehen zur Verfügung. „In diesem Zimmer können wir auch mal in Ruhe ein Gespräch führen“, erklärt Tauscher. Das kommunale Integrationszentrum ermögliche die Einrichtung solcher Räume. „Wir haben das Geld gedrittelt“, sagt der Flüchtlings-Koordinator. Ein zweiter Ankommenstreffpunkt entsteht gerade im Übergangswohnheim in der Osmecke, den dritten Raum richte das Bündnis für Flüchtlinge im ehemaligen Kindergarten am Kirchenpfad ein.

Eine Internetverbindung steht Im Winkel allerdings bisher nicht zur Verfügung. Das sei zwar bedauerlich, aber für die Bewohner des Heims kein allzu großes Problem. „Viele gehen die 200 Meter bis zur Osmecke zu Fuß. Dort gibt es Internet und die Flüchtlinge können sich mit ihren Verwandten in Verbindung setzen“, sagt der Flüchtlings-Koordinator.

Norhassan Naderi übersetzt

Das Übergangswohnheim an der Osmecke ist, bis auf ein Zimmer, noch voll belegt. Bei ihrer Inspektion sind die Mitarbeiter der Stadt bezüglich der Sauberkeit nicht zufrieden. Das Treppenhaus könnte eine Reinigung vertragen, der Keller ist unordentlich, und in einer Ecke finden die Männer Sperrmüll. Tauscher klopft an mehrere Türen. „Der Keller muss dringend aufgeräumt werden“, erklärt er einigen Flüchtlingen, die ihm ihre Zimmertüren geöffnet haben. Ein Flüchtling aus Afghanistan nickt zustimmend – und nutzt die Gelegenheit, den Männern das Schreiben einer Zeitarbeitsfirma zu präsentieren. Tauscher liest und erläutert dem Mann, dass er zum Gesprächstermin bei dem Unternehmen einen Lebenslauf mitbringen muss. Als er offenbar nicht alles versteht, schaltet sich Norhassan Naderi und übernimmt die Rolle des Übersetzers.

Der Flüchtlings-Koordinator muss an diesem Morgen noch zwei Wohnungen in Augenschein nehmen. Tauscher und sein Team – Fathia Ezitouni, Petra Seuster und Jörg Wierig genannt Schärf sowie die Bufdis Norhassan Naderi und Lothar Jeßegus – bemühen sich darüber hinaus um Freizeitbeschäftigung, Behördenkontakte, Praktika und viele Dinge des alltäglichen Lebens für die Flüchtlinge, sie kümmern sich um Menschen aus diesem Personenkreis, die gerade mit einer besonders schwierigen Lebenslage zu kämpfen haben – beispielsweise durch eine eigene schwere Erkrankung oder die eines Kindes. Montags nachmittags ist Tauscher meist als Ansprechpartner beim Café der Flüchtlingshilfe am Kirchenpfad präsent. An anderen Tagen fährt er nachmittags oft in eine oder auch mehrere Unterkünfte: „Wir sind immer da, wenn es Probleme oder Fragen gibt.“

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