Märkische Werkstätten bilden junge Leute aus

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Andrej montiert das Sicherungselement, indem er zwei Schieber aus Metall hinzufügt und legt eine Abdeckplatte obendrauf legt.

Werdohl - Hauswirtschaft macht keinen Spaß, da sind sich Andrej, Urs, Timo und Mustafa einig. Viel lieber arbeiten sie im Montage-Bereich der Behindertenwerkstatt mit; gerade bauen sie Hochschiebe-Sicherungen für Rollläden zusammen. Urs hat aber noch ganz andere Pläne. „Ich möchte gern in einer Gärtnerei oder im Bereich Verpackung arbeiten“, sagt der 19-Jährige. Gruppenleiter Frank Isselhorst will ihm dabei helfen, einen dieser Wünsche zu verwirklichen.

Die vier jungen Männer werden seit September zusammen mit zwei weiteren im neuen Berufsbildungs-Bereich (BBB) der Märkischen Werkstätten am Kettling ausgebildet. In zwei Jahren können sie in den Produktions-Bereich der Werkstatt wechseln oder sich eine Stelle auf dem regulären – dem so genannten ersten – Arbeitsmarkt suchen.

Nicht alle haben von Anfang an ein so klares Ziel vor Augen wie Urs. Sie sollen deshalb möglichst viele Arbeitsbereiche der Werkstatt kennen lernen. „Während der ersten Monate führen wir außerdem viele Gespräche“, sagt Frank Isselhorst. „Wir möchten herausfinden, welche Fähigkeiten und Interessen die jungen Leute haben und was sie machen wollen.“

Nach ein paar Wochen im BBB hat deshalb jeder Beschäftigte einen Fragebogen ausgefüllt. „Was bedeutet Ihnen Arbeit?“, steht zum Beispiel darauf. Darunter können die jungen Männer Antworten ankreuzen wie „Geld verdienen“, „Gefühl, gebraucht zu werden“, „neues Wissen erwerben“ oder „Abwechslung haben“.

Auch welche Erwartungen und Sorgen sie mit Blick auf die Arbeit in der Werkstatt haben, wird abgefragt, ebenso wie berufliche und persönliche Kompetenzen. Den gleichen Fragebogen füllt Frank Isselhorst für jeden Beschäftigten aus. Anschließend gleicht er seine Antworten mit denen der Beschäftigten ab und spricht mit ihnen über ihre Wünsche und Ziele, die sie aufgeschrieben haben.

„Wir müssen schauen, was unsere Werkstatt leisten kann“, sagt der Gruppenleiter. Denn der Schwerpunkt der Werdohler Einrichtung liegt auf der Industriemontage. Garten- und Landschaftsbau hingegen gehört nicht zum Ausbildungsangebot. Wenn Urs sich für diese Richtung entscheidet, muss er in eine andere Werkstatt wechseln, um seinen Traumberuf zu erlernen – auch dabei wird Isselhorst ihn unterstützen.

Dass die Interessen und Wünsche der Beschäftigten so im Vordergrund stehen, war nicht immer selbstverständlich, sagt der 49-Jährige: „Da findet gerade ein Paradigmenwechsel in den Werkstätten statt.“ Früher mussten sich die Beschäftigten an die Gegebenheiten in der Werkstatt anpassen. Heute haben sie viel mehr Mitspracherechte; sie können sagen, was sie lernen wollen und welche Ziele ihnen wichtig sind.

Urs möchte lieber in einer Gärtnerei arbeiten. Dafür müsste er aber in eine andere Werkstatt wechseln.

Die Rollladen-Bauteile montieren die jungen Männer im BBB gerne. Gerade sitzen sie zu dritt an einem großen Tisch: Urs legt einen grünen Riegel in eine breite, schwarze Einhängeplatte ein, aus der später die 5. Januar 2016 wird. Andrej fügt zwei Schieber aus Metall hinzu und legt eine Abdeckplatte aus Metall obendrauf. Den letzten Arbeitsschritt übernimmt Timo: Mit einer Knie-Hebel-Presse vernietet er die Abdeckplatte, damit die Einzelteile sich nicht mehr voneinander lösen können. „Timos Aufgabe ist am schwierigsten“, findet Mustafa, der auch schon bei den Rollläden-Teilen geholfen hat. „Man braucht viel Kraft, um den Hebel herunterzudrücken.“

Die Aufgaben für den BBB kommen meistens aus dem Produktions-Bereich – auch die Rollladen-Sicherungen werden später in der Werkstatt noch weiter verarbeitet. „Manchmal nehmen wir zum Üben auch Restmaterial aus alten Aufträgen“, erzählt Frank Isselhorst. „Das montieren und demontieren wir dann, um alle Werkzeuge kennenzulernen.“

Weil der Berufsbildungs-Bereich noch ganz neu ist, verfügt der Gruppenleiter noch nicht über einen Fundus an Trainingsmaterial. „Da muss man sich manchmal etwas einfallen lassen“, sagt er und lacht. „In den ersten Tagen hatten wir noch gar keine Aufgaben. Da haben wir unsere Arbeitsstühle überprüft und repariert.“

Bald soll im BBB-Raum eine Planungstafel mit einer Wochenübersicht hängen. So können sich die Beschäftigten orientieren und sehen, welche Arbeiten wann geplant sind. „Schließlich haben sie auch das Recht, bestimmte Lerninhalte einzufordern“, sagt Isselhorst.

Aber natürlich muss auch jeder junge Mann manchmal Aufgaben übernehmen, die ihm nicht so liegen. „Selbst wenn jemand sagt, etwas interessiert ihn nicht: Ich rate immer dazu, es auszuprobieren“, erläutert der Gruppenleiter.

Außerdem wolle er ja nicht ausschließlich fachliche Inhalte vermitteln: „Es geht nicht nur darum, zu lernen, wie ich mit einem Hammer einen Nagel in ein Brett schlage. Es geht auch um Persönlichkeitsbildung.“ Und wer sich an eine Aufgabe nicht herantraue, den müsse er eben immer wieder motivieren, sagt der 49-Jährige. „Die jungen Leute sollen Erfolgserlebnisse haben, aber auch eine gewisse Frustrationstoleranz entwickeln.“

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