"Gefährlich": Landgericht verhandelt ohne Beschuldigte

Werdohl - Ungewöhnliche Umstände haben den Auftakt zum Unterbringungsverfahren gegen eine 61-jährige Frau begleitet, die zuletzt im Seniorenheim „Forsthaus“ in Werdohl gelebt hatte.

Weil sie weder willens noch in der Lage war, dem Prozess selber beizuwohnen, verhandelte die 6. große Strafkammer ohne die Beschuldigte. „Das Krankheitsbild darf durch eine solche Verhandlung nicht zusätzlich verschlechtert werden“, begründete der psychiatrische Gutachter Dr. Michael Mattes die Verhandlungsunfähigkeit der Beschuldigten. „Man hätte sie nur in Vollfixierung ins Gericht bringen können“, zog er die Konsequenzen aus seinem Eindruck von einer Visite bei der vorläufig in der psychiatrischen Klinik in Lippstadt-Eickelborn untergebrachten Frau.

Gemeinsam mit dem Vorsitzenden Richter Dr. Christian Voigt hatte der Gutachter die Beschuldigte am Vormittag aufgesucht. Dem morgendlichen Transport von Eickelborn ins Landgericht hatte sie sich nach Kräften widersetzt. Danach war klar, dass sie nur gewaltsam nach Hagen hätte gebracht werden können. Das aber lehnte die 6. große Strafkammer ab.

Weil sich der Beginn des Verfahrens um gut fünf Stunden verzögerte, erklärte der Vorsitzende Richter den elf angereisten Zeugen persönlich, wie es dazu gekommen war und in welch schwieriger Verfassung sich die 61-Jährige befindet. Vergleichsweise klein wurde da ein Problem, das sich am Mittag zusätzlich stellte: Bei einer Beisitzenden Richterin der Kammer setzten Wehen ein, so dass kurzfristig noch ein Ersatzrichter verpflichtet werden musste.

In rekordverdächtiger Zeit bewältigte die Kammer anschließend die Vernehmung der elf Zeugen. Die wichtigsten kamen dennoch ausreichend zu Wort. Viele hatten die Frau als Pfleger und Betreuer im Haus Hellersen, in der dortigen psychiatrischen Pflegeeinrichtung, in der Hans-Prinzhorn-Klinik (HPK) in Hemer oder zuletzt im Seniorenheim „Forsthaus“ in Werdohl auf eine äußerst verstörende Art und Weise kennengelernt: Beleidigungen, Suizid- und Todesdrohungen, ständige Sachbeschädigungen bis hin zu absichtlich herbeigeführten Überschwemmungen und handfeste körperliche Übergriffe hatten die Betreuerinnen an ihre Grenzen geführt.

„Wir schaffen das nicht – diese Frau ist gefährlich“, sagte eine 50-jährige Altenpflegerin. „Die Frau kann nicht mehr zurückkommen.“ Wie mehrere ihrer Kolleginnen zögerte sie nicht, die Frage, ob ihr so etwas schon einmal vorgekommen ist, klar zu verneinen. Und diese Aussage betraf immerhin eine Berufserfahrung von rund 25 Jahren. „Die ist böse, die ist anders“, deutete auch die Pflegedienstleiterin des Forsthauses an, dass diese Bewohnerin alle Beteiligten überfordert. „Wir dachten, es geht, aber es geht nicht.“

Die geballte Fülle an Zeugenaussagen machte deutlich, dass die elf Vorwürfe der Antragsschrift nur die ganz kleine Spitze eines großen Eisberges sind: Darunter sind Ohrfeigen, Schläge gegen den Nacken oder Faustschläge ins Gesicht. Einem Pfleger in der HPK goss die 61-Jährige heißes Wasser über den Arm.

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