Kleines Kulturforum: Das ganze Spektrum menschlicher Gefühle

Das Kleine Kulturforum war beim Chansontheater am Sonntagabend mehr als gut gefüllt.

Werdohl -  „Das ganze Spektrum menschlicher Gefühle auf einer Parkbank“, versprach Annette Wolf bei der Begrüßung zum jüngsten vom Kulturverein Werdohl präsentierten Kulturcafé.

Unter der Überschrift „Der Nächste bitte“ boten die Mimin Simone Silberzahn und die Pianistin Lena Jedigh dann tatsächlich einen Parforceritt durch das allzu Menschliche. Diese Kammerspiel-Inszenierung im Kleinen Kulturforum (KKF) war überaus unterhaltsam.

Die erste Hälfte des 105-minütigen Abends stand ganz im Zeichen von Anna. Die Schauspielerin Silberzahn spielte das Barmädchen, das sich in den Kunden Max verliebt hatte. Während sie von ihrem Schwarm erzählte, schwankte die junge Frau mit ihrem überschwänglichen Wesen zwischen Albernheit, Verliebtheit, Melancholie, Selbstbewusstsein, Zorn und Unsicherheit.

„Dann liegt man da mit seinem vollen Herzen und weiß gar nicht, was man sagen soll“, gab Anna zu Protokoll, während sie kaum einen Augenblick still stehen oder sitzen konnte. Sie blies einen herzförmigen Luftballon auf, sprang über die Parkbank, verstreute Blumenblätter und wandelte durchs Publikum. Zum einfühlsam-lebendigen Klavierspiel Jedighs sang sie dazu „Haben Sie schon einmal im Dunkeln geküsst“, einen alten Schlager von Evelyn Künneke, und knuddelte die Zuschauer.

Und so schwebte die junge Anna auf Wolke sieben, sang im einen Augenblick „Eine kleine Sehnsucht braucht jeder zum Glücklichsein“ von Friedrich Holländer und zerbrach im nächsten Moment in rasender Wut ein Sektglas in der Hand. Das Publikum litt mit, zeigte sich vergnügt über Annas Naivität, war verzaubert vom Gesang des Barmädchens, lachte über ihre Tollpatschigkeit und hielt bei ihren akrobatischen Verrenkungen den Atem an.

Darstellerin Silberzahn beeindruckte die Zuschauer im prall gefüllten KKF. Der Ausdruck der Akteurin war authentisch, die Kraft ihrer Darbietung enorm. Das Schauspiel der Künstlerin aus Dabringhausen bei Wermelskirchen war berührend, ihr Gesang einnehmend.

„Ihr Männer habt es gerne, wenn eine Frau wegwerfend von sich spricht. Dann könnt Ihr stechen mit den Augen“, bilanzierte Anna ihr Wissen über die Liebe. Doch ihre Rechnung ging ganz und gar nicht auf. Max zeigte sich nicht beeindruckt und erwiderte: „Du hättest von Anfang an mehr zu sagen gehabt, wenn Du Dich nicht so grenzenlos hingegeben hättest.“ Aus war der Traum – und damit ging es in die Pause.

Nach der Unterbrechung mit Imbiss kam Gerthild. Diese Frau war das komplette Gegenteil von Anna. Sie trug Hosenanzug statt Kleid. Sie traf bei Blind Dates immer wieder andere Männer, die sie aus dem Internet kannte. Bald kannte sie so für jeden denkbaren Anlass das passende Exemplar. Der Liebe gegenüber, so versicherte sie, sei sie „gleichgültig“. Alles andere sei bloß romantisch-verklärt. Ein fester Partner sei „entsetzlich langweilig und vollkommen überflüssig“, stellte sie fest. Beziehungsglück war ihr suspekt. Als eine Freundin anrief, um ihr mitzuteilen, dass sie ein Baby bekomme, reagierte Gerthild entgeistert – noch mehr, als sie hörte, dass ausgerechnet sie die Patentante werden solle.

Silberzahn als Gerthild sang „Es war ein Mädchen und ein Matrose“, deren Liebelei solange gut ging, bis sie die Sprache des jeweils anderen erlernten. Doch dann bekam sie eine SMS – offenbar von einem Mann. Sie las sie schweigend, verwandelte sich grinsend in ein Hals über Kopf verknalltes junges Ding, das ziemlich an Anna erinnerte und tänzelte aus dem Saal.

Als Silberzahn dann zurückkehrte ins Kleine Kulturforum, um sich vom Publikum zu verabschieden, interessierte sich einer der Zuschauer für den Inhalt der SMS: „Was hat er denn geschrieben?“ Aber diese Frage blieb unbeantwortet. Stattdessen sang Anna – gekleidet als Gerthild – noch einmal „Tauben vergiften im Park“, im Original von Georg Kreisler. Was folgte, war nur noch der heftige Applaus des Werdohler Publikums.

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