27 Kinder aus Flüchtlingsfamilien besuchen die Gesamtschule

Diese Mädchen und Jungen kommen aus neun Ländern, sind zwischen zehn und 17 Jahren alt – und besuchen gemeinsam die Daf-Klasse an der Albert-Einstein-Gesamtschule.
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Diese Mädchen und Jungen kommen aus neun Ländern, sind zwischen zehn und 17 Jahren alt – und besuchen gemeinsam die Daf-Klasse an der Albert-Einstein-Gesamtschule.

Werdohl - Lebendig und mit Bewegung gestaltet Andrea Pingel den elementaren Deutsch-Unterricht für die Mädchen und Jungen, die als Flüchtlinge nach Werdohl gekommen sind.

Lachend hüpft eine Schülerin vom Stuhl herunter, schon dirigiert Andrea Pingel, die didaktische Leiterin der Albert-Einstein-Gesamtschule, die nächste Kandidatin hinter das Sitzmöbel. „Wo steht Claudia? Bitte antwortet im ganzen Satz“, fordert sie die Kinder und Jugendlichen auf.

27 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen zehn und 17 Jahren unterrichten Pingel und ihre Kollegen täglich zwei Stunden lang in der so genannten Daf-Klasse (Deutsch als Fremdsprache). Ganz einfach sei das nicht, stellt die didaktische Leiterin der Gesamtschule fest: „Während dieser Zeit bin ich in jeder Sekunde gefordert.“ Schulleiter Reinhard Schulte ergänzt: „Es gibt während dieses Unterrichts keine Selbstverständlichkeiten. Alles muss erarbeitet werden.“ Kein Wunder – in der Daf-Klasse werden neue Schüler aus Lettland, Syrien, Bulgarien, Rumänien, Albanien, Serbien, Polen, Montenegro und Griechenland gemeinsam unterrichtet. Neben dem Altersunterschied gibt es auch erhebliche Unterschiede bezüglich der Deutschkenntnisse der Mädchen und Jungen – einige leben bereits länger als sechs Monate in Werdohl, andere sind erst seit einigen Tagen vor Ort.

Für Pingel ist das allerdings kein Grund zum Pessimismus. „Wir haben uns schon einigen Herausforderungen gestellt, beispielsweise der Inklusion. Man sammelt Erfahrungen und wächst in die Aufgaben herein.“ Wichtig sei, dass die Grundstimmung im Kollegium stimme. „Und das ist bei uns der Fall“, versichert Reinhard Schulte.

Der Schulleiter und sein Team haben sich dazu entschieden, keine reine Auffangklasse zu bilden, sondern die Kinder und Jugendlichen aus den Flüchtlingsfamilien in die Regelklassen zu integrieren. Verlassen sie nach zwei Stunden die Daf-Klasse, nehmen sie am Fachunterricht der jeweiligen Jahrgangsstufe teil. „Bei einigen klappt das schon gut, andere haben natürlich Schwierigkeiten“, stellt Schulte fest.

Denn während des Fachunterrichts haben die Gesamtschullehrer keine Zeit, auf die Neuankömmlinge einzugehen. „Der Unterricht für unsere anderen Schüler darf nicht beeinträchtigt werden“, erklärt Andrea Pingel. Einen großen Vorteil der von ihnen gewählten Unterrichtsform sehen die Gesamtschulpädagogen in den „enormen Integrationsmöglichkeiten“, die sich in den Regelklassen böten. „Die Kinder knüpfen wirklich schnell Kontakte.“ Dazu trage auch der Ganztagsunterricht in der Gesamtschule bei. Schulte erzählt lächelnd von einigen Mädchen aus dem fünften Jahrgang, die schon so in die unterschiedlichen Tanz-AGs eingebunden seien, dass sie keine Zeit mehr fänden, zwei Mal wöchentlich eigens organisierte Treffen in der Schulbücherei zu besuchen.

Um den Neuankömmlingen die Eingewöhnung an ihrer neuen Schule zusätzlich zu erleichtern, haben sich Jugendliche aus dem Jahrgang zwölf als Patinnen zur Verfügung gestellt. „Diese Idee kam von den Schülern. Sie treffen sich in der Mittagspause mit den Daf-Kindern, reden mit ihnen, gehen spazieren und begleiten sie, so weit das möglich ist“, berichtet Schulte.

Kinder und Jugendliche, die Schwierigkeiten mit der deutschen Schriftsprache haben, nehmen zusätzlich noch einmal drei Stunden pro Woche an einem Alphabetisierungskursus teil.

Für die Zukunft wünschen sich Schulte und Pingel, die Daf-Klasse in zwei Gruppen teilen zu können, um dem Leistungsgefälle Rechnung zu tragen. „Das wollen wir zum einen mit internen Umstrukturierungsmaßnahmen erreichen, zum anderen mit der neuen halben Lehrerstelle, die uns ab dem 16. November zur Verfügung steht“, erklärt der Schulleiter. Insgesamt hoffe er, zukünftig mehr agieren als nur reagieren zu können: „Aber wir wissen natürlich nicht, was noch auf uns zu kommt...“

Schulte sieht nicht nur eine große Herausforderung im Zuzug der Flüchtlinge, sondern auch eine enorme Chance: „Es ist ein echter Schatz, der in den Kindern steckt.“ Er berichtet von jungen Menschen, die schon jetzt bis zu fünf Sprachen sprechen und sogar als Dolmetscher bei Gesprächen mit anderen Schülern und Eltern gerne helfend zur Stelle sind. Und von jungen Flüchtlingen, die sofort bekundet hätten, einen guten Schulabschluss an der Werdohler Gesamtschule erreichen zu wollen. Das gilt auch für Fußballfan Murat, der nicht nur begeistert bei der FSV spielt, sondern auch gerne bekennt: „Ich liebe meine neue Schule. Hier habe ich schon so viel gelernt.“

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