Junge Analphabeten sind wissbegierig und respektvoll

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Der Kulturverein „Werdohl heute“ konnte mit der Resonanz zufrieden sein: Etwa 100 Interessierte kamen am Donnerstagabend zum Werdohler Gespräch in die Stadtbücherei, wo die Situation der Flüchtlinge thematisiert wurde.

Werdohl - 345 Flüchtlinge leben derzeit in Werdohl, gut 200 mehr als noch vor einem Jahr. Im Laufe dieses Jahres wird die Zahl sogar noch weiter steigen. Wie kann man diese Menschen integrieren?

Wie können die Probleme, die durch den Zuzug von Männern, Frauen und Kindern aus ganz anderen Kulturkreisen fast zwangsläufig entstehen, gelöst werden? Das waren Fragen, um die sich ein Gesprächsabend des Kulturvereins „Werdohl heute“ am Donnerstagabend in der Stadtbücherei drehte.

Der Kulturverein hatte zu dieser Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Werdohler Gespräche“ fünf Gesprächspartner eingeladen, die den Themenkreis aus unterschiedlichen Blickwinkeln ausleuchten sollten. Das gelang im Laufe von zwei Stunden mal mehr, mal weniger gut.

Bodo Schmidt, Sozialamtsleiter der Stadt Werdohl, legte mit seiner Darstellung der Ist-Situation und einem Ausblick auf das weitere Jahr den Grundstein für die folgenden Beiträge. Die Stadt rechne für dieses Jahr mit weiteren Zuweisungen von Flüchtlingen. Nach Abzug der Menschen, die Werdohl oder sogar Deutschland auch wieder verlassen, könne sich die Zahl der Personen, die die Stadt unterbringen muss, bis zum Jahresende auf etwa 500 erhöhen. „Es gibt keine Aufnahmeobergrenze“, machte Schmidt deutlich, dass es auch noch mehr sein können. Alleinstehende Männer bringe die Stadt vor allem in Gemeinschaftsunterkünften wie beispielsweise Im Winkel oder in der Osmecke unter, demnächst auch in der Deipschlade. Flüchtlingsfamilien würden in Wohnungen einquartiert, die die Stadt dafür anmiete. Allein das, aber auch die Einweisung der Asylsuchenden in das tägliche Leben in Werdohl, bedeute für die Mitarbeiter der Stadt viel zusätzliche Arbeit.

Man kann sich denken, dass die Zuwanderung von 300 bis 500 Menschen Auswirkungen

Kinder lernen jeden Buchstaben einzeln

auf viele Bereiche des täglichen Lebens hat. Aus dem schulischen Bereich berichtete Christel Kringe, Rektorin der St.-Michael-Grundschule. Weil Flüchtlingskinder wie ihre anderen ausländischen und deutschen Altersgenossen schulpflichtig sind, würden an den Werdohler Schulen derzeit 78 Kinder aus Flüchtlingsfamilien unterrichtet. Kringe beschrieb die damit verbundenen Schwierigkeiten. „Das sind kaum Kinder mit einer kontinuierlichen Schullaufbahn“, sagte sie mit Blick auf die Tatsache, dass auch diese Mädchen und Jungen unter den Wirren in ihren Herkunftsländern und der Flucht zu leiden hatten. Im Unterricht gelte es nun vor allem, die sprachlichen Barrieren abzubauen: „Viele der Kinder können nicht einmal das lateinische Alphabet, wir müssen ihnen Buchstabe für Buchstabe beibringen.“

Das sei in den Grundschulen mit dem vorhandenen Lehrpersonal kaum zu schaffen, zusätzliches gebe der Arbeitsmarkt aber auch nicht her, sagte Kringe. Die Grundschulen setzten deshalb auch auf Ehrenamtliche, die die Flüchtlingskinder mit der deutschen Sprache vertraut machen. „Wir könnten diesen Sprachunterricht ausweiten, wenn wir mehr Ehrenamtliche hätten“, machte Kringe deutlich, dass es in diesem Bereich noch Entwicklungspotenzial gibt. Auf der anderen Seite erlebe sie die Flüchtlingskinder als wissbegierig und respektvoll. „Die wundern sich manchmal, was die deutschen Mitschüler sich in der Schule herausnehmen“, stellte Kringe ganz offensichtliche Unterschiede in der Erziehung der Kinder fest.

Sprachprobleme sind es auch, die erwachsenen Flüchtlingen den Weg in ein Arbeitsverhältnis verbauen – wenn sie überhaupt eine Arbeitserlaubnis erhalten. Die ist nämlich an verschiedene Voraussetzungen gekoppelt, die Britta Rogalske von der Agentur für Arbeit in Lüdenscheid und Armin Dzaferovic vom Jobcenter Lüdenscheid erläuterten. Ob ein Flüchtling in Deutschland arbeiten dürfe, hänge zunächst von seinem Aufenthaltstitel ab. Mit anderen Worten: Wer noch Asyl sucht, darf nicht arbeiten, wer dagegen schon eine Aufenthaltserlaubnis hat, darf in aller Regel auch eine Arbeit aufnehmen. Doch auch Flüchtlinge ohne Aufenthaltstitel haben nach 15 Monaten Aufenthalt in Deutschland Zutritt zum deutschen Arbeitsmarkt. In Werdohl seien derzeit 37 Flüchtlinge arbeitsuchend gemeldet, berichtete Britta Rogalske: „Und alle sind hochmotiviert und wollen gerne arbeiten.“ Vor allem mangelnde Kenntnisse der deutschen Sprache verhinderten aber oft eine Vermittlung in Arbeit.

„Deutsch für den Alltag“ könnten Flüchtlinge in Kursen lernen, die das Netzwerk Flüchtlingshilfe in Werdohl anbiete, sagte dessen Sprecher Lothar Jeßegus. Fundierte Sprachkenntnisse, die auch für das Arbeitsleben ausreichend sind, sind aber oft nur in Integrationskursen zu erlangen, die verschiedene Bildungsträger anbieten. Die Plätze in diesen Kursen seien aber dünn gesät, bedauerte Britta Rogalske.

Sie haben es also in fast allen Lebensbereichen schwer, die Menschen, die aus Syrien,

Abschiebungen finden kaum statt

Albanien, Afghanistan und dem Irak und aus vielen anderen Ländern in Deutschland Schutz suchen. Und für nicht wenige wird diese Suche auch erfolglos bleiben, weil ihr Asylantrag abgelehnt wird. Wenn sie dann aus einem Herkunftsland kommen, das aus deutscher Sicht als nicht sicher gilt und wenn sie nicht aus eigenem Willen dorthin zurückkehren, leben sie also in einem Land, dessen Sprache sie nicht kennen und in dem sie für ihren Lebensunterhalt nicht arbeiten dürfen. Denn Abschiebungen, das stellte Sozialamtsleiter Bodo Schmidt fest, „finden eigentlich nicht statt“. Lothar Jeßegus berichtete von einigen Albanern, die auf einer Warteliste für die Rückführung in ihr Heimatland stehen. Nach dem Intermezzo in Deutschland stünden sie aber auch dort praktisch wieder vor dem Nichts.

Nicht auf alle Fragen gab es an diesem Abend eine Antwort, nicht für alle Probleme eine Lösung. Die Stimmung unter den rund 100 Anwesenden gab aber Anlass zu der Vermutung, dass die Werdohler die Herausforderung annehmen. Es gab praktisch keine kritischen Anmerkungen, die wenigen Nachfragen beschränkten sich zumeist auf persönliche Einzelschicksale, bei deren Linderung die Fragesteller ganz offensichtlich helfen wollten.

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