Jahrhunderthochwasser richtet Millionen-Schaden an

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Hochwasser herrschte zum Jahreswechsel 1925/26 auch am „Sand“. Im Hintergrund ist schemenhaft der alte Steigerturm der Feuerwehr zu erkennen.

Werdohl - Hochwasser ist nicht nur an Rhein und Elbe, Mosel und Donau ein regelmäßig wiederkehrendes Wetterphänomen, auch die Werdohler haben im Laufe der Jahrhunderte gelernt, mit steigenden Flusspegeln zu leben. Eines der gravierendsten Hochwasser erlebte die Stadt an Lenne und Verse vor 90 Jahren über den Jahreswechsel 1925/26.

Die Hochwasserkatastrophe im Januar 1926 ging nicht nur in Köln als Jahrhunderthochwasser in die Geschichte ein. Auch in Werdohl hat es zu dieser Zeit große Probleme mit den über die Ufer tretenden Flüssen gegeben. „Die große Überschwemmung, die uns die Lenne gestern gebracht hat, ist wohl die größte, die Werdohl kennt“, berichtete der Süderländer Volksfreund in seiner Ausgabe vom 31. Dezember 1925 und beschrieb, welche Folgen das für die Bevölkerung hatte. „Das Wasser stieg so schnell, daß gestern Mittag schon viele Bewohner des unteren Ortsteils nicht mehr aus ihren Wohnungen herauskonnten.“ Von den Bergen sei das Wasser in Bächen herab geströmt, habe Geröll mitgerissen und Erdrutsche verursacht, berichtete der Chronist weiter und schilderte sehr anschaulich die Wetterentwicklung: „Mit ungestümer Gewalt wälzten sich schäumend und brausend die Wassermassen zu Tal, alles wegfegend, was ihnen erreichbar war.“

Ein wolkenbruchartiger Gewitterregen habe den Wasserpegel am 30. Dezember 1925 noch etwa bis Mitternacht weiter ansteigen lassen, danach sei er gesunken, berichtete der damals noch als Mittagszeitung erscheinende Süderländer Volksfreund in seiner Silvesterausgabe 1925 weiter.

Nach den Schilderungen in der Werdohler Tageszeitung müssen große Teile des Ortes, der damals noch deutlich kleiner war als heute, unter Wasser gestanden haben. „Ruhr-, Sand- und Grasackerstraße standen vollkommen unter Wasser, die Bahnhofstraße bis zum Hause E. v. Piechowski, die obere Kaiserstraße bis zur Wirtschaft Spelsberg, ferner die untere Verse- die obere Plettenberger, die Altenaer Straße standen zum Teil unter Wasser, welches dort in die Häuser eindrang und großen Schaden anrichtete.“ Zur Erklärung: Während die meisten Straßennamen heute noch existieren, verlief die Ruhrstraße in den 1920-er-Jahren etwa dort, wo sich heute die Lennepromenade befindet; auf den Ruhrwiesen legten die Frauen aus dem Dorf ihre Wäsche „auf die Bleiche“. Die Kaiserstraße heißt heute Freiheitstraße. Demnach muss Ende 1925 praktisch die ganze heutige Innenstadt einem See geglichen haben. Man stelle sich das bei der heutigen Bebauung vor: Die untere Etage der Sparkassen-Garage wäre bis unter die Decke überflutet, ebenso die heutigen Redaktionsräume des Süderländer Volksfreunds!

Auch das Gebiet rund um die frühere Firma Kugel&Berg, später VDM, muss vor 90 Jahren unter Wasser gestanden haben. Neben der Druckerei des Süderländer Volksfreunds, die sich damals im Gebäude der heutigen Moschee an der Freiheitstraße befand, wurden in der 12 000-Einwohner-Gemeinde, in der die industrielle Entwicklung gerade erst an Schwung gewonnen hatte, auch mehrere Fabriken überschwemmt. Der Schaden sei hier „ganz erheblich“ gewesen, berichtete der Süderländer Volksfreund. Außerdem habe die Kreis Altenaer Eisenbahn (KAE) ihren Betrieb auf der Strecke Altena-Lüdenscheid einstellen müssen; zwischen Werdohl und Lüdenscheid sei der Bahnkörper teilweise weggespült worden.

Von den Fluten weggerissen wurde auch die erste Werdohler Badeanstalt, die nach dem Ersten Weltkrieg vor dem Wintersohler Wehr durch Mitglieder des Schwimmvereins 08 und mit Unterstützung der Bevölkerung errichtet worden war.

Zwei Tage später, am 2. Januar 1926, blickte der SV noch einmal auf das Wetter zur Jahreswende zurück: „Die ungünstige Wettervorhersage für die Weihnachtsfeiertage hat sich in vollstem Umfange erfüllt. Die schlimmsten Erwartungen wurden sogar noch übertroffen. Erst

Ungewöhnlich warm

schien es, als sollte am zweiten Weihnachtstage ein Kälteeinbruch die milde Wetterperiode abschließen, doch schon am gleichen Tage trat ein neuer Wetterumschlag ein, der die furchtbare Hochwasserkatastrophe einleitete“, konnten die Werdohler nachlesen. Die Zeitung berichtete von einer für die Jahreszeit ungewöhnlichen Wärmeperiode. In Berlin seien 15, in München sogar 17 Grad gemessen worden, die Tagesdurchschittstemperaturen hätten um 7 bis 8 Grad über den Normalwerten gelegen. Diese Temperaturen hatten offensichtlich zu einer Schneeschmelze geführt, die zusammen mit ergiebigen Regengüssen dafür gesorgt hatte, dass sich die Lenne bis in die Innenstadt ausgebreitet hatte.

Wenige Tage nach Jahresbeginn kündigte der SV dann an, dass der Regierungspräsident von Arnsberg die Hochwassergebiete bereisen wolle, um sich ein Bild von den Schäden zu machen. Die Zeitung berichtet auch, wie groß die Schäden für die einfache Bevölkerung waren: „Die vom Hochwasser betroffene Arbeiterschaft hat ihre Kellervorräte eingebüßt und unersetzlichen Verlust an Hausrat, Kleintieren usw. erlitten.“ Zahlreiche Fabrikanten, Geschäftsleute und Hausbesitzer seien „an den Bettelstab“ gebracht worden. Und der Wasserschaden habe auch zahlreiche Einzelhöfe mit landwirtschaftlichem Betrieb zugrunde gerichtet. „Der Gesamtschaden wird im ganzen Bezirk auf viele Millionen Mark zuverlässig geschätzt“, schrieb die Zeitung. Gemeint waren damit Reichsmark, die anderthalb Jahre zuvor die Rentenmark abgelöst hatte. Die Rentenmark war aufgrund der nach Reparationsforderungen aus dem Ersten Weltkrieg eingetretenen Hyperinflation eingeführt worden. Das Durchschnittseinkommen im Deutschen Reich betrug 1925 mehr als 1400 Reichsmark. Heute hätte eine Million Reichsmark des Jahres 1925 eine Kaufkraft von etwa 6,6 Millionen Euro. Der Hochwasserschaden, der während des Jahreswechsels 1925/26 entstanden ist, muss also in der Tat immens gewesen sein.

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