Erfolge und Schwierigkeiten der Behindertenwerkstatt

+
Seit Jan Hendrik Marl die Werdohler Behindertenwerkstatt leitet, hat die Einrichtung zwei neue Maschinen angeschafft. Der Richtautomat ist ausgelastet. Für diese 50-Tonnen-Presse bleiben die Aufträge bisher aus.

Werdohl - Sorgfältig legt Henning Stuff Unterlegscheiben auf ein Band. Das transportiert die Metallstücke ins Innere des Richtautomaten, wo sie begradigt werden. „Viele Unterlegscheiben verziehen sich beim Stanzen leicht“, erläutert Jan Hendrik Marl, Leiter der Werdohler Behindertenwerkstatt. „Früher haben wir sie nur geprüft. Jetzt können wir sie für unsere Auftraggeber auch korrigieren.“

Dazu laufen die Metallteile in der Maschine durch eine Walze. „Das ist so, als ob man Kuchenteig ausrollt“, beschreibt der Werkstattleiter das Verfahren. Am Ende sind alle Scheiben 1,8 Millimeter dick und liegen gerade aufeinander – Test bestanden.

Der Richtautomat ist eine von zwei neuen Maschinen, die das Werdohler Werk der Märkischen Werkstätten im vergangenen Jahr gekauft hat. Neue Aufträge und höhere Erlöse: Mit diesen Zielen vor Augen trat Marl vor anderthalb Jahren die Stelle als Leiter der Behindertenwerkstatt an.

Nicht alles hat auf Anhieb so geklappt, wie er sich das gewünscht hat. „Ich bin noch nicht so weit, wie ich gern wäre“, sagt der Plettenberger. „Aber ich sehe den Weg.“ Der Richtautomat ist seit November im Einsatz. „Dafür kommen auch Aufträge, da bin ich zufrieden“, sagt Marl.

Anders sieht es mit der 50-Tonnen-Presse aus, die seit Januar einsatzbereit ist. „Dafür haben wir erst wenig Aufträge und sind weit hinter unserer Planung zurück“, erläutert der Werkstattleiter.

Frist bis zum Jahresende

Die Maschine könne Metallteile nachbiegen oder -stanzen, wenn ein Unternehmen diesen Arbeitsschritt nicht in den normalen Fertigungsprozess einbinden kann. „Wir arbeiten aber auch nach, wenn sich Teile bei der Fertigung verzogen haben“, nennt der 45-Jährige eine andere Einsatzmöglichkeit.

Mehr Aufträge für diese Presse zu bekommen, hat Marl sich als Projekt für die kommenden Monate vorgenommen. „Das ist ein Versuch“, sagt der Plettenberger. „Aber ich bin mir auch nicht zu fein dafür, es im Ernstfall aufzugeben.“

Eigentlich sollten diese Scheiben flach aufeinander liegen. Aber einige haben sich beim Stanzen verzogen. Solche Produktionsfehler können die Beschäftigten der Behindertenwerkstatt jetzt beheben.

Wenn er keine Kunden finde, müsse er eben betriebswirtschaftlich denken, die Maschine wieder verkaufen und eine Alternative suchen. „Ich habe mir selbst eine Frist bis zum Jahresende gesetzt“, erläutert Jan Hendrik Marl.

Dass es so schwierig ist, neue und auch alte Kunden für neue Aufträge zu begeistern, führt der Werkstattleiter auf ein Image-Problem zurück: „Ich muss den Kunden immer noch erklären, dass wir auch anspruchsvollere Arbeiten übernehmen können“, sagt Marl. „Viele halten die Werkstatt nach wie vor für eine Art Bastelbude.“

Ein gutes Gegenbeispiel sei die Arbeit mit dem neuen Richtautomaten. Der höhere Anspruch solcher Aufträge bringe auch höhere Erlöse mit sich, sagt Jan Hendrik Marl. Um 25 Prozent möchte er den Umsatz bis zum Jahr 2018 steigern: „Das macht sich nicht zuletzt in den Taschen der Beschäftigten bemerkbar.“ Diese bekommen zwar ein Grund-Entgelt. Aber wer mehr leistet, wird mit Zusatz-Zahlungen belohnt.

Beschäftigte profitieren nicht nur finanziell

Für einige ist das ein enormer Ansporn. „Manche haben keinen Einblick in die Finanzen und kein Interesse daran“, erläutert der Plettenberger. „Für andere sind die Einkommens-Unterschiede aber durchaus ein Thema.“

Henning Stuff schiebt die verzogenen Unterlegscheiben in die Richtmaschine. Darin laufen sie durch eine Walze. Die begradigt die Metallteile.

Außerdem könne ein Großteil der Beschäftigten auch zwischen anspruchsvolleren und leichteren Aufgaben unterscheiden – und sie freuen sich, wenn sie mehr leisten können. Nur manche übernehmen lieber manuelle Tätigkeiten, weil sie Maschinen als „Teufelszeug“ empfinden.

Wer gerne auch an den neuen Pressen arbeitet, profitiert nicht nur finanziell von seinem Einsatz. „Wir können die Leute so für den ersten Arbeitsmarkt fit machen“, erläutert Marl. „Sie sind besser aufgestellt, wenn sie solche Maschinen schon kennen. Ihr Wissen können sie dann auf andere übertragen.“ Auch dazu diene die Anschaffung neuer Werkzeuge.

Die Vorbereitung für den sogenannten ersten – den regulären – Arbeitsmarkt sei schließlich eines der Hauptziele jeder Behindertenwerkstatt. „Im Idealfall wird es ja bald keine Werkstätten mehr geben“, sagt der Leiter. Zwar werde es sicher nicht klappen, allen Beschäftigten einen regulären Arbeitsplatz zu vermitteln. Aber wer das möchte und geeignet sei, werde dabei auch durch die Werkstatt unterstützt.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare