Maue Resonanz beim Werdohler "Heimat shoppen"

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Marlena Reppin (links) ließ sich von Rilana Laudien im Schaufenster eines Friseurs in ein Kunstwerk verwandeln. 

Werdohl - Nicht viel mehr los als an sonstigen Samstagen war beim zweiten „Heimat shoppen“-Tag in der Werdohler Fußgängerzone. Die, die gekommen waren, hatten aber einige Höhepunkte zu entdecken.

So ließ sich die 18-jährige Werdohlerin Marlena Reppin im Schaufenster des Friseurs Magic Hair in einen „Sugar Skull“ verwandeln. Bodypainting-Künstlerin Rilana Laudien aus Herscheid malte ihr einen Knochenschädel mit herzförmigen Augenumrandungen auf Gesicht, Hals und Dekolletee.

„Einige Passanten blieben stehen und freuten sich lächelnd“, hatte das Model festgestellt. „Viele gingen aber einfach weiter. Die meisten bemerkten die Aktion gar nicht“, bedauerte Reppin.

Gute zwei Stunden dauerte die Verwandlung der 18-Jährigen. Laudien, die sich seit gut einem Jahr dem Hobby Bodypainting widmet, meinte: „Das ist die übliche Zeit, die ich für solch ein Motiv brauchte.“ Ihr Model am Samstag hatte sich übrigens das Motiv ihrer Verwandlung aus einigen Vorschlägen der Künstlerin selbst ausgesucht.

„Einen ganzen Körper habe ich noch nicht bemalt“, gestand die Herscheider Körpermalerin. „Ich weiß aber, dass Bodypainter dafür bis zu 14 Stunden benötigen.“ Am Samstag in der Werdohler Fußgängerzone benutzte Laudien auch Kontaktlinsen sowie Perlen, die sie mit Hilfe von Wimpernkleber auf die Gesichtshaut von Reppin aufbrachte, um so ihre Illusion zu vervollständigen.

Ein paar Meter saßen einige junge Männer plaudernd vor einem Eiscafé.. Plötzlich zuckten sie zusammen und fuhren verwirrt herum. „Hören Sie manchmal auch Stimmen?“, fragte sie eine ebensolche laut und deutlich. Die Quelle dieses Geräusches war für die Männer indes nicht erkennbar. Die Stimme gehörte Oscar Malinowski aus Aachen. Er stand im Schuh-Fachgeschäft Brockhaus. Seine Worte wurden über einen kleinen Lautsprecher vor dem Laden transportiert. Unterdessen standen ein paar Frauen vor dem Schaufenster. Und Malinowski richtete sein Augenmerk auf sie: „Hier gibt es keine schönen Schuhe. Meine Texte sind viel besser“, behauptete er.

Dann stieg er in sein Programm ein. Aufgewachsen im ländlichen Raum des Bergischen sei der Umzug nach Aachen – immerhin eine Stadt – für ihn ein Schock gewesen, gestand er. Diesen kompensiere er nun mit selbstentwickelten Spielchen. So sage er zu an der Ampel wartenden Smartphone-Junkies gerne im ruhigen Ton „Grün“, obwohl immer noch die Autos reichlich an ihnen beiden vorbeirauschten.

Der Poetry-Slammer verteilte dann ein paar Komplimente an Passanten. Derweil war ein paar Schritte aus dem Laden getreten. Die derart Angesprochenen wussten nun immerhin, woher diese Stimme kam. Hilflos blieben sie dennoch bei Bemerkungen wie „Sie haben ein schönes Lächeln“ und „Als Mann muss man auch zugeben können, dass auch andere Männer gut aussehen. Und auf Sie trifft das zu“.

Dann betonte Malinowski immer wieder: „Ich will wieder ein Kind sein.“ Er wolle wieder glauben, dass stets das Gute siegt, wolle sich mit 8,51 D-Mark wieder „reich“ fühlen und wolle nie wieder entdecken, dass ihm Haare aus der Nase wachsen, weil das ein Zeichen fürs Alt-Werden sei. Als der Vortragende diesen Text beendete kam ein Passant auf ihn zu: „Ist ja komisch, dass die Kindheit bei allen gleich ist.“ Der Poet schien bald überrascht, dass ihm wirklich jemand zuhört. Wohl auch deshalb behauptete er sogleich: „Kommen Sie herein. Heute kosten alle Schuhe für nur einen Euro.“

Gebannt verfolgte indes im WK-Warenhaus ein Dutzend voll Zuhörer den Vortrag von Sabine Kohlert aus ihrem Roman „Jule und ein Herz voll Licht“. Die Abenteuer der elfjährigen Hauptperson des Buches werden derzeit von Künstlern aus dem Sauer- und Rheinland zu einer Multimedia-Show mit den Elementen Kino, Theater und Musical verarbeitet. Im Dezember soll in der Aula des Plettenberger Schulzentrums Böddinghausen Premiere sein.

Jule lebt in einer Welt ohne Farben, alles ist grau in grau. Dann aber entdeckt sie auf dem Dachboden ihrer Großeltern eine sich bewegende Kiste, in welcher sie Licht und Farben findet – aber auch Schattenmonster. Und plötzlich fangen ihre Stofftiere auch noch an zu reden.

Im Anschluss sollte die Musical-Darstellerin Rebecca Henke singen, doch sie war erkrankt. Ihr Lied wurde per Video eingespielt, ebenso zum Abschluss ein Trailer der Show, die unter dem Namen „Stadtschatten“ derzeit entsteht. Darin sagt Jule: „Das Licht braucht Liebe.“ Ein Zuschauer gestand nachher: „Zum Ende des Trailers hat es mich fast überwältigt.“

Ganz so überschwänglich war Andreas Haubrichs vom Stadtmarketing nicht. Hatte er am frühen Samstagnachmittag noch resigniert gewirkt, so bilanzierte er zum Schluss der beiden Aktionstage: „Die Resonanz war letztlich besser als ich am Freitag zunächst befürchtet hatte.“ Er räumte ein: „Wir haben viel gelernt, was wir verbessern können. Aber das war ein tolles Experiment, Künstler in die Innenstadt zu holen.“ Von den beteiligten Einzelhändlern habe er „viele positive Reaktionen“ erhalten.

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