Gutachter bei Prozess wegen versuchten Mordes

Die Verhandlung findet im Landgericht Wuppertal statt. J Foto: Koll

Werdohl/Wuppertal - Am Donnerstag wurde vor dem Wuppertaler Landgericht das Verfahren gegen einen Werdohler fortgesetzt, der wegen versuchten Mordes an seiner Ex-Frau angeklagt ist. Neben weiteren Zeugen hörte das Gericht gestern auch einen Sachverständigen für Brandursachenermittlung an, der sich zum möglichen Tathergang äußerte.

Der Fall

Einem 37-jährigen Werdohler wird vorgeworfen, seine Ex-Frau am 4. Juni 2014 beim Joggen in Remscheid überfallen und mit Benzin übergossen zu haben. Ein Tatzeuge konnte die beiden jedoch voneinander trennen. Dabei habe dieser seine Nordic-Walking-Stöcke zu Hilfe genommen. Der Angeklagte sitzt derzeit in Untersuchungshaft. Zu den Vorwürfen schweigt er.

Einer der Polizisten, der den mutmaßlichen Täter festgenommen hatte, wurde am Donnerstag vor dem Landgericht Wuppertal befragt. Verhandelt wird ein Fall versuchten Mordes. Große Teile der Zeugen-Befragung drehten sich um die Herkunft einer Sporttasche.

Vor Ort waren an diesem Tag im Juni vergangenen Jahres sieben Polizisten: Da waren zunächst der gestern befragte 42-Jährige und zwei seiner Kollegen sowie ein Kommissar-Anwärter von der Hauptwache Remscheid. Dazu kamen drei Polizisten der Remscheider Ortsteil-Wache.

Der Auszubildende hatte angegeben, besagte Stofftasche habe der Angeklagte, als er in einem Waldstück flach auf dem Boden liegend aufgefunden wurde, unter seinem Kopf gehabt. Eine Polizistin der Ortsteil-Wache hingegen hatte ausgesagt, sie habe die Tasche im Park gefunden und den Kollegen der Hauptwache am Funkwagen übergeben. Diesen Widerspruch konnte der am Donnerstag Befragte nicht auflösen – er erinnerte sich nicht an die Sporttasche.

Er schilderte die Festnahme wie folgt: Der Angeklagte habe auf dem Boden „etwa 15 bis 20 Meter vom Fußweg entfernt gelegen, wohl in der Absicht, sich zu verstecken“. Die Polizisten hätten ihre Schusswaffen vorgehalten. Der 42-Jährige gab zu Protokoll, er habe dabei einen „eindeutigen und starken Benzingeruch“ wahrgenommen.

Der mutmaßliche Täter habe wortlos und langsam auf die Ansprache durch die Polizisten reagiert, sich jedoch widerstandslos festnehmen lassen. Der gestrige Zeuge vermutete, dass die langsamen Bewegungen des Angeklagten „möglicherweise durch Verständigungsschwierigkeiten“ begründet gewesen sein könnten.

Immer wieder fragte der Richter nach, wo denn eine mögliche Tasche gewesen sein könnte, ob der Zeuge sich nicht doch daran erinnere, wann die Sporttasche vielleicht durch die Kollegin des Polizisten übergeben worden sein könnte, wo im Funkwagen die Tasche gestanden haben mag. Die Verteidigerin hielt daraufhin dem Richter „suggestive Fragestellungen“ vor. Dieser wehrte sich jedoch gegen diesen Vorwurf.

Anzünden nur aus nächster Nähe möglich

Auch Christoph Winter sagte am Donnerstag aus. Der Sachverständige für Brandursachenermittlung hatte angesichts der Tatschilderungen sowie der Kleidung von Opfer und Täter ein pyrotechnisches Gutachten erstellt.

Zunächst bedauerte Winter, dass die Kleidungsstücke nicht „kurz nach der Tat“ untersucht worden seien. Dann hätte „durch Erwärmen, Abdampfen und Wiegen“ genau festgestellt werden können, welches Kleidungsstück von welcher Menge Kraftstoff getroffen worden sei. Tatsächlich aber seien die Textilien alle zusammen gelagert worden, so dass es möglich sei, dass manche Stücke später Benzin enthielten, vorher aber nicht. „Das ist nicht unbedingt so, wie man sich das wünscht“, sagte der Experte.

Benzin sei „drei bis vier Mal so schwer wie Luft“. Die Folge sei, dass der Täter das Opfer nur aus einer Entfernung von etwa einem halben Meter tatsächlich hätte anzünden können – und das auch eher in Bodennähe. Winter konkretisierte: „Je höher am Körper der Zündfunke gewesen wäre, umso näher heran hätte der Täter kommen müssen.“ Gereicht hätte zum Entzünden jedoch sicher ein Anreiben des Zündsteins vom Täter-Feuerzeug. Eine offene Flamme wäre dafür nicht notwendig gewesen. „Es reicht ein ‘schnipp’ – und die Zündung ist da“, sagte Winter. Wäre es dem Täter gelungen, den Kraftstoff zu entzünden, wäre eine Stichflamme entstanden, die das Opfer alsbald komplett umhüllt hätte. Die Temperatur hätte bis zu 1200 Grad betragen. Die Brenndauer bezifferte Winter auf „im Minutenbereich“.

Im Sommer sei eine Verletzungsgefahr höher als im Winter, aufgrund von weniger beziehungsweise dünnerer Kleidung, die schneller verbrenne. Allerdings, so betonte der Gutachter, wäre bei einer erfolgreichen Zündung die Gefahr für die Verfolger-Person, also für den Täter, deutlich höher gewesen. Er wäre ja in eine mögliche Stichflamme hineingelaufen.

Ein Bespritzen einer anderen Person aus einer Halb-Liter-Kunststoffflasche sei hingegen „aus einer Distanz von über drei bis vier Metern möglich“, urteilte Winter. Das Opfer, die heutige Nebenklägerin, habe ausgesagt, sie habe „Feuchtigkeit“ im unteren Teil ihres Rückens gespürt, als sie vor ihrem Ex-Mann davon lief. Ob es nun eine oder zwei Bespritzungen am Tattag gegeben habe, sei, so Winter, „unwesentlich und nicht relevant“.

Sachverständiger Winter erläuterte, dass Hautverbrennungen ab einer Temperatur von 52 Grad entstünden. Durch einen Benzinbrand träten statistisch Verbrennungen zweiten und dritten Grades auf 40 Prozent der Haut auf. Aufgrund des noch jungen Alters der Nebenklägerin – sie ist 36 Jahre alt – hätte bei ihr aber wohl keine Lebensgefahr bestanden.

Der Angeklagte hörte seinem Übersetzer aufmerksam zu, rieb sich von Zeit zu Zeit die Nase und blickte abwechselnd den Gutachter sowie den Richter an.

Zu Beginn der Verhandlung hatte Richter Robert Berling gestern einen vorsorglichen Antrag der Verteidigerin Andrea Groß-Bölting auf einen Ortstermin zurückgewiesen. Eine Inaugenscheinnahme des Tatorts sei aufgrund vorhandener Fotos und der Aussagen polizeilicher Zeugen nicht notwendig. „Diese genügen, um hinreichend sicher zu urteilen“, stellte er fest. Zudem sei der Tatvorgang „durchgehend dynamisch verlaufen“ – das heißt, die beteiligten Personen liefen hintereinander her, betonte Berling. Wichtig seien also nicht die Abstände zwischen den beiden, sondern ihre Bewegungsabläufe. Der Zeuge, der die beiden am Tattag voneinander trennte, sei, so der Richter, „trotz seines hohen Alters“ sportlich fit und somit glaubhaft.

Besagter Zeuge hatte an einem früheren Verhandlungstag geschildert, der Angeklagte habe mehrfach versucht, sein Opfer festzuhalten, und so auch einmal ins Stolpern gebracht. Die Nebenklägerin war beim Verhandlungstag am Donnerstag nicht anwesend.

Von Michael Koll

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