Gelungene Vorpremiere des „Geschichtsbummels“

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Udo Böhme (li.) und Andreas Späinghaus hatten zu einer Generalprobe und zum Testlauf ihres „Werdohler Geschichtsbummels“ eingeladen. Nach geringen Veränderungen soll diese Veranstaltung bald im Namen des Heimat- und Geschichtsvereins angeboten werden.

Werdohl - Nur ganz leise Kritik in Detailfragen gab es bei der Manöverbesprechung nach der Generalprobe für den Werdohler Geschichtsbummel, den Udo Böhme und Andreas Späinghaus bald für den Heimat- und Geschichtsverein Werdohl anbieten wollen. Die neun Gäste der Vorpremiere hatten dafür umso mehr Lob für die beiden Initiatoren.

„Die Anekdoten lockern das Ganze sehr gut auf“, so werde nicht nur trockenes Wissen in ewig gleicher Form dargeboten. „Das Konzept ist ausgesprochen gelungen“, sagte ein anderer. „Das ist eine ganz neue Veranstaltungsform“, fand ein Dritter kaum Worte für seine Begeisterung. Der Premieren-Geschichtsbummel ist noch nicht terminiert, soll aber noch vor den Sommerferien, die Ende Juni beginnen, über die Bühne gehen. Maximal 15 bis 20 Teilnehmer stellen sich Böhme und Späinghaus dafür vor.

Aus einer – im wahrsten Sinne des Wortes – Schnapsidee heraus entwickelten die beiden den Geschichtsbummel. Schnell hatten sie 17 markante Werdohler Orte für ihren gemächlich-unterhaltsamen Gang durch die Stadt gefunden. Bald merkten sie: Das sind zu viele. Da ein Bummel lediglich anderthalb bis zwei Stunden dauern soll, schnitten sie das Angebot auf zehn Stationen zusammen. Diese präsentierten sie am Mittwoch.

Los ging es auf der Stadtbrücke. Was das kriegsentscheidende Bauwerk mit den Heiligen Drei Königen zu tun hat, erläuterte Böhme dort. Und auch dass es vor langer Zeit dort schon die Maut gegeben hat, die da allerdings noch Wegezoll genannt wurde, verschwieg er nicht. Von Waschweibern auf der Lennewiese berichtete er, vom Lenneken und von der Lennefontäne.

Im Alten Dorf wurde die zweite Rast eingelegt. Die Teilnehmer der Generalprobe erfuhren, dass die heute nicht mehr existente Kilianskirche auf einem Hügel errichtet worden war. „An manchen Stellen ist die Bahnhofstraße bis zu fünf Meter aufgeschüttet“, wusste Böhme zu erzählen. Auch die Bücherverbrennung zu Nazi-Zeiten mag etwa an dieser Stelle stattgefunden haben, ergänzte er. Und dort, wo sich heute ein Kreditinstitut repräsentativ niedergelassen hat, standen einst das Hotel Germania und der Kaisersaal.

Dritter Haltepunkt war der Brüninghaus-Platz. Späinghaus erinnerte an vergangene Zeiten und blickte voraus auf den kommenden Umbau. „Dieses Mal ergibt sich dabei auch eine spannende Öffnung zur Lenne hin“, sagte er. Das wussten seine Zuhörer am Mittwoch zwar, doch soll sich der Geschichtsbummel künftig auch an Touristen und sonstige Nicht-Werdohler richten.

Gegenüber im Ludwig-Grimm-Park erfolgte der nächste Halt. Auch die Person Friedrich Keßlers wurde hier porträtiert. An die Marienglocke, welche heute auf Knopfdruck im Stadtmuseum läutet, wurde dort erinnert.

Halbzeit dann am Eggenpfad, wo es einst den sogenannten Streitbrunnen gab. Frauen trafen sich dort, so Böhme, „zu Zeiten, als es noch keinen Süderländer Volksfreund und kein Internet gab, um Klatsch und Tratsch auszutauschen“. Bis Ende der 70er-Jahre bot dort das Parktheater auch anderweitig Unterhaltung. Und zu Beginn des Dritten Reiches flogen aus den oberen Stockwerken der Gaststätte Dörseln Blumenkübel auf die unten auf der Straße aufmarschierenden Nazis.

Weiter ging es zur Neustadtstraße. Die Häuser dort entstanden als neue Unterkünfte für die vom großen Stadtbrand 1822 betroffenen Familien. Und mit einer einfachen Schmiede fand dort auch der Vossloh-Konzern seinen Ursprung. Neben dem Restaurant La Tapas schließlich befand sich einst die Arrestzelle der Polizei.

Immer wieder zeigten Späinghaus und Böhme alte Fotos. Immer wieder streuten die Teilnehmer der Geschichtsbummel-Generalprobe eigenes Wissen ein. Immer wieder blieben Passanten, sogar Kinder, stehen – und wollten zuhören, mitdiskutieren. So auch am Colsman-Platz. Das war früher der Haupt-Verkehrsknotenpunkt Werdohls – und zwar auch schon zu Zeiten, wo gerade einmal die Postkutsche für Mobiliät sorgte.

Und Böhme hatte wieder einmal eine Anekdote parat: Dunkelheit in der Nacht und Lampen seien nicht erst in jüngster Zeit zu ureigenen Werdohler Themen geworden. Bereits in den 1860er-Jahren hätte ein Streit über die Anschaffung von Petroleum-Straßenlaternen zu überregionaler Bekanntheit der Stadt zwischen Lenne und Verse geführt. Eine Berliner Satirezeitschrift habe dem sogar eine ganze Seite gewidmet.

Achte Station war die Schweinegruppe vor dem ehemaligen Busenhof. Dort erfuhren die Teilnehmer, dass dieser Busen weniger etwas mit weiblicher Oberweite zu tun habe. Vielmehr bedeute es übersetzt so viel wie „flacher Hügel“, meinte Böhme. An jener Stelle sei einst die Poststraße verlaufen. Diese bot mit zahlreichen Geschäftszeilen das Einkaufszentrum der Stadt Werdohl. Auch zu damaligen Zeiten war schon vom Kneipensterben die Rede.

Fast am Ausgangspunkt, der Stadtbrücke, wieder angekommen, berichteten die zwei Geschichtsbummler vom Hotel Quitmann, der Lennepromenade und dem Kletterfelsen. Auch die Sonnenfänger waren ihnen eine Erwähnung wert. Am letzten Punkt des Rundgangs durch Werdohl – gegenüber vom Edeka-Markt – wurde an die Schnurre erinnert.

Mit einem Zertifikat dankten Späinghaus und Böhme allen Vorpremieren-Teilnehmern. Dieses bekundet, dass der Inhaber das Recht habe, „sich wissend in Werdohler Geschichte zu bezeichnen“. Dieses Wissen dürfe gerne weiter gegeben werden. Die zwei Geschichtsbummler könnten es anders herum aber jederzeit auch abfragen, fügten sie mit einem Augenzwinkern an.

Von Michael Koll

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