Beteiligung an Gedenkfeier zum Volkstrauertag bleibt mau

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Bürgermeisterin Silvia Voßloh und CDU-Fraktionschef Stefan Ohrmann trugen am Sonntagnachmittag den Kranz der Stadt Werdohl zum Ehrenmal. Dass er mit einer Schleife in den belgischen anstatt den deutschen Nationalfarben geschmückt war, fiel kaum jemandem auf.

Werdohl - Mit einer Feierstunde zum Volkstrauertag haben am Sonntag auch einige Werdohler der Opfer von Krieg, Terror und Gewaltherrschaft gedacht. Die Stadt, die Kirchengemeinden und Vereinsvertreter hatten sich zuvor darauf verständigt, nur noch eine zentrale Veranstaltung in der Stadtmitte durchzuführen, die zudem am Nachmittag stattfinden sollte. Der Erfolg dieser Bemühungen war überschaubar.

Die Gedenkrede hielt diesmal Pater Irenäus Wojtko, Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde St. Michael. Die junge Generation könne mit dem Volkstrauertag wenig anfangen, stellte er fest und schob einen möglichen Grund dafür nach: Zu den Menschen, die im Zweiten Weltkrieg Opfer geworden seien, hätten die Jugendlichen keinerlei Beziehung mehr. Doch der Volkstrauertag sei ein Tag der Trauer um alle Menschen. „Dazu bedarf es keiner verwandtschaftlichen Beziehungen“, betonte Wojtko.

Er rief noch einmal in Erinnerung, wieviele Millionen Menschen zwischen 1939 und 1945 weltweit zu Tode gekommen sind. „Doch diese Zahlen erreichen oft nicht unser Herz“, bedauerte er. Dabei stecke hinter jedem einzelnen Toten ein menschliches Schicksal. Über die Feststellung, dass das Grauen des Krieges nicht vorüber, sondern an vielen Orten in der Welt noch immer gegenwärtig sei, gelangte Pater Irenäus zu Erich Kästners pessimistischem Geschichtsbild: „Die Menschen werden nicht gescheit“, hatte der Schriftsteller in seinem zeitkritischen Gedicht „Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag“ festgestellt. Dem wollte Wojtko jedoch nicht beipflichten. „Wir Christen geben die Hoffnung auf Frieden und Versöhnung nicht auf“, schloss er in seiner Rede während der Gedenkfeier, die der CVJM-Posaunenchor und der Männerchor 1847/91 musikalisch umrahmten.

Bürgermeisterin Silvia Voßloh und der CDU-Fraktionsvorsitzende Stefan Ohrmann legten anschließend zum Gedenken an die Toten einen Kranz nieder. Auch die Werdohler Schützen sowie Dr. Richard Müller-Schlotmann und Heiner Burkhardt für die Werdohler Vereine trugen Kränze zum Ehrenmal.

Die erhoffte größere Beteiligung der Bevölkerung an der auf den Nachmittag verlegten Feierstunde blieb allerdings aus. Neben den Schützendelegationen aus Werdohl und dem Versetal und einer Gruppe des DRK hatten sich nur etwa zwei Dutzend weitere Werdohler in den Ludwig-Grimm-Park verirrt. Bürgermeisterin Voßloh bat um Geduld: „Das muss sich erst noch finden“, sagte die Erste Bürgerin Werdohls, die auch diesmal selbst keinen Wortbeitrag zur Gedenkfeier geliefert hatte.

Ein Kommentar von Redakteur Volker Griese 

Eine traurige Veranstaltung

Es war sicherlich gut gemeint, als sich Vertreter von Stadt, Kirchen und Vereinen vor einigen Wochen dazu entschlossen haben, die Gedenkfeier zum Volkstrauertag zu beleben. Aber ist das auch gelungen? Wenn man unter Belebung versteht, dass ein größerer Teil der Bevölkerung zu dieser Veranstaltung kommt, bei der der Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft aller Nationen gedacht wird, muss die Antwort mit einem klaren Nein beantwortet werden. Es waren weniger Menschen da als in der Vergangenheit. 

Das mag an dem unglücklich gewählten Beginn um 15 Uhr am Nachmittag gelegen haben. Um diese Zeit sind viele der gesetzlich geregelten Einschränkungen schon wieder aufgehoben, beispielsweise dürfen ab 13 Uhr schon wieder Sportveranstaltungen und Märkte stattfinden. Solche Freizeitbeschäftigungen erhalten dann vielfach den Vorzug vor einer Trauerveranstaltung. Die Belebung ist aber außerdem nicht gelungen, weil die Organisatoren zu viele Möglichkeiten ungenutzt gelassen haben, vielleicht weil sie nicht den Mut zu wirklichen Veränderungen gehabt haben. 

Dass das Stadtoberhaupt beim Volkstrauertag in Werdohl nicht zu den Rednern gehört, mag Tradition haben. Mit dieser Tradition zu brechen, wäre aber ein Signal der Bürgermeisterin gewesen der Bevölkerung zu zeigen, was ihr dieses Gedenken an Millionen von Toten bedeutet: hoffentlich mehr als eine verschämte Pflichtübung. Stattdessen ließ Silvia Voßloh erneut einem Kirchenmann den Vortritt, obwohl der Volkstrauertag ausdrücklich ein staatlicher und kein kirchlicher Gedenktag ist. 

Verpasst wurde aber auch die Chance, junge Menschen in die Feierstunde einzubinden. Andernorts wird es vorgemacht, indem man beispielsweise Schüler Gedichte vortragen oder von ihren Erlebnissen erzählen lässt. Warum sollte das in Werdohl nicht möglich sein? Lässt man solche Gelegenheiten ungenutzt, wird oder bleibt eine Gedenkfeier zum Volkstrauertag das, was sie in Werdohl ist: eine wahrhaft traurige Veranstaltung. Ach, übrigens: Die Kranzschleife in falschen Farben war bei all dem nur eine Randnotiz. Eine etwas peinliche zwar, aber auch nicht mehr. Wenn es nur das gewesen wäre...

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