Fünfeinhalb Jahre Gefängnis nach versuchtem Mord

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Die Nebenklägerin (2. v. r.) eines Falles, bei dem es um einen versuchten Mord ging, musste gestern weinend den Verhandlungssaal am Wuppertaler Landgericht verlassen. Die Verteidigerin ihres Mannes gab ihr die Schuld am Scheitern der Ehe.

Werdohl - Fünfeinhalb Jahre ins Gefängnis muss der Werdohler Angeklagte in einem Fall versuchten Mordes, der in den vergangenen Monaten am Landgericht Wuppertal verhandelt wurde.

Unerfreulicher Höhepunkt des gestrigen Verhandlungstages war ein Moment im Plädoyer der Verteidigerin, der die Ex-Frau des Angeklagten zum Weinen brachte. Die junge Frau musste in Begleitung ihrer Schwester den Verhandlungssaal verlassen.

Begonnen hatte der Tag mit dem Schlusswort des Staatsanwaltes Heribert Kaune-Gebhardt. Er attestierte dem Angeklagten ein „Familiendenken mit patriarchalen Strukturen“. So habe dieser der damals 15-jährigen Tochter bereits gedroht, sie mit Benzin zu übergießen, sollte sie einen Freund haben.

Im Januar 2014 wurde der 37-Jährige bereits einmal in Remscheid aufgegriffen. Schon da führte er eine mit Benzin gefüllte Flasche bei sich. Da er zudem der heutigen Nebenklägerin mehrfach gedroht habe, sie anzuzünden, ging der Staatsanwalt von einer Tötungsabsicht aus. Das Motiv sei die Trennung gewesen, „die im starken Widerspruch zu seinem Weltbild stand“.

Die Tat am 4. Juni 2014 sei ein „tauglicher Versuch eines grausamen Mordes“ gewesen, schätze Kaune-Gebhardt ein. Der Zeuge, der die beiden vormaligen Eheleute mit seinen Nordic-Walking-Stöcken voneinander trennte, „hat einen wesentlichen Anteil daran, dass der Angeklagte seine Frau nicht entzünden konnte“. Der Staatsanwalt forderte eine achtjährige Haftstrafe.

Staatsanwalt fordert acht Jahre Haft

Dem schloss sich der Anwalt der Nebenklägerin Martin Haas an. Er allerdings sprach von einer „fundamentalistischen Einstellung des Angeklagten“. Dass seine Mandantin nach der Trennung nicht in Werdohl geblieben sei, spreche „für ihre Angst und eine reale Bedrohung“. Das werde auch deutlich aus dem Vorfall vom Mai 2012, als der Angeklagte seiner Frau bereits ein Messer an den Hals gehalten habe. So habe der Zeuge mit den Sport-Stöcken „dafür Sorge getragen, dass meine Mandantin heute noch hier sitzen kann“.

Rechtsanwalt Haas bescheinigte dem Angeklagten „einen zweifelhaften Charakter“. Das werde deutlich daran, dass er seiner Familie patriarchale Strukturen aufgezwungen habe, sich selbst gegenüber diese Regeln aber nicht habe gelten lassen. Er habe – entgegen seinem Glauben – Alkohol getrunken und sei dem Glücksspiel nachgegangen.

„Sein Opfer wird noch lange unter dieser Tat leiden. Die Angst wird sie im Alltag allenfalls überdecken können“, prognostizierte Haas. Neben einer Haftstrafe forderte der Rechtsanwalt auch noch, dass der Angeklagte auch die Verfahrenskosten seiner Mandantin übernehmen solle.

Verteidigerin Andrea Groß-Bölting hatte eine andere Einschätzung des Falles. Ihrer Meinung nach sei „kein tauglicher Mordversuch anzunehmen“. Weiterhin betonte sie: „Es geht hier nicht um die Lebensführung meines Mandanten. Ihn charakterlich einzustufen, nachdem er nicht mit uns gesprochen hat, steht uns nicht zu.“

Vielmehr habe die Schwester seine Frau zur Trennung getrieben. Eine Drohung, auch mit einem Messer, habe „eine andere Qualität als tatsächliche Gewalt“, interpretierte sie. In Wahrheit habe die Ex-Frau ihrem Mandanten die Kinder „entzogen“, die er geliebt habe; auf die er stolz gewesen sei. Die Nebenklägerin habe trotz dreier Kinder nicht voll gearbeitet und somit für die finanziellen Nöte der Familie gesorgt. Als Groß-Bölting dies sagte, brach die so Angesprochene in Tränen aus. Die Verteidigerin blickte in Richtung der jungen Frau, die den Saal verließ; nickte ihr lächelnd zu.

Ihr Mandant habe seinen Sohn mit einem Schlauch geschlagen und auch bereits im Januar 2014 eine Benzinflasche bei sich getragen. Das lasse zwar an einen beabsichtigten „Ehrenmord“ denken. Aber für solche Gedanken seien doch lediglich die Medien verantwortlich, so die Verteidigerin.

„Vorbereitung auf Straftat nicht strafbar“

Ihr Mandant müsse nur „seine Sprachlosigkeit überwinden“, um die Zukunft positiv zu gestalten. Schlussendlich habe er sich bloß eine Körperverletzung seiner Ex-Frau zu Schulden kommen lassen. So forderte die Verteidigerin ein Strafmaß in Höhe von anderthalb Jahren Freiheitsentzug auf Bewährung. „Denn eine Vorbereitung auf eine Straftat ist nicht strafbar.“ Erstmals ergriff der Angeklagte dann selbst das Wort. Er habe den Ausführungen seiner Anwältin nichts hinzuzufügen, sagte er.

Angeklagter lacht höhnisch über Urteil

Der Argumentation Groß-Böltings folgte die Kammer rund um Richter Robert Berling aber nicht. Neben der fünfeinhalbjährigen Haftstrafe müsse der Angeklagte auch die Verfahrenskosten seiner Ex-Frau übernehmen.

Diese habe „die Hauptlast in der Ehe getragen“. Der spätere Täter sei „sehr selten“ arbeiten gegangen und habe sich an den Arbeiten im Haushalt „nicht rege beteiligt“. Der Angeklagte reagierte darauf mit einem höhnischen Lachen und empörtem Kopfschütteln.

„Ich schneide Dich in Scheiben“, habe er seiner Frau im Mai 2012 mit einem Messer gedroht. Im November 2013 habe er der Scheidung widersprochen. Richter Berling stellte fest: „Er war fest entschlossen, seine Ex-Frau zu töten.“ Das habe er ihr am Tattag auch so gesagt. Vom Zeugen mit den Stöcken habe er sich „nicht beirren“ lassen. Seine Depression führe „nicht zu einer erheblichen Einschränkung der Schuld“. Die Kammer des Landgerichtes ließ bei dem Urteil eine Revision zu.

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