Flüchtlingshilfe freut sich über Rückhalt

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Für fast 80 Asylbewerber, die (noch) nicht in den Genuss geförderter Integrationskurse kommen, bietet das Netzwerk Flüchtlingshilfe mittlerweile Deutschkurse an.

Werdohl - „Das sind schöne Erlebnisse, die man sich nicht kaufen kann“, sagt Lothar Jeßegus. Der 65-Jährige ist der „Kopf“ des Werdohler Netzwerks Flüchtlingshilfe, bei ihm laufen alle Fäden zusammen. Für den Rentner ist das „mehr als ein Vollzeitjob“, obwohl ihn 40 bis 50 Helfer unterstützen.

Lothar Jeßegus hat die Hilfe für die derzeit rund 270 in Werdohl lebenden Flüchtlinge straff organisiert: Es gibt sieben Aufgabenbereiche mit jeweils von bis zu drei Helfern als Teamleiter geführt und von bis zu einem Dutzend Helfern unterstützt werden. „Das alles ist zu führen wie eine Firma, sonst ist das nicht zu bewältigen“, sagt Jeßegus, der nicht nur das Gesamtkonstrukt führt, sondern auch zwei ganz wesentliche Teilbereiche selbst leitet: die Beratung und die Integration der Flüchtlinge und Asylbewerber.

Als ehemaliger Mitarbeiter der Kreisverwaltung, wo Jeßegus 30 Jahre tätig war, kennt der Werdohler sich aus mit behördlichen Vorgängen, versteht er das „Beamtendeutsch“, mit denen seine Schützlinge in Behördenschreiben konfrontiert werden. Er hilft den Menschen, die sich noch fremd fühlen in diesem Land, dabei, diese Briefe überhaupt erst einmal zu verstehen. Dann unterstützt er sie bei der Beantwortung der Behördenpost und vermittelt bei Bedarf auch professionelle Hilfeleister.

Bei Behördengängen oder Arztterminen springt oft Volker Schmiedel ein, der den Flüchtlingen auch die Werdohler Infrastruktur erklärt. Nicht immer ist das einfach, denn oftmals verhindern schon die sprachlichen Barrieren, dass Jeßegus oder Schmiedel schnell helfen können. Er ist deshalb froh, dass er auf die Unterstützung einiger Flüchtlinge setzen kann, die mehrere Sprachen sprechen und als Übersetzer fungieren können.

Überhaupt ist die Sprache der Schlüssel für vieles. Deshalb bietet die Flüchtlingshilfe auch Deutschkurse an, die bei den Flüchtlingen sehr beliebt seien, wie Jeßegus versichert: „Die Lehrer berichten, dass ihre Schüler sehr motiviert sind“, berichtet er von Gesprächen mit Anne Paulekun und anderen, die in diesem Bereich tätig sind und in sieben Kursen insgesamt 78 Migranten unterrichten. Mittlerweile können die Flüchtlinge auch verstärkt auf Angebote der Volkshochschule zurückgreifen. Jedoch nicht alle: Anspruch auf Teilnahme an einem solchen Integrationssprachkursus haben nur Flüchtlinge mit Aussicht auf ein Bleiberecht in Deutschland. In der Regel sind das Menschen aus Syrien, Eritrea, Iran und Irak. „Wir würden es sehr begrüßen, wenn es noch mehr solcher Angebot gäbe“, sagt Jeßegus, denn: Kenntnisse in der deutschen Sprache erleichtern die Integration ungemein.

Ganz deutlich offenbart sich das nach den Schilderungen Jeßegus’ bei der Suche nach einem Arbeitsplatz. Arbeitgeber seien durchaus gewillt, Flüchtlingen mit Bleibeperspektive auch eine Chance zu geben. Deutschkenntnisse seien aber die Mindestanforderung, ohne die auch ein noch so talentierter und motivierter Bewerber am Arbeitsmarkt keine Chance habe. Und ohne Arbeitsplatz, ohne geregeltes Einkommen finden Flüchtlinge auch keine Wohnung. Ein Teufelskreis, den zu durchbrechen die Flüchtlingshilfe Unterstützung in Form von „Vitamin B“ anbietet. Jeßegus: „Ohne Beziehungen ist kaum etwas zu machen. Dabei sind es doch oftmals total befähigte und fleißige Leute, die in ihren Herkunftsländern schon ein Studium begonnen haben.“

Hier in Deutschland müssen sie nach einer zum Teil abenteuerlichen Flucht dagegen ganz von vorn anfangen. Manche tragen ihre ganze Habe auf dem Leib, wenn sie in Werdohl ankommen. Dann gilt es, sie mit dem Nötigsten für das tägliche Leben zu versorgen: Kleidung, Wäsche, Hausrat, Möbel. Dafür setzen sich die Helfer des Arbeitsbereiches ein, den die Flüchtlingshilfe ganz einfach mit „Gebrauchtes“ überschrieben hat. Im Gewerbehof hat die Flüchtlingshilfe von der Stadt eine Fläche gemietet, auf der all das zwischengelagert wird, was die Bevölkerung für die Flüchtlinge gespendet hat. Und das ist eine ganze Menge, auch Fernsehgeräte, Fahrräder und Spielzeug sind darunter. „Die Bevölkerung ist sehr stark engagiert, die Rückhalt ist großartig“, kann Jeßegus über mangelnde Unterstützung nicht klagen. Nur Kleidung bietet die Flüchtlingshilfe hier nicht an – nicht mehr. „Wir haben sehr schnell gemerkt, dass uns das überfordert“, erklärt Jeßegus. Inzwischen erhalten die Neuankömmlinge von der Stadt Berechtigungsscheine, mit denen sie in der Kleiderkammer der Caritas eine Erstausstattung erhalten können.

Weil zu einem menschenwürdigen Leben mehr gehört als die Versorgung mit Wohnung, Kleidung und Essen, organisiert die Flüchtlingshilfe auch Aktionen für die in Werdohl Gestrandeten. Gerade erst hat sie ein Fußballteam ins Leben gerufen, das regelmäßig in der Sporthalle Köstersberg kickt. Andere Sportler, beispielsweise Tischtennisspieler, Basketballer oder Volleyballer vermittelt die Flüchtlingshilfe auch an heimische Sportvereine. Im Januar soll zudem in einem Gespräch mit dem Stadtsportverband nach Möglichkeiten gesucht werden, den Flüchtlingen durch den Sport zu sozialen Kontakten zu verhelfen. Andere Aktionen richten sich an Kinder oder ganze Familien. Ausflüge ins Sauerland, aber auch nach Dortmund und Köln haben die Helfer schon organisiert, zum Teil mit Unterstützung der Flüchtlinge selbst. „Mancher in der Bevölkerung versteht das vielleicht nicht, aber die Flüchtlinge zehren sehr lange von solchen Erlebnissen“, hält Lothar Jeßegus derartige Unternehmungen für wichtig.

Es ist ein weites Feld, auf dem die ehrenamtlichen Helfer, die nicht nur aus den Werdohler Kirchengemeinden kommen, für die Flüchtlinge tätig werden. Den Menschen aus Afrika, aus dem Nahen Osten und vom Balkan diese Möglichkeiten der Unterstützung aufzuzeigen, steht oftmals ganz am Anfang. Deshalb bietet die Flüchtlingshilfe auch jeden Montag ein Treffen im ehemaligen Kindergarten am Kirchenpfad an. Zwischen 15 und 17 Uhr können Flüchtlinge dort erste Kontakte zu den einheimischen Helfern aufbauen. „Diese Treffen dienen auch dazu, Ängste und Vorbehalte abzubauen“, erklärt Lothar Jeßegus. Das Konzept, das die überkonfessionelle Flüchtlingshilfe verfolgt, zeigt offensichtlich Wirkung. „Die Flüchtlinge vertrauen uns, sie wissen unsere Hilfe zu schätzen“, sagt Lothar Jeßegus und spricht auch darüber, was dieses Gefühl für die Helfer bedeutet. „Das ist eine sehr schöne Arbeit, weil man tief gehende Beziehungen zu den Menschen aufbaut. Die Freundschaften, die dabei entstehen, sind nicht oberflächlich.“

Doch wird die Belastung der Helfer nicht zu groß, wie es manche Politiker befürchten, wenn über Machbarkeit und Obergrenzen debattiert wird? „Für die meisten von uns geht die Belastung nicht über die eines normalen Ehrenamtes hinaus“, ist Lothar Jeßegus überzeugt, dass die Flüchtlingshilfe ihre Kräfte nicht wirklich überfordert.

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