Flüchtlingsbeauftragter muss viel improvisieren

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Fachbereichsleiter Bodo Schmidt (links) und der Flüchtlingsbeauftragte Michael Tauscher arbeiten eng zusammen. Die Aufgaben des 48-Jährigen sind vielfältig und sollen sich im Laufe der Zeit noch verändern.

Werdohl - „Vieles gibt es einfach nicht auf dem Formblatt, es muss neu initiiert werden. Das deckt sich mit meiner Arbeit aus der Sozialpädagogik“, sagt Michael Tauscher. Seit dem 1. Dezember ist der ehemalige Stadtjugendpfleger Flüchtlingsbeauftragter der Stadt Werdohl.

Von einem geregelten Arbeitsalltag ist der 48-Jährige aber noch weit entfernt. „Es ist wichtig, dass ich mir einen Gesamtüberblick verschaffe. Das dauert natürlich einige Zeit.“ Regelmäßig besuche er die Übergangswohnheime, um festzustellen, was die Menschen dort gerade benötigten und welche Probleme vor Ort gelöst werden müssten. „Das können ganz banale Dinge sein, aber auch eine zeitintensive Hilfestellung in sehr speziellen Fällen“, berichtet der gelernte Erzieher.

Beispielsweise kümmere er sich um ein Ehepaar, dessen kleine Tochter sich einer Operation in einer Spezialklinik unterziehen müsse. „Die Eltern sprechen einen sehr seltenen Dialekt, schon die Suche nach einem Dolmetscher, der die Verständigung zwischen Ärzten und Eltern ermöglicht, ist nicht leicht“, sagt Tauscher.

Apropos Verständigung: „In der Regel klappt das ganz gut, manchmal mit Händen und Füßen“, berichtet der Flüchtlingsbeauftragte. Er habe sich daran gewöhnen müssen, in der Küche einer Familie zu stehen und zum Handy zu greifen, um das Gespräch mit einem Dolmetscher am anderen Ende der Leitung quasi zu Dritt zu führen.

„Konflikte immer offen ansprechen“

Wenn es zu Konfliktsituationen kommt, ist Tauscher ebenfalls der richtige Ansprechpartner. Religiöse oder kulturelle Unterschiede diskutiere er von sich aus grundsätzlich nicht. „Es geht nur um die Sache, das friedliche Zusammenleben. Das muss auch unter schwierigen Bedingungen möglich sein.“

Konflikte spreche er offen an, und auch mögliche Konsequenzen verschweige er nicht, stellt Tauscher fest, der eine Ausbildung zum Anti-Aggressivitätstrainer absolviert hat. Grundsätzlich funktioniere das Miteinander in den Übergangswohnheimen sehr gut. Das bestätigt auch Fachbereichsleiter Bodo Schmidt: „Vor allem, wenn man bedenkt, unter welchen räumlichen Bedingungen die Menschen dort untergebracht sind.“

Gerne würde Schmidt diese Situation entschärfen, momentan sei er aber froh, dass es gelinge, Familien aus den Wohnheimen heraus zu halten. „Bisher konnten wir Familien immer in Wohnungen unterbringen.“ Momentan sei die Situation in Werdohl sehr ausgewogen. „Wir betreuen 350 Menschen, die Zuweisungssituation ist entspannt und wir sind gut aufgestellt, was die Unterbringungsmöglichkeiten angeht.“

Gut aufgestellt sei die Stadt auch durch die vielen ehrenamtlichen Helfer, die beispielsweise in der Flüchtlingshilfe mitwirken. „Wir möchten der Flüchtlingshilfe auf gar keinen Fall Konkurrenz machen, sondern Zusatzangebote machen und – wenn es uns zukünftig möglich ist – die Ehrenamtlichen entlasten“, unterstreicht Schmidt.

Auch aus diesem Grund gehört zu den Aufgaben des Flüchtlingsbeauftragten die Vernetzung aller Hilfsangebote. Tauscher hat Daten zusammengetragen, auf deren Grundlage auf der Internetseite der Stadt Werdohl ein Portal für Helfende und Hilfesuchende eingerichtet worden ist. Er möchte die Flüchtlinge zu ihrem Freizeit- und Sportverhalten befragen und eventuell das Angebot der Flüchtlingshilfe in diesem Bereich ergänzen.

Keine Konkurrenz zur Flüchtlingshilfe

Im Übergangswohnheim Im Winkel soll eine Außenstelle des Flüchtlingsbeauftragten eingerichtet werden. „Dort möchte ich mindestens zwei Mal wöchentlich vor Ort sein.“ Darüber hinaus möchte Tauscher auch im Jugend- und Bürgerzentrum ein regelmäßiges Angebot für Flüchtlinge schaffen. Langfristig, so die Planung, soll sich der 48-Jährige aber darauf konzentrieren, Flüchtlingen mit Bleibeperspektive die Integration in die Gemeinschaft zu erleichtern.

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