Wie aus Fremden Werdohler wurden

Die Veranstaltung, die der türkische Frauenverein anlässlich des Weltfrauentages in der Stadtbücherei durchführte, war sehr gut besucht. Wegen des großen Andrangs mussten noch Stühle dazu gestellt werden. - Fotos: Koll

Werdohl -  Ein wahrhaft babylonisches Sprachgewirr flirrt durch die Stadtbücherei. Der Raum ist übervoll mit Menschen, die Deutsch, Englisch, Türkisch, Arabisch und noch andere Sprachen sprechen. Ali Akdeniz und Bibliotheks-Leiterin Klaudia Zubkowski müssen noch Stühle herbeischaffen. Die Veranstaltung zum Weltfrauentag unter dem Motto „Flüchtlinge, Migranten und Deutsche erzählen von ihrem Leben in Werdohl“ hat deutlich mehr Besucher angezogen als von den Veranstaltern erwartet.

Bei türkischem Tee und einem internationalen Buffet berichteten in den folgenden zwei Stunden verschiedene Menschen von ihren persönlichen Erfahrungen. Dabei wurde es manchmal spannend, oft emotional und gelegentlich mucksmäuschenstill in der Bücherei.

Zunächst aber begrüßte die Initiatorin der Veranstaltung – Gülcan Kiraz, Werdohlerin mit türkisch-schwäbischem Migrationshintergrund – die Anwesenden. Sie erinnerte an Zeiten, als die Stadt zwischen Lenne und Verse nur 3000 Einwohner und später sogar 25 000 Bürger zählte. „Unsere Stadt lebt von Zugezogenen“, bilanzierte Kiraz und richtete Grüße der Bürgermeisterin aus. Silvia Voßloh war nicht gekommen, ließ sich krankheitsbedingt entschuldigen.

Kiraz wies ausdrücklich auf die Werdohler Gespräche des Kulturvereins „Werdohl heute“ hin, die sich am Donnerstag, 10. März, ebenfalls in der Bücherei, dem Thema Integration von Flüchtlingen zuwenden. Die weitere Moderation des Nachmittags übernahm ihre Tochter Görkem Kiraz. Diese rief die Anwesenden zu Spenden für die Werdohler Flüchtlingshilfe auf.

Dann spielten die aktuellen Stipendiaten der Musikschule Lennetal unter der Leitung von Sebastian Hoffmann den „Sommer“ von Antonio Vivaldi. Der Musiklehrer erläuterte: „Vivaldi migrierte selbst von Italien nach Wien. Und zum Weltfrauentag passt er auch: Jahrzehntelang unterrichtete er an einem Mädchen-Waisenhaus.“ Was dann folgte, war ein musikalischer Hochgenuss.

Die Neuenraderin Hacer Breil eröffnete den Reigen der Redner. Die Publizistin veröffentlichte in den 90er-Jahren ein Buch mit Lebenserinnerungen älterer Werdohler an die Zeiten des Zweiten Weltkrieges. Von Flüchtlingszügen war die Rede, von

Gastarbeiter kamen als Experten

Kleidung und Möbeln, die verteilt werden, ebenso. Auch wurde erklärt, dass Ütterlingsen zunächst einmal das „Heimweh-Viertel“ genannt worden sei, weil die Straßennamen, die an ostdeutsche Städte erinnern, eine Sehnsucht ausdrückten.

Verwaltungs-Mitarbeiterin Regina Wildenburg unterhielt sich dann mit einigen weiteren Rednern, teils unterstützt von der Dolmetscherin Fatiha Ezitouni. Als Erster ergriff Udo Böhme das Wort. Der Ratsherr erinnerte sich an seine Kindheit, als die Schlesier und die Ostdeutschen seiner Elterngeneration auf Ressentiments stießen. „Die nehmen uns doch nur die Wohnungen weg“, habe es damals vielfach geheißen. Böhme wusste zudem: Mit Einführung der Eisenbahn waren Gastarbeiter aus Italien geholt worden, um – als Experten für Tunnelbau – im Sauerland beim Anlegen der Gleisstrecken zu helfen.

Als Nächster sprach Dr. Georg Vizkelety. Der Ungar entschied sich Mitte der 50er-Jahre zur Flucht aus seiner damals kommunistischen Heimat, um in Deutschland Arzt zu werden. „Ich hatte Angst bei der Busreise, denn es war August und ich hatte einen Wintermantel im Koffer. Ich wusste ja, dass ich bleiben wollte.“ Er schloss seinen Redebeitrag mit den Worten: „Ich bin froh, hier zu sein. Und ich hoffe, das Städtchen Werdohl noch lange genießen zu können.“

Vor mehr als drei Jahrzehnten kam Ayten Özer allein aus der Türkei nach Deutschland. Sie berichtete von andauernden Umstellungsproblemen auf das neue Leben. Und sie erzählte, dass sie sich weder in Deutschland noch in der heutigen Türkei heimisch fühle. „Heimat ist da, wo die Familie ist“, sagte sie traurig, denn ihre Angehörigen leben teils hier und teils dort.

Zwei Jahre und vier Monate ist Mamadou Alpha Bah bereits in Deutschland. Der junge Mann stammt aus Guinea und ist bei seiner Flucht vor dem Militärregime des westafrikanischen Landes zunächst in Belgien gelandet.

Worte voller Ehrgeiz und Verzweiflung

Von dort aus schlug er sich nach Deutschland durch. In Werdohl nun seien die meisten Menschen nett und hilfsbereit. Bei der FSV spiele er Fußball, erklärte Bah. Im Sportverein habe er Freunde gefunden.

Erst sieben Monate in Deutschland ist hingegen Raghad aus dem Irak. Sie schildert ihre Flucht, die sie durch sieben Länder führte. Ihr Sohn habe unterwegs die Schuhe verloren, „aber wir mussten ja weiter“, sagt sie. In Deutschland habe die Frau erstmals erfahren, Hilfe zu bekommen, ohne dafür Geld zahlen zu müssen. Sie betont: „Ich will nichts von den Deutschen. Ich suche nur Frieden und Sicherheit.“

Hanan stammt aus Ägypten. In Lybien hat sie ein Studium begonnen. Nach ihrer Flucht vor eineinhalb Jahren will sie dieses nun in Deutschland fortsetzen. In das Deutsch der jungen Frau schlichen sich immer wieder englische Begriffe. Sie klang verzweifelt und ehrgeizig zugleich.

Hamida aus Syrien schließlich löste Gänsehaut bei vielen Besuchern aus, als sie sagte: „Die Regierung dort hat mir einen meiner Söhne genommen. Ich weiß nicht, wo er ist und ob er überhaupt noch lebt.“ Sie sagte aber auch: „Ich bin sehr zufrieden, jetzt hier zu sein und so gut aufgenommen worden zu sein.“ Und dann wiederholte sie immer wieder ein Wort: „Danke“.

Spontan erhob sich dann der Altenaer Urologe Dr. Ömer Er Derbeder. Er erzählte eine Geschichte von einem kleinen Jungen, der seine Schwester, die nach Deutschland flüchten will, am Bahnhof verabschiedet. Dann schreibt der Junge ein Gedicht, in dem er Deutschland „ein gnadenloses Land“ nennt, weil es ihm die Schwester nimmt. Derbeder erläuterte im Anschluss: „Dieser Junge war ich. Heute aber habe ich selbst hier meine Heimat gefunden.“

Zum Abschluss des Nachmittags spielte Dogan Bicer auf dem türkischen Saiten-Instrument Saz.

Anlässlich des Weltfrauentages, der alljährlich am 8. März gefeiert wird, hatte der türkische Frauenverein zu dieser Veranstaltung eingeladen. Organisiert wurde der Nachmittag gemeinsam mit dem Team der Stadtbücherei, der städtischen Gleichstellungsbeauftragten, der Musikschule Lennetal, der Flüchtlingshilfe Werdohl sowie dem Quartiersmanagement Ütterlingsen.

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