Renate Olbrich zapft bald das letzte Pils im Versetal

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Renate Olbrich mit der Urkunde, die sie von der Kronen-Brauerei zum 100-jährigen Bestehen ihrer Gaststätte Mitte Juni 2012 erhalten hat.

Werdohl -  Letzte Kneipe im Versetal – das wird in Kürze Vergangenheit sein. Renate Olbrich (78) macht ihre Gaststätte an der Hauptstraße in Eveking Ende Januar 2016 zu. Sie schließt damit ein Kapitel Gastronomiegeschichte, das ihr Großvater Ewald Funke vor 103 Jahren aufgeschlagen hatte.

Die meiste Zeit hat Renate – wie ihre treuen Gäste sie einfach und liebevoll nennen – die Entwicklung der Schänke miterlebt; als Kind, als Heranwachsende, als Ehefrau und Mutter – und schließlich als Witwe.

Alles begann im Grunde schon im Jahr 1911. Damals kaufte Ewald Funke, der Pächter des inzwischen längst abgerissenen Hotels Zur Verse und damals bekannt als exzellenter Koch, das Haus an der Hauptstraße, baute es zur Gaststätte um und gab ihr den Namen „Restaurant zum Versetale“. Obwohl seine Frau schon früh gestorben war, führte er das Haus noch bis ins Jahr 1928. Dann übergab er die Wirtschaft seiner Tochter Elisabeth, die sie mit ihrem Ehemann Wilhelm Klute weiterführte.

Während des Krieges war das Restaurant eine Weile geschlossen. Erst 1946 oder 1947 – so genau weiß Renate Olbrich das nicht mehr - „haben wir wieder geöffnet“. Was die Getränke anging, so gab es zunächst nur Dünnbier und den Schnaps holte man sich „von einem auf dem Berg“, wie es geheimnisvoll hieß. Die Kinder mussten mit Himbeersirup – aufgemischt mit „Kranenberger“ – zufrieden sein.

Als die Fassade 1952 einen neuen Putz erhielt, wurde der Schriftzug „Restaurant zum Versetale“ abgeklopft und auch nicht mehr erneuert. Von da an hieß es Gaststätte Klute. Während Sohn Manfred sich für eine Karriere als Industriekaufmann entschieden hatte, ging seine Schwester Renate ihren Eltern schon früh zur Hand.

Der nächste Generationswechsel wurde zum 7. Januar 1969 vollzogen. Renate und ihr Ehemann Karl-Heinz Olbrich übernahmen die Gaststätte, „obwohl ich das eigentlich nicht wollte“, wie die heute 78-jährige Wirtin bekannte. Doch ihr Vater habe schließlich ihren Mann und dann sie selbst überreden können. Bereut hat sie diese Entscheidung letztlich nicht, weil es mit den vielen Stammgästen „Spaß gemacht hat“.

Abgesehen von Bier, Pils und Spirituosen gab es in den 70er-Jahren neben Soleiern und Frikadellen auch Schnittchen oder später auch Kartoffelsalat mit Kotelett, Krüstchen oder Schnitzel und schließlich auch die berühmten Bratkartoffeln mit Spiegelei. Die Möglichkeiten, die Gäste auch mit anderen Speisen zu versorgen, stiegen mit dem Um- und Ausbau im Küchenbereich 1984. Zuvor freilich musste Renate Olbrich drei Schicksalsschläge verkraften: 1980 starb ihre Mutter, ein Jahr später der Vater und 1982 ihr Mann Karl-Heinz. Im weiteren Verlauf wurde sie von ihrem späteren Lebensgefährten Klaus Münzinger unterstützt, bis auch der verstarb.

Doch auch danach hat Renate Olbrich nicht aufgegeben. Viel Rückhalt bekam sie von ihren Stammgästen. Ob nun der SGV Versetal, der Obst- und Gartenbauverein, Zug 2 des Versetaler Schützenvereins, die Fußballer, die HSV, HSV-Ehemalige, der TuS Versetal, die Awo, Schlesier, der Sozialverband oder die Skatrunde um Karl Brühl oder Jürgen Herr. Sie alle fühlten sich „bei Renate“ absolut wohl – seit Jahrzehnten. Das gilt natürlich auch für den Musikzug des Versetaler Schützenvereins, der bei Olbrich schon seinen Proberaum hatte, als die Bläser noch unter „Musikverein Eveking“ firmierten und für Furore sorgten. Für sie wird es auch nach der Schließung der Gaststätte eine Ausnahmeregelung geben. Sie können auch weiterhin ihren Proberaum nutzen – wenngleich dann die Getränke mitgebracht werden müssen.

Auch wenn in der Gaststätte nichts verändert wird und das dritte Mobiliar seit der Gründung 1912 stehen bleibt: Verpachtet wird die Kneipe nicht. Weder Renate Olbrichs Tochter, noch die beiden Enkelkinder haben Interesse und ansonsten ist niemand in Sicht, der die mehr als 100-jährige Tradition fortsetzen könnte. Eine Erkenntnis, die die 78-Jährige schon beim Jubiläum hatte.

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