Einvernehmliche Zärtlichkeiten oder sexuelle Nötigung?

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Werdohl - Zwei sehr unterschiedliche Geschichten hörte das Schöffengericht im Amtsgericht Altena von einer Frau und einem Mann, die sich am 16. September gemeinsam in einem Auto befunden hatten. Eine Aussage-gegen-Aussage-Situation, die Oberstaatsanwalt Dr. Gerhard Pauli thematisierte: „Das Problem bei Sexualstraftaten ist in der Regel, dass da nur zwei Personen dabei sind.“

Letztlich war er sich allerdings sehr einig mit dem Gericht, dass die mehrfach überarbeiteten Erklärungen des Angeklagten wenig Anlass boten, ihm zu glauben. Zehn Monate auf Bewährung wegen sexueller Nötigung in einem minderschweren Fall beantragte der Vertreter der Anklage und erklärte: „Die Zeugin hat auf mich einen absolut glaubwürdigen Eindruck gemacht.“ Das sah auch das Gericht so und entschied entsprechend. Nur Strafverteidiger Ingo Theissen-Graf Schweinitz hatte im Einklang mit seinem Mandanten dagegengehalten: „Ob die Geschichte der Zeugin, dass sie sexuell belästigt worden ist, richtig ist, das wissen wir nicht.“

Den äußeren Rahmen, in dem sich das Ganze abgespielt hatte, räumte der Angeklagte in der zweiten Sitzung seines Strafverfahrens ein. Im Auto sei es aber nur zu einvernehmlichen Zärtlichkeiten während eines intensiven Gespräches gekommen, behauptete der 46-Jährige. Nach einer halben Stunde habe seine Begleiterin plötzlich panisch auf die Situation reagiert und sei aus dem Auto geflohen. Völliges Schweigen ihrerseits wäre eine nachvollziehbare Reaktion gewesen, wenn der Angeklagte mit seiner Behauptung Recht gehabt hätte. Stattdessen floh die 38-Jährige in das Fitnessstudio in Ütterlingsen und vertraute sich einer Bekannten an. „Sie hatte die Schuhe voll mit Matsche und war total aufgelöst“, erinnerte sich die Zeugin. „Sie sah ganz schrecklich aus. Ich habe sie so noch nie erlebt.“ Diese Aussage trug zusätzlich dazu bei, die Glaubwürdigkeit der Geschädigten zu unterstreichen.

Da der Angeklagte jeglichen Übergriff bestritt, mussten der Ehemann der Geschädigten, die Ehefrau des Angeklagten und zweimal die Geschädigte selber aussagen. Sie wurde in der zweiten Sitzung der Verhandlung erneut mit den Behauptungen des Angeklagten konfrontiert. „Das ist alles Quatsch, alles“, bekräftigte sie ihre Aussage vom ersten Verhandlungstag. „Als wir dahin (in ein einsames Waldstück) kamen, hat er mich sofort gepackt.“

Da die Intensität dieser unangemessenen sexuellen Annäherung eher im unteren Bereich des Möglichen lag, gingen sowohl der Staatsanwalt als auch das Gericht von einem minderschweren Fall aus. „Das Gericht glaubt der Zeugin und hat gar keine Zweifel daran, dass sich das so zugetragen hat“, sagte Richter Dirk Reckschmidt und bracht es auf den Punkt: „Das war ein Versuch, mit unerlaubten Mitteln eine Beziehung herbeizuführen, die nicht gewünscht war.“ Und so endete die Verhandlung mit einer Diskussion über den genauen Wortlaut des zehnten Gebots: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh…“

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