Ehrenamtliche Helden kämpfen für Integration

Samed Coskun und Alper Kurul sind Heroes aus Köln. Die Familien der jungen Männer befürworten deren ehrenamtliches Engagement. „Das ist leider nicht nicht bei allen Heroes so“, berichten die jungen Männer mit Migrationshintergrund. - Fotos: Witt

Werdohl - „Wenn ich mit den Schülern spreche, hören sie mir zu. Sie wissen, dass ich sie verstehe“, sagt Samed Coskun. Der Schirm seines Caps sitzt im Nacken, das Handy hat er in der Hand. Samed Coskun, gerade 19 Jahre alt, ist ein Hero (Held): Der Kölner spricht mit Jugendlichen über die Gleichberechtigung der Geschlechter, Menschenrechte, Rassismus und weitere Themen, die eine wichtige Rolle spielen, wenn es um das friedliche Miteiander der Gesellschaft geht.

Gestern waren die Heroes Samed Coskun und Alper Kurul zu Gast an der Werdohler Realschule. Begleitet wurden sie von Sonja Fatma Bläser und Jaouad Hanin, zwei der Heroes-Gruppenleiter aus Köln. Zweieinhalb Stunden haben sie sich mit einer etwa 25-köpfigen Schülergruppe beschäftigt. Gespräche, Diskussionen und Rollenspiele standen auf dem Programm, kurze Filmsequenzen wurden gezeigt. „Wir wollen mit den Jugendlichen ins Gespräch kommen, möchten, dass sie sich uns öffnen, von ihren Erfahrungen erzählen und ehrlich ihre Meinung sagen“, erklärt Sonja Fatma Bläser. Ziel dieses Workshops ist unter anderem, dass die Schüler beispielsweise traditionelle, alte Strukturen und Normen hinterfragen und sich kritisch mit einem überzogenen Ehrbegriff auseinandersetzen.

Und auch, wenn es sich im ersten Moment so anhört: Nicht nur Jugendliche mit Migrationshintergrund profitieren von dem Gehörten. „Wir leben alle gemeinsam und haben viele Berührungspunkte, deshalb gehen uns auch alle diese Probleme an“, stellt Sonja Fatma Bläser fest. Zudem werden auch Themen wie Mobbing oder Antisemitismus angesprochen. Bläser stellt fest: „Nur wenn wir alle wissen, wie bestimmte Strukturen funktionieren, können wir etwas dagegen tun und anderen helfen.“ Gülcan Kiraz, Integrationsbeauftragte an der Realschule, weist auf einen weiteren, sehr wichtigen Aspekt hin: „Die Gemeinschaft in der Klasse wird gestärkt. So kann es gelingen, ein Wir-Gefühl zu schaffen.“

Nach zweieinhalb Stunden ziehen die Teilnehmer der ersten Workshopgruppe der Realschule ganz unterschiedliche persönliche Bilanzen. Der 15-Jährige Nico hat viel über andere Kulturen gelernt und sagt: „Man muss andere Menschen so akzeptieren wie sie sind.“ Mounier (13 Jahre) weiß jetzt, wie er verhindern kann, dass sich andere Menschen einsam fühlen und möchte künftig mehr mit anderen über das reden, was sie bedrückt. Der 13-jährige Nick stellt fest: „Man sollte gut mit seiner Familie umgehen und sie beschützen.“ Christos stellt fest: „Niemand kann etwas für seine Hautfarbe, oder dafür, aus welchem Land er kommt.“

Ähnlich formuliert es auch Andrea Grafe-Falke, Vorstandsassistentin der Vossloh AG: „Man darf Menschen nicht auf ihre Nationalität oder ihren Glauben reduzieren.“ Grafe-Falke hat sich auch im Namen der Vossloh AG für die Finanzierung der Heroes-Workshops in Werdohl eingesetzt: Mit ihrer Hilfe konnten viele weitere Sponsoren gefunden werden. Insgesamt drei Schülergruppen der Realschule und vier der Albert-Einstein-Gesamtschule nehmen teil. Darüberhinaus gibt es Workshops für die Eltern aller beteiligten Schüler und für die Lehrer der Schulen. Ein Workshop für eine Gruppe kostet rund 300 Euro, die Lehrerausbildung sei deutlich teurer.

Die Heroes-Gruppenleiter und die Heroes reisen aus Köln an. Das Projekt wird vom Verein Henna-Mond betreut. Die Workshops sind quasi der Einstieg ins Projekt; Jugendliche die ernsthaftes Interesse haben, können sich ab dem 16. Lebensjahr selbst zu Helden ausbilden lassen – und dann andere Schüler zum Nachdenken anregen, um die Welt ein kleines Stückchen zu verbessern – ein Schneeballprinzip. Ob es in Werdohl später eine solche dreijährige Heroes-Gruppen-Ausbildung geben wird, steht allerdings noch in den Sternen: „Das kostet pro Jahr und Gruppe 100 000 bis 120 000 Euro“, erklärt Sonja Fatma Bläser, der die Ausbildung der Helden ein Herzensanliegen ist: Sie selbst sollte als junge Kurdin zwangsverheiratet werden, hat sich dagegen gewehrt – und wurde für ihr Engagement und die Arbeit mit den Jugendlichen mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. „Ich bin glücklich, wenn es gelingt, junge Männer zu finden, die Heroes werden. Nur mit ihrer Hilfe können wir etwas ändern“, stellt sie fest.

Doch auch wenn es nicht gelingen sollte, Werdohler Helden auszubilden, sehen sich Gülcan Kiraz und Andrea Grafe-Falke auf einem sehr guten Weg: Die Finanzierung der Workshops ist auch für das Schuljahr 2017/2018 gesichert und die Initiative ist für mindestens vier bis fünf Jahre angedacht. „Ich bin überzeugt, dass der Kreis der Sponsoren noch größer wird. Heroes ist ein besonderes Integrationsprojekt mit einem ganz anderen und sehr sinnvollen Ansatz“, sagt die Vorstandsassistentin der Vossloh AG.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare