Dokumentation zeigt Geschichte von Kriegsgefangenen / Vorführung in der Bücherei

Das dunkle Kapitel der Stadt Werdohl

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Für die Dokumentation, die am Mittwoch in der Stadtbücherei gezeigt wird, interviewte das Ehepaar Annelie Klother (Mitte) und Walter Kropp (rechts) im November 2012 auch Andreas Späinghaus (links) und Udo Böhme (Mitte).

Werdohl - Ausdruckslos gucken die schmalen Augen in die Kamera. Die Mütze hängt etwas schief auf dem Kopf und die Hände verschränken sich hinter dem Rücken. Das vergilbte Porträt zeigt den Kriegsgefangenen André Toureille, der von 1940 bis 1945 Zwangsarbeiter in Werdohl war. 

Die Dokumentation „Gefangen – und dann – André, René, Laurent“ erzählt die Geschichte dreier Zwangsarbeiter, unter ihnen auch André Toureille. Am Mittwoch zeigt der Heimat- und Geschichtsverein den Film in der Stadtbücherei. 

Geschichte des Zwangsarbeiters dokumentiert

Das Projekt war 2012 durch eine Recherche des Ehepaares Annelie Klother und Walter Kropp ins Rollen gekommen. Die beiden Deutschen leben in Südfrankreich und konnten dort mit dem Sohn von André Toureille sprechen. Seine Erzählungen weckten das Interesse des Ehepaares, das beschloss der Geschichte des Zwangsarbeiters nachzugehen und sie mithilfe eines Filmes zu dokumentieren. 

Bei der Recherche im Internet stießen sie schnell auf den Geschichtspfad, den der SPD-Ortsverein Werdohl der Stadt zum 900-jährigen Jubiläum geschenkt hatte. Eine Tafel dieses Pfades hängt am Schützenplatz, dort, wo früher das große Zwangsarbeiterlager war. 

„So entstand der Kontakt mit der SPD“, erzählt Udo Böhme, 2. SPD-Fraktionsvorsitzender und Vorstandsmitglied des Heimat- und Geschichtsvereins. Er hatte den Lehrpfad mitentwickelt und kennt sich bestens mit dem dunklen Kapitel der Stadtgeschichte aus. Gemeinsam mit Andreas Späinghaus, SPD-Ortsvereinsvorsitzender, begleitete er damals die Dreharbeiten des Ehepaars. 

Postanschrift: Strafgefangenenlager Nr. 2404

Bevor diese jedoch beginnen konnten, galt es, herauszufinden, wo André Toureille gearbeitet hatte. „Das ging ganz schnell“, erzählt Udo Böhme. Das Ehepaar hatte eine alte Postanschrift Toureilles mit der Adresse Strafgefangenenlager Nr. 2404 und die Information, dass er in einer Federnfabrik gearbeitet hatte. 

Der Zwangsarbeiter André Toureille.

„Nach diesen Angaben konnte es sich nur um die Stahlfabrik Brüninghaus handeln“, erklärt Fachmann Böhme. Brüninghaus unterhielt in der Zeit des Dritten Reichs drei kleine Unterlager neben dem großen Zwangsarbeiterlager am Schützenplatz. 

Bei den Dreharbeiten wurde unter anderem der Ort besucht, wo die Brüninghaus-Baracken gestanden hatten. Außerdem kamen auch zwei Zeitzeugen zu Wort. 

Gräueltaten der Nationalsozialisten

Zwar blieb Werdohl während des 2. Weltkrieges von Kampfhandlungen weitestgehend verschont, doch die Verbrechen der Nationalsozialisten machten auch vor den Stadtgrenzen nicht halt. Es gab Verhaftungen von politisch und religiös Andersdenkenden, Erschießungen von Zwangsarbeitern und andere Gräueltaten. Dass dies bis heute kaum aufgearbeitet wurde, bedauert Udo Böhme. „Es wurde einfach totgeschwiegen“, sagt er, freut sich aber, dass die Dokumentation nun endlich Licht in die dunkle Vergangenheit bringt. 

Der Film handelt jedoch nicht nur von André Toureille, wie der Experte für Heimatgeschichte betont. Er erzählt auch die Geschichten von Toureilles Bruder René, der in Österreich als Zwangsarbeiter an einer Autobahn mitbaute, und von einem weiteren Familienmitglied, Laurent Déjean. „Das bedeutet, dass die Szenen auch in Österreich gedreht wurden und nicht nur in Werdohl“, so Udo Böhme. Die Vorführung in der Stadtbücherei beginnt am Mittwoch um 18.30 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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