„Bürger sind nicht in Gefahr, sondern eher die Flüchtlinge“

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Bürgermeisterin Silvia Voßloh, die beiden Fachbereichsleiter Bodo Schmidt und Michael Grabs (v.r.) sowie der städtische Flüchtlingsbeauftragte Michael Tauscher (l.) beantworteten zwei Stunden lang Fragen, Besorgnisse und Vorschläge der etwa 70 Bürger in der Aula der Realschule.

Werdohl - Die Bürgerinformation der Verwaltung zur Flüchtlingssituation am Mittwochabend verlief ruhig und in geordneten Bahnen. Kritische und vor allem besorgte Stimmen standen Aufrufen aus dem Publikum gegenüber, Kontakt mit den Flüchtlingen aufzunehmen, diese Menschen kennenzulernen und nicht vorschnell zu urteilen.

Vor allem die beiden Fachbereichsleiter Bodo Schmidt und Michael Grabs machten ganz unmissverständlich klar, welche Linie in der Stadtverwaltung gefahren wird und wo – auf Seiten aller Beteiligter – die Toleranzgrenze liegt.

Bürgermeisterin Voßloh war unübersehbar schwer angeschlagen und hätte ihrer Gesundheit zuliebe besser das Bett gehütet – sie wollte allerdings unbedingt an dieser von etwa 70 Personen besuchten Bürgerinformation teilnehmen. Sie erklärte, dass diese Informationsveranstaltung auf einen Antrag der WBG hin stattfinden würde. In ihrem einzigen Diskussionsbeitrag wurde auch sie sehr deutlich: „In Werdohl ist die Hilfsbereitschaft sehr gut ausgeprägt, daran will ich weiter arbeiten.“ Sie bat darum, die beiden vor dem Rathaus halbnackt demonstrierenden Flüchtlinge als Einzelfall zu betrachten: „Das waren nur zwei Personen. Es ist nicht in Ordnung, alle in einen Topf zu werfen.“

Fast eine Stunde wurde über die Tatsache debattiert, dass die Stadt an zwei Tagen in der Woche einen Reinigungsdienst in die Unterkunft im Winkel schickt. Vor allem ein jüngerer Mann aus Pungelscheid ließ nicht locker, mit immer neuen Spitzen und Nickeligkeiten geschickt die Stimmung gegen „angebliche Flüchtlinge“ anzutreiben. Am Ende platzte dem ansonsten sehr besonnenen Michael Grabs fast der Kragen, er sprach den sehr kurzhaarigen Mann namens Schröder direkt an: „Ich kann es nicht mehr hören, das ist so zynisch.“

Unhygienische Zustände

Bodo Schmidt sprach im Zusammenhang mit dem Reinigungsdienst von einer „unpopulären Maßnahme“. Im Winkel gebe es für zwanzig Personen je eine Gemeinschaftsküche, zwei Duschen und drei Toiletten. Schmidt: „Wir können es uns einfach nicht leisten, dass da Krankheiten aufgrund hygienischer Zustände entstehen.“ Um vorübergehend Schlimmeres zu vermeiden, sei der Stadt nichts anderes übrig geblieben. In einigen Wochen hätte sich die Situation im Winkel reguliert, hoffte er. Der überwiegende Teil der Bewohner verhalte sich sauber, aber die Verwaltung könne nicht beweisen, wer einzelne Verursacher seien. Auch Leistungskürzungen seien kein Druckmittel. Die Zahlungen an die Flüchtlinge nach dem Asylbewerberleistungsgesetz seien das fürs Leben notwendige Mindestmaß. Pauschale Kürzungen als gemeinschaftliches Strafmittel seien gesetzlich nicht erlaubt – und menschlich auch nicht gewollt.

„Angst brauchen Sie nicht zu haben“

Unterstützung fand Schmidt von einem älteren Einwohner, der lange bei Brüninghaus gearbeitet hatte: „Hier wird die deutsche Sauberkeit idealisiert.“ Seine Erfahrung im Betrieb und als Betriebsrat hätten gezeigt, dass gemeinschaftliche Toiletten nur schwer sauber zu halten seien: „Das ist eine Illusion zu glauben, dass die Toiletten sauber sind, das kriegt man einfach nicht hin.“ Michael Grabs stellte klar. dass die Verwaltung in der Sauberkeitsfrage gegenüber den Unterkunftsbewohnern keine Toleranz zeige: „Wir sind da nicht freundlich unterwegs, sondern durchaus strittig, aber wir sind echt in Not.“

Von einer älteren Pungelscheiderin wurden deutlich Ängste vor der Wiederinbetriebnahme der Deipschlade ausgesprochen: „Es ist ja schon eingebrochen worden. Müssen wir unsere Fenster verriegeln?“ Bodo Schmidt machte es auch gegenüber Michael Berger deutlich, der immer wieder nach einem polizeilichen Sicherheitskonzept für die Deipschlade fragte: „Nicht wir als Bürger sind in Gefahr, sondern eher die Flüchtlinge in ihren Heimen.“ Das sei schon seit mehr als 25 Jahren so, in dieser Zeit habe Werdohl mit vielen Flüchtlingen, Einwanderern und Obdachlosen umgehen müssen. Grabs zum selben Thema: „Aus der Flüchtlingssituation heraus hat es nie Kriminalität in Werdohl gegeben, es gab ausschließlich Reibereien unter den Bewohnern in den Häusern.“

Viele Vorurteile

Lothar Jeßegus, Leiter der Flüchtlingshilfe, meldete sich ein Mal zu Wort: „Ich höre hier so viele Vorurteile. Die meisten der Flüchtlinge sind sehr sauber, sehr ordentlich, sehr höflich. Sie verhalten sich so, um mit möglichst nichts in Konflikt zu geraten.“ Er lud – wie auch mehrfach in Bürgerbeiträgen Nicole Becavac vom Freizeittreff Pungelscheid – zum persönlichen Kennenlernen von Flüchtlingen ein. Für seinen abschließenden Satz „Angst brauchen Sie nicht zu haben“ bekam er den längsten Applaus des Abends.

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