Ausbildung ist eine betriebliche Investition

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Der Werdohler Christopher Siek (20) macht bei R+L Hydraulics eine Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik. Aus Anlass der „Woche der Ausbildung“ trafen sich (v.l.) Prokurist Karsten Reimann, Bürgermeisterin Siliva Voßloh, Geschäftsführer Peter Jaschke und Armin Dzaferovic vom Jobcenter im Betrieb an der Friedrichstraße.

Werdohl - Karsten Reimann, Prokurist und kaufmännischer Leiter der Werdohler Firma R+L Hydraulics an der Friedrichstraße, zuckte merklich. Anlässlich der „Woche der Ausbildung“ hatte Armin Dzaferovic vom Jobcenter von einer „gesamtgesellschaftlichen Verantwortung“ gesprochen, um jungen Menschen eine Zukunft zu geben.

Dass dieser große Begriff aber tatsächlich seine Berechtigung hat, stellte sich beim Gespräch mit der Geschäftsführung von R+L heraus. „Wir wissen, wie engagiert sie in dieser Hinsicht sind“, sagte Dzaferovic. Reimann nahm den Ball auf: „Ja, Ausbildung ist gesellschaftlich wichtig, aber im Vordergrund steht bei uns das Unternehmen.“ R+L Hydraulics ist ein modernes mittelständisches Unternehmen mit 57 Mitarbeiterin in Werdohl, hervorgegangen aus dem Traditionsbetrieb Rahmer und Jansen. Der amerikanische Inhaber heißt Lovejoy, auf diesen zweideutigen Namen wird im Firmenauftritt verzichtet.

Am Pressegespräch nahmen neben Reimann und Dzaferovic auch Bürgermeisterin Silvia Voßloh, die beiden R+L-Geschäftsführer Lothar Gädtke und Peter Jaschke sowie Thorsten Schäfer vom Arbeitgeberservice des Jobcenters teil.

Die Mitarbeiter des Jobcenters bei der Arbeitsagentur ziehen in diesen Tagen durch die Lande, unversorgte junge Bewerber mit offenen Ausbildungsstellen in Kontakt zu bringen. Bei R+L Hydraulics sind allerdings gerade alle Ausbildungsstellen vergeben, erst im kommenden Jahr werden wieder zwei Auszubildende gesucht. Vier der fünf aktuellen Auszubildenden legen in der nächsten Zeit ihre Prüfung ab und werden auch – unbefristet – übernommen. Zwei neue Ausbildungsplätze sind bereits vergeben.

Reimann berichtete, wie unterschiedlich das Interesse an den Ausbildungsberufen bei R+L sei. Bei den Industriekaufleuten habe es Bewerbungen „ohne Ende“ gegeben, viel schwieriger sei es, zum Beispiel Fachkräfte für Lagerlogistik, Zerspanungsmechaniker oder technische Produktdesigner zu finden. Bei R+L würden fast ausnahmslos alle Auszubildenden nach erfolgreicher Prüfung in einen festes Arbeitsverhältnis übernommen. Allen stünde damit offen, im Betrieb eine Karriere zu machen.

Reimann wies aber auch auf die oft mangelnden Fähigkeiten bei Bewerbern hin. „Wir haben einen amerikanischen Eigentümer, hier muss zwingend auch Englisch gesprochen werden.“ Die Schulnoten der Bewerber gäben zwar erste Hinweise auf Fähigkeiten, die wahre Eignung werde aber erst bei einem hauseigenen Test herausgefunden. So werde bei R+L in jeder Eignungsprüfung ein Text diktiert, an dem viele junge Leute scheitern würden.

Auch die Geschäftsführung von R+L warb für eine Berufsausbildung nach dem Schulabschluss. Beim dualen Studium gebe es eine enorm hohe Abbrecherquote, verkürzte Ausbildung und gleichzeitiges Studium würden viele Schulabgänger voll überfordern. Eine Ausbildung zum Beispiel als Industriekaufmann sei der Grundstein für eine spätere Spezialisierung im Betrieb.

R+L-Geschäftsführer Lothar Gädtke sprach die Erfahrungen seines Unternehmens auf der Berufsorientierungsmesse BOM in Werdohl an: „Ich war schockiert.“ Die Neuntklässler dort seien einfach noch viel zu jung, Schüler mit echtem Interesse an den Ausbildungsbetrieben seien nur sehr wenige gewesen. Ähnliches sagte Geschäftsführer Peter Jaschke: „Viele waren nur scharf auf die Giveaways.“

Thorsten Schäfer vom Jobcenter verteidigte die BOM: „Das ist auch eine Image-Messe, um einen Firmennamen in die Köpfe der jungen Leute zu bringen.“

Lothar Gädtke trug weiter Kritik an der Befähigung von Schulabgängern vor. Man könne nicht einen Auszubildenden an eine 200 000 Euro teure Fräsmaschine stellen, wenn der „weder den Dreisatz kann noch eine Vorstellung einer geometrischen Form hat“. Ein Auszubildender sei auch immer eine Investition des Unternehmens, die Ausbildung müsse sich letztlich für den Betrieb auszahlen.

Von Volker Heyn

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