Angst vor Überfremdung gab es schon vor 160 Jahren

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Heinz Rohe: „In Werdohl ist die Integration der Gastarbeiter gelungen.“

Werdohl - „Ein ethnisch eindeutiges Volk hat es noch nie gegeben“, stellte Heinz Rohe gleich zu Beginn klar. Die Werdohler Zuwanderungsgeschichte seit dem 19. Jahrhundert schilderte er bei einem gut 75-minütigen Vortrag im Rahmen der Jahreshauptversammlung des Heimat- und Geschichtsvereins im Haus Werdohl.

Zuwanderung von Inländern, etwa aus dem Kölner Raum, habe es auch vorher schon gegeben, so Rohe, doch er beschränkte sich bei seinen Ausführungen auf den Zuzug von Ausländern.

Zunächst klärte Rohe zwei Begriffe: „Zuwanderer, die auch die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben, nennt man Einwanderer.“ Erste Zuwanderer habe es in Werdohl um 1850 herum gegeben: Im Zuge des Eisenbahnbaus kamen vornehmlich Experten aus Italien. Diese wurden von Einheimischen „Transalpini“ genannt. Damit ging Werdohl einen Sonderweg. Bundesweit gab es damals Zuwanderung für den Eisenbahn-Streckenbau. Andernorts waren es allerdings mehrheitlich Polen.

Vorbehalte in der Bevölkerung

„Schon damals“, hatte Rohe herausgefunden, „gab es durchaus Vorbehalte in der Bevölkerung. Man befürchtete eine Überfremdung.“ Im gesamten deutschen Reich seien damals 1,2 Millionen ausländische Arbeitskräfte eingesetzt worden. „Also genau so viele wie heute als Flüchtlinge kommen“, betonte der Referent. „Allerdings: „Integration war damals ein Fremdwort.“

Im Ersten Weltkrieg gab es dann erste Zwangsarbeiter. Diese wurden damals jedoch noch nicht so genannt. Beschönigend wurde von Fremdarbeitern gesprochen. Seinerzeit waren diese Ausländer als „Agenten“ und „Spione“ verrufen, hatte Rohe herausgefunden. In Werdohl waren es in erster Linie Franzosen und Russen.

Im Zweiten Weltkrieg kamen wieder Zwangsarbeiter – dieser Begriff setzte sich dann aber erst in den 70er-Jahren durch. Im Dritten Reich kamen vornehmlich Russen nach Werdohl, aber auch Polen und Franzosen. Untergebracht waren sie in Lagern am Schützenhof und an der Plettenberger Straße. Bis Kriegsende seien knapp 1300 Fremdarbeiter gekommen.

Dazu kamen mehr als 500 Kriegsgefangene. Letztere kamen zumeist aus westlichen Ländern, aber auch aus östlichen Regionen. Während Erste nach dem Kriegsende wieder in ihre Heimat gingen, blieben Letztere hier – deutschlandweit acht Millionen Menschen. Ihr Zuhause war zerstört, oder schlicht nicht mehr da. Deshalb wurden sie „Heimatlose“ genannt.

Ausländer-Anteil in Werdohl liegt bei 19 Prozent

Nach dem Zweiten Weltkrieg habe der Anteil der Vertriebenen an der Bevölkerung bei 25 Prozent gelegen. Zum Vergleich: Der heutige Ausländer-Anteil in Werdohl liegt bei 19 Prozent. „Die Vertriebenen“, schilderte Rohe, „stießen hier keineswegs auf eine Willkommenskultur: ,Denen wird doch alles zugeschoben’, wurde gesagt.“ Untergebracht waren die Vertriebenen seinerzeit beispielsweise in Schul-Turnhallen – ebenso wie die heutigen Flüchtlinge.

Zu den Vertriebenen kamen die so genannten Ostflüchtlinge. Deren Zuzug hielt an bis zum Mauerbau. Danach kamen dann angeworbene Gastarbeiter, und zwar aus Südeuropa, Nordafrika und der Türkei. Rohe verglich: „Die Integration der Vertriebenen und der Ostflüchtlinge ist problemlos erfolgt. Länger dauerte es bei den Gastarbeitern, weil deren Verbleib zunächst ja gar nicht vorgesehen war.“ 20 Prozent der Gastarbeiter seien bis heute geblieben.

„In Werdohl ist deren Integration aber auf jeden Fall absolut gelungen“, schätzte Rohe die heutige Lage ein. Nach seinen Beobachtungen als Ex-Schulleiter an der Werdohler Albert-Einstein-Gesamtschule hätten einstige Gastarbeiter bis in die 1990er-Jahre hinein ihre Heimreise noch geplant. Heute hingegen wollten sie bleiben – „und die Türken bilden mittlerweile eine Parallelgesellschaft“, bedauerte der Referent.

In den 1990er-Jahren seien die so genannten Spätaussiedler aus den ehemaligen Ostblock-Staaten gekommen sowie Flüchtlinge aus Kriegsgebieten im ehemaligen Jugoslawien, aus der vormaligen Sowjetunion und aus der Türkei, schloss Rohe seinen Vortrag, in dem er viele Parallelen zur heutigen Flüchtlingssituation aufgezeigt hatte.

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