74-Jährige soll mit Äpfeln und einem Ei geworfen haben

Werdohl -  Darf eine 74-jährige Werdohlerin zurück in ihr Haus, oder muss sie bis auf Weiteres in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung bleiben? Für diese Entscheidung hat sich die 4. große Strafkammer des Landgerichts Hagen zunächst acht Verhandlungstage gegeben.

„Sollte sich eine wahnhaft-psychotische Erkrankung herausstellen, käme die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus in Betracht“, fasste die Vorsitzende Richterin Heike Hartmann-Garschagen jenen Weg zusammen, an dessen Ende keine Rückkehr nach Werdohl stünde.

„Ich will nach Hause“, bekundete die Beschuldigte mehrfach. Und: „Ich bin unschuldig.“ Eigentlich sollte ihr Verfahren schon vor sechs Wochen abgeschlossen werden. Doch ihr Pflichtverteidiger hatte der Kammer kurz vor dem ersten Verhandlungstag mitgeteilt, dass er für dieses Mandat nicht zur Verfügung stehe. So musste ein neuer Pflichtverteidiger gefunden und das Verfahren neu terminiert werden.

Die Anklageschrift bezieht sich auf ein Vorkommnis am 25. Juli 2014: „Sie warf mehrere Äpfel in Schädigungs- und Verletzungsabsicht“, trug die Staatsanwältin vor. Dabei soll es sich um „kleine gelbe Äpfel“ gehandelt haben – „keinen Boskoop“, wie die Vorsitzende Richterin Heike Hartmann-Garschagen versicherte. Der zweite Anklagepunkt wog schwerer: Als ein Nachbar, den die alte Dame seit Jahren kannte, nach den Apfelwürfen beruhigend auf sie einwirken wollte, soll sie ein kleines Schälmesser gezogen und damit „Schnitt- und Stichbewegungen“ in Richtung seines Bauches gemacht haben. Der Zeuge wich aus und verließ den Ort des Geschehens.

Möglicherweise hätte diese Attacke nicht einmal zu einer Anzeige geführt, wenn es nicht zuvor schon eine Reihe von Vorkommnissen gegeben hätte. Einige waren wohl auch bei der Polizei angezeigt worden. Auf ein eher ländliches Ambiente als Tatort deutete neben den Äpfeln auch der Wurf eines Hühnereis hin. Darüber hinaus soll die Beschuldigte verschiedene Personen übel beleidigt haben. Relativ schwer wirken die Anschuldigungen, dass sie mehrfach fremde Autos durch Kratzer beschädigt habe. So etwas trägt nicht zu guter Nachbarschaft bei. Auch ihr im Rollstuhl sitzender Mann soll es vor seinem Tod nicht leicht gehabt haben: Einmal soll sie ihm ins Gesicht geschlagen haben. Bei einer anderen Gelegenheit parkte sie ihn angeblich in prallem Sonnenschein auf dem Balkon und verschloss die Tür. Vor Gericht sah sie sich dem Verblichenen allerdings verpflichtet: „Ich habe meinem Mann versprochen, das Haus in Ordnung zu halten. Ich war über 50 Jahre verheiratet.“

Als die aus Lüdenscheid zur Verstärkung geholten Polizeibeamten die alte Dame am 25. Juli 2014 fesselten und mitnahmen, mussten zunächst Fenster und Türen sorgfältig geschlossen werden. Zuvor hatten die Beamten die verängstigte Frau aus einer Wohnzimmernische holen müssen: „Wie ein kleines Kind hatte sie sich versteckt“, erinnerte sich ein Polizist. „Sie wirkte wie ein in die Ecke getriebenes Tier.“

Der Prozess wird am 25. August ab 9.30 Uhr fortgesetzt.

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