Brandstiftungsprozess: „Es gibt kein erhöhtes Risiko“

Symbolbild

Werdohl - Im Sicherungsverfahren gegen eine 27-jährige Werdohlerin sieht der psychiatrische Gutachter Pedro Michael Faustmann tragfähige Perspektiven für ein Leben außerhalb einer geschlossenen Unterbringung. „Wenn sie adäquat behandelt wird, ist mit einer Handlungsdynamik dieser Art (sprich: einer erneuten Brandstiftung) nicht zu rechnen“, erklärte er im mündlichen Vortrag seines ausführlichen Gutachtens über die junge Frau.

Von einer solchen „adäquaten Behandlung“ konnte vor dem 9. Februar offenbar nicht die Rede sein: Aufenthalte in der Hans-Prinzhorn-Klinik in Hemer blieben sporadisch. Ihre Disziplin bei der Einnahme von verschriebenen Psychopharmaka war unzureichend. Vor der Brandstiftung lag der bis dahin letzte Besuch bei einer Nervenärztin in Iserlohn Monate zurück, obwohl die 27-Jährige ab Oktober 2015 nicht nur unter starken depressiven Verstimmungen, sondern auch unter halluzinatorischen Wahnvorstellungen litt.

Einen letzten Ausweg vor den sie bedrängenden Stimmen habe die 27-jährige durch einen Anruf bei der Polizei in Werdohl gesucht, berichtete eine Betreuerin. Dieser Anruf hatte aber offenbar keine Konsequenzen. Ihre als negativ empfundene Lebensbilanz veranlasste die junge Frau dann Anfang Februar zur Brandlegung in ihrer Wohnung, der ihren Tod herbeiführen sollte.

Schuldfähigkeit der Angeklagten unklar

Dass sie „eine sehr sinnvolle Konsequenz“ zog, als sie vor dem von ihr entfachten Feuer floh, betonte auch der Gutachter. Der Umstand, dass sie anschließend nicht panikartig die Flucht ergriff, sondern so vorsichtig aus dem Fenster kletterte, dass sie sich nicht verletzte, war Anlass für eine Klärung zwischen den Richtern und dem Gutachter: Deutet ihr Verhalten nicht auf eine gewisse Zurechnungs- und Schuldfähigkeit der 27-Jährigen hin? Und müsste sie daraufhin möglicherweise doch als Brandstifterin verurteilt werden?

Ihre völlige Einsichtsunfähigkeit könne er tatsächlich nicht bestätigen, erklärte der Gutachter. Er sah aber im Moment der Brandlegung eine „erheblich eingeschränkte Steuerungsfähigkeit“ bei der Beschuldigten. Demnach wusste sie wohl noch, was sie tat, konnte sich dem Wunsch, entsprechend zu handeln, aber nicht mehr entgegenstemmen.

Mit einem Brief an die psychiatrische Klinik in Lippstadt-Eickelborn erklärte inzwischen eine Einrichtung für betreutes Wohnen in Werdohl grundsätzlich ihre Bereitschaft, die 27-Jährige aufzunehmen. Die Tragfähigkeit einer solchen Lösung könne bei einem Probewohnen getestet werden. Der Gutachter nannte unverzichtbare Rahmenbedingungen für eine solche Lösung.

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Sie könnte dann greifen, wenn die Richter eine Einweisung der Beschuldigten in eine psychiatrische Klinik zur Bewährung aussetzen würde. Die wohnortnahe Versorgung durch einen Psychiater müsste gewährleistet sein – das ist in Werdohl gar nicht so einfach. Es gibt zu wenig Experten in der Stadt. Außerdem müsste die 27-Jährige regelmäßigen Kontakt zur forensischen Ambulanz eines psychiatrischen Krankenhauses halten und die ebenso regelmäßige Einnahme der verordneten Medikamente durch Blutuntersuchungen nachweisen.

„Es gibt kein erhöhtes Risiko für gewalttätiges Verhalten, wenn die nötigen Maßnahmen eingeleitet werden“, sagte der Gutachter und machte deutlich, dass sich die Handlungen der jungen Frau immer nur gegen sie selbst richten: Aggressive Impulse gegenüber anderen Menschen habe er bei ihr überhaupt nicht feststellen können, bestätigte er.

Handlungsbedarf gibt es aber auch wegen ihrer möglichen Selbstgefährdung, von der mittelbar auch andere Menschen betroffen sein könnten – so wie die Bewohner des Brandhauses in Werdohl, von denen glücklicherweise niemand verletzt wurde. So stellte der Gutachter abschließend noch fest.

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