Weltberühmtes Velvets-Theater macht Station im Neuenrader Kaisergarten

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Zwei Welten treffen aufeinander: Bei Reifen Müller riecht´s nach Gummi und Benzin, im Schwarzen Theater bei den Velvets duftet´s nach Kultur.

Wiesbaden/Neuenrade - Es riecht nach Gummi und Benzin – und es duftet nach Kultur: Mitten im tiefsten Industriegebiet der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden befindet sich das einzige Schwarze Theater Deutschlands.

Neben gestapelten Reifen für Lastwagen und Autos ist an der Fassade eines zweckmäßigen Betonbaus aus den 70er-Jahren in verzierter Schrift der Name der kulturellen Perle zu lesen: „Velvets“, zu Deutsch: die Samtenen, weil in schwarzem Samt gekleidete Darsteller vor schwarzem Samt agieren.

„Zwei Welten treffen hier aufeinander“, sagt Theaterleiterin Barbara Naughton und spricht von „Industriecharme“ für diese wahrlich einzigartige Bühne der Darstellenden Kunst mit tschechisch-deutschen Wurzeln. Und zwei Welten treffen auch in der Kunst des Schwarzen Theaters aufeinander: Die Wirklichkeit trifft die Illusion.

Am Freitag, 29. Januar, gastieren die Velvets-Künstler aus Wiesbaden im Neuenrader Kaisergarten und führen „Die Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart auf. Es wird eine Aufführung, bei der die Kunst des Schwarzen Theaters zur vollen Entfaltung kommt.

„Velvets“-Theaterleiterin Barbara Naughton beschreibt den besonderen Effekt des Bühnenspiels: „Es ist das magische Spiel zwischen Licht und Dunkelheit. Darsteller und Gegenstände können verschwinden und wieder sichtbar werden.“

Zum Repertoire der „Velvets“ gehören Viele Tricks: Die Grenzen der Schwerkraft scheinen aufgehoben, wenn ein Gemälde des spanischen Künstlers Miro über die Bühne schwebt, Billardkugeln durch den Raum fliegen oder Schauspieler vor einer filmischen Projektion durch die Stadt Wiesbaden laufen.

Diese von Theaterleiterin Naughton benannten „fantastischen Illusionen“ ziehen sich wie ein roter Faden durch alle Aufführungen und machen den Reiz der „Velvets“-Inszenierungen aus: Wundervoll gestaltete Puppen und kreative Kostüme sorgen in Verbindung mit den Trickeffekten des Schwarzen Theaters für vergnügliche und zugleich auch geheimnisvolle Unterhaltung.

Und bei den Velvets sind ein Großteil der Requisiten noch handgemacht: „Meine Mutter liebt Sprühkleber, auch mein Vater werkelt gerne“, sagt Naughton während des Gangs hinter die Kulissen und deutet dabei auf die kleine Werkstatt, in der jedes Utensil seinen genauen Platz in einer Schublade hat. Die ausliegenden Arbeitsmaterialien vermitteln einen Eindruck, wie viel Mühe die „Velvets“ in ihre Produktionen stecken: Es ist das Prinzip von Präzision und Ordnung, das sowohl hinter und auf der Bühne gilt.

Denn wer im Schwarzen Theater spielt, braucht Orientierung: „Für die Schauspieler ist es verdammt dunkel. Es leuchten nur die UV-Lampen und Dinge, die mit fluoreszierender Farbe angemalt wurden“, sagt Naughton und zeigt auf ein Buchstaben- und Zeichenwirrwarr aus Klebestreifen auf dem Boden der Bühne: Diese wie ein Labyrinth wirkende Anordnung ist der im Dunkeln nur für die Schauspieler sichtbare Ablaufplan ihrer Standpunkte in den einzelnen Produktionen: „Das P ist für Kleiner Prinz, das S für Schneewittchen, das G für Grenzen-Los. Der Pfeil zeigt die Mitte der Bühne an.“

Die Tricks hängen von der genauen Einhaltung der Positionen zum richtigen Moment der Schauspieler ab. Beim Trick mit den durch die Luft fliegenden Billardkugeln sind die Kugeln an Stöcken befestigt. Hier geht es um Millimeterarbeit, damit die Illusion im Zuschauerraum erhalten bleibt.

„Die Stöße sind festgelegt, dass das physikalisch auch Sinn macht. Wenn einer der Schauspieler da nicht aufpasst, stimmen die Winkel nicht mehr“, schildert Naughton. Bei Grenzen-Los kreist ein überdimensional großer Zirkel auf der Bühne herum, bei der Zauberflöten-Inszenierung greift Papageno nach einem Glas am Zweig eines Baumes, um aus diesem zu trinken.

All diese Tricks im Dunkeln haben eine besondere Magie und gehen auf die Erfinder dieser großartigen Illusionskunst zurück. Denn die Entwicklungslinie des Schwarzen Theaters in Wiesbaden reicht bis zur weltberühmten Laterna Magica in Prag.

Naughtons aus Tschechien stammende Eltern Dana Bufkovà und Bedr(ich Hány gehörten der Avantgarde-Bühne in der tschechischen Hauptstadt an, ehe die beiden die „Velvets“ als eigenständige Theatergruppe gründeten: Das war 1967 zur Zeit des Auf- und vermeintlichen Umbruchs in der damaligen CSSR – die Kunst erschien grenzenlos.

Doch nur ein Jahr später verließ das Künstlerpaar aufgrund der Zerschlagung des Prager Frühlings durch die Panzer des Warschauer Pakts seine Heimat. Das Los der „Velvets“ war die Flucht – und für die Gründer Bufkovà und Hány galt: Über die Grenze, fertig, los – auf zum Neuanfang.

Und der gelang dem Duo in Wiesbaden und Mainz: Nach Engagements an den Theatern der beiden Landeshauptstädte folgten Produktionen für Kindersendungen wie „Sesamstraße“ und die „Sendung mit der Maus“ sowie zahlreiche Auftritte auf internationalen Festivals, so dass die „Velvets“ künstlerischen Weltruhm erlangten. Eine regelmäßig auf dem „Velvets“-Spielplan stehende autobiografische Revue thematisiert die Geschichte dieser Emigration mit einem Wortspiel: „Grenzen-Los“.

„Es waren schwere Proben zu ,Grenzen-Los‘. Meine Eltern haben sehr viel geweint, aber ich merkte, dass sie ein Kapitel abschließen können. Auch das Ensemble registrierte diese emotionale Wandlung und lernte, sich mit der Lebensgeschichte meiner Eltern zu identifizieren“, sagt Naughton, die 2011 die künstlerische Leitung des Theaters übernahm.

Der Traum von einer eigenen Spielstätte erfüllte sich für die Künstlerfamilie 1996 an der Schwarzenbergstraße in Wiesbaden. Es ist ein Ort, an dem Welten aufeinandertreffen – im und am einzigen Schwarzen Theater in Deutschland.

Karten für die Aufführung im Kaisergarten (19.30 Uhr) gibt es an der Bürgerrezeption im Neuenrader Rathaus, bei Kettler-Cremer, bei Lotto Gester Schwarzer sowie im Kaisergarten zum Preis von 13 Euro, ermäßigt 9 Euro. An der Abendkasse kosten sie 15, ermäßigt 10 Euro.

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