Vorpremiere von Hennes Bender im Kulturschuppen

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Hennes Bender: leger und charmant-bissig.

Neuenrade -  „Hinter Werdohl liegt eine Stadt, die kaum je einer gesehen hat“, singt Hennes Bender auf die Melodie des 1974er Hits „Mandy“ von Barry Manilow.

Zum Schluss der ersten Hälfte seines Programms am Dienstagabend stimmt er eine Anti-Hymne auf seinen Auftrittsort an: „Ist man da, fährt man wieder weg - ich kann’s verstehen“, geht der Text weiter. Und dann dichtet der Komiker: „Viele fahren nur durch, man darf sich nicht wundern: Die meisten wollen einfach ganz schnell nach Sundern.“

Keiner nimmt ihm das krumm. Bender lacht nicht über die Neuenrader, sondern mit ihnen. Als der Comedy-Künstler vor drei Jahren bereits schon einmal im Kulturschuppen in Neuenrade auftrat, da war es auch eine Vorpremiere.

Doch damals wirkte sein Programm schon ausgereift. Dieses Mal hantiert er mit Zetteln, verliert hier und da den Faden und alles scheint noch ein Chaos in seinem Kopf zu sein. „Verdammt, wie soll ich das alles bis zur Premiere am Freitag auswendig lernen?“, fragt er sich dann auch einmal selbst. Die Herzen des Publikums sind ihm dennoch sicher und die Lacher auf seiner Seite. „Nicht klatschen, ich habe nicht so viel Zeit“, wehrt er sich jedoch manchmal gegen den nächsten Texthänger.

Die ersten Lachsalven gehen am Dienstagabend schon los, als er noch vor dem Einstieg ins eigentliche Programm mit dem Publikum plaudert. Er habe ja nicht mit dem Zug kommen können, da es so spät am Abend keine Rückfahrmöglichkeit ins Ruhrgebiet mehr gebe. Also sei er auf sein Navi angewiesen gewesen, dass ihn aber trotz Spracherkennung oft nicht verstehe. Einmal habe er als Fahrtziel „Uelzen“ angegeben - und sein Navigationsgerät habe geantwortet: „Bielefeld gibt es nicht.“

Doch nicht nur die ostwestfälische Stadt kriegt ihr Fett ab. Bender sinniert auch: „Hagen – das Tor zum Sauerland. Ich denke, es ist wohl mehr die Fußmatte.“ Dann lobt Bender die Neuenrader Besucher: „Es ist schön, dass Ihr heute hier seid. Es ist auch total wichtig, dass wir weiter rausgehen und zusammen kommen, sonst haben die Arschlöcher gewonnen.“ Nach dem Applaus schiebt er leise hinterher: „Und außerdem brauche ich das Geld.“

Dann will der 48-Jährige beweisen, dass er immer noch Kontakt zum Zeitgeist hat. Auch er und seine Frau seien Fans von Serien, die sie nicht mehr im Fernsehprogramm verfolgten, sondern gleich am Stück auf DVD anschauten. Dabei sei es aber wichtig, eine Serie zu finden, die beide ansprächen. „Mit meiner Frau schaue ich gerade ‘Ein Colt für alle Fälle“, offenbart er, dass die Suche nach der richtigen Serie ihn weit in die 80er-Jahre zurückgeführt hat.

Bender kokettiert mit seiner Unperfektheit, zelebriert seinen Hang zum Banalen: „Ich liebe ja das Thema Blödheit. Und deshalb liebe ich Amerika“, gesteht er offen. „Während wir hier in Deutschland überlegen, ob wir Menschen, die mental nicht so weit sind wie andere, in normalen Schulen unterrichten, werden in Amerika solche Menschen Präsidentschaftskandidat.“

Ab Ende der 90er-Jahre wurde Bender berühmt mit Gags über das TV-Programm, Kinofilme, Comichefte und technische Geräte. Den Klassiker über den Anrufbeantworter bringt er in Neuenrade in den Zugaben auf Wunsch des Publikums noch einmal.

Doch mittlerweile nimmt der mit dem Vornamen Hans-Günther geborene Künstler auch politisch kein Blatt mehr vor den Mund. Nach der Pause kommt er auf die Bühne zurück mit einem Batterie-betriebenen Stofftier, welches ihm und auch dem Publikum alles nachplappert. Bender legt den schwarz-weißen Vogel schließlich zur Seite und sagt scheinbar gedankenverloren: „Ja, das war sie, die Beatrix von Storch.“

Das Denken überlässt der Komiker stets dem Publikum. Er erklärt nicht und er verurteilt nicht. „Ich bin ja ein Sohn von Immigranten“, berichtet er scheinbar beiläufig. „Meine Eltern sind Wirtschaftsflüchtlinge. Die sind vor meiner Geburt aus Hessen nach Bochum gezogen.“ Dort habe es halt Arbeit bei einem Autohersteller gegeben.

Auch, wenn Bender nicht zu sehr moralisieren möchte, warnt er seine Zuschauer schon vor der Zukunft: „Das mit Syrien war doch nur ein Testlauf“, prognostiziert er. „Wenn der Meeresspiegel steigt – und das wird er – ist die Niederlande weg.“ Und die kämen dann alle nach Deutschland. Benders eindeutiges Fazit zum Thema: „Nicht jeder, der die AfD wählt, ist ein Nazi. Da sind auch ganz normale Idioten dabei.“ Dann aber wird der 48-Jährige doch noch einen Moment ernster und persönlicher, erzählt von einem Schwächeanfall, den er in einem Flughafen gehabt habe. Ihm sei zwar schwarz vor Augen geworden, er habe auch Angst gehabt, aber als ihn der Arzt gefragt habe: „Wissen Sie, wie Sie heißen?“, habe er einfach nicht anders gekonnt. „Ich bin eben auch wenn ich am Boden liege immer noch ein Komiker“, entschuldigte er sich für sich selbst. Seine Antwort „Brad Pitt“ habe ihn für zwei Tage ins Krankenhaus „auf die Geschlossene“ gebracht. Seine Reise zum Musik-Festival sei geplatzt, „aber die Pointe war’s wert“.

Ohne Rücksicht auf Verluste macht er sich dann auch zum sprichwörtlichen Affen, als er „Bohemian Rhapsody“ von Queen – ins Deutsche übersetzt – singt. Mitten im Song ruft er: „Ich habe gesagt, dass ich das mache – nicht, dass ich das kann.“ Und zum Schluss verabschiedet sich der Komiker von seinemPublikum so, wie es ein Kind des Ruhrgebietes eben tut: „Wenn ich irgendwem heute Abend weh getan habe, dann will ich nichts gesagt haben.“

Am Rande sei erwähnt: Zu Beginn des Abends bedauert Bender, dass der Bürgermeister nicht zu seiner Show gekommen sei. Er fragt, ob denn wenigstens ein stellvertretender Bürgermeister stattdessen im Saal sitze? Ex-Bürgermeister Klaus Peter Sasse meldete sich an dieser Stelle ganz bescheiden aber nicht.

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