Die vierte industrielle Revolution ist auf dem Vormarsch

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Gabi Schilling, Bezirksleitung der IG Metall NRW

Neuenrade - Als Geschenk für die Mitglieder der IG Metall bei der Jubiläumsfeier zum 125-jährigen Bestehen der Organisation gab es einen Schraubenschlüssel – der, zog man ihn auseinander, einen USB-Stick offenbarte.

So wurden die Anwesenden bereits zu Beginn der Veranstaltung auf das bestimmende Thema des Abends im Kaisergarten eingestimmt: Industrie 4.0, die Digitalisierung der produzierenden Wirtschaft. Mit einem knapp zehnminütigen Film zur Geschichte der Gewerkschaft und einem anschließenden Generationengespräch über die Beweggründe zum Eintritt in die Organisation sowie einen Blick in die Zukunft eröffneten die Gewerkschafter der IG Metall die Jubiläumsfeier.

„Es gab Höhen und Tiefen. Jedoch haben wir es oft geschafft, einen Tiefschlag in etwas positives umzumünzen“, resümierte Klaus Peter Neumaier, Ortsvorstandsmitglied von Risse und Wilke, und lobte damit auch die „gelebte Solidarität“ in der Gewerkschaft. Dabei prangerte er jedoch auch einen von ihm wahrgenommenen Missstand an: „Die Art und Weise, wie über Fremde diskutiert wird, macht mich fertig. Auch, weil ich genau weiß, wer da redet. Da müssen wir gegensteuern, damit das in unserer Organisation keine Rolle mehr spielt.“ Honoriert wurde dieser Appell mit Applaus. Ebenso fand die Forderung von Kerstin Albrecht (Betriebsrätin bei Lang und Menke) Anklang, sich als Gewerkschaft in Zukunft intensiver politisch zu engagieren und sich in Protestaktionen, wie zum Beispiel gegen TTIP, noch stärker einzubringen und auf die Straße zu gehen.

Beim weiteren Blick in die Zukunft der IG Metall nahm ein Thema, die Industrie 4.0, viel Raum ein. „Industrie 4.0 ist ein Marketingbegriff. Im Grunde geht es um die vierte industrielle Revolution, nach der Mechanisierung, der Massenproduktion und dem Computereinsatz in der Produktion“, erläuterte Gabi Schilling, die kurzfristig für die eigentlich vorgesehene, jedoch erkrankte, Referentin Constanze Kurz eingesprungen war.

„Industrie 4.0“ heißt die Vision, sämtliche Maschinen und Systeme in einer Produktion digital zu vernetzen, sodass Fertigungsprozesse von den Maschinen selbstständig koordiniert, Fehler erkannt und schnell repariert werden können. Daneben sollen Roboter Menschen bei der Arbeit, zum Beispiel bei der Montage, unterstützen. Durch die digitale Vernetzung von Entwicklung und Produktion ist es möglich, auf kundenspezifische Wünsche einzugehen und diese mit derselben Effizienz wie bei einer Massenproduktion zu fertigen.

Die Vision berge viele Vorteile, jedoch auch mögliche Nachteile für Arbeitnehmer, wenn sich die Gewerkschaft nicht rechtzeitig in die Entwicklung einschaltet: „Wir müssen von Anfang an mit gestalten, sodass zum Beispiel die Arbeitszeiten nicht aus dem Auge verloren werden,“ betonte Schilling. Auch müsse darauf geachtet werden, dass die Arbeiter von den Service-Robotern nicht degradiert werden, indem sie „den Maschinen nur noch die Schrauben anreichen“. Gleichzeitig sei es wichtig, dass die Arbeitnehmer die entsprechenden Weiterbildungen erhalten, um mit den neuen Systemen umgehen zu können und im Notfall die Produktion auch ohne die intelligenten Systeme fortführen zu können: „Maschinen gehen auch mal kaputt. Und in der Welt der Industrie 4.0 wird erwartet, dass man möglichst schnell einsatzfähig ist.“

Realität sei die Industrie 4.0 jedoch noch nicht. Firmen wie Kirchhoff Witte aus Iserlohn würden die zunehmende Digitalisierung jedoch schon deutlich spüren: „Durch die Datenerfassung aller unserer Maschinen und Systeme können wir immer die Qualität und Produktion überprüfen, sowohl intern als auch standortübergreifend“, erklärte Ulrich Kunze, Betriebsratsvorsitzender bei Kirchhoff Witte. Das gelte sowohl für den administrativen als auch für den gewerblichen Bereich.

Andere Firmen, wie Otto Fuchs aus Meinerzhagen, die hochmoderne Triebwerke und Felgen für Automobil- und Flugzeughersteller produzieren, seien im Moment noch nicht von der Industrie 4.0 betroffen. "10 bis 15 Jahre sind wir von der Vision entfernt", sagt Betriebsratsleiter Ralf Hahn und fügt hinzu: "Das liegt aber auch an unseren Maschinen in der Schweißerei,  die zwar gut gepflegt, aber teilweise alt sind.   Allerdings dürfen wir die Digitalisierung nicht verpennen. Da haben wir schon ein Augenmerk drauf.“

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