Unbedachtes Posten  "Die Folgen sind nicht jedem klar"

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Bei manchen Post in den diversen Netzwerken fehlt es an Sensibilität und Rücksichtnahme.

Neuenrade - Das Internet bietet samt seiner Portale zahlreiche Möglichkeiten zur ständigen Vernetzung und vor allem schnellen Übertragung von Informationen – dass sich darunter allerdings auch sensible Themen befinden können, deren Verbreitung negative Folgen haben kann, mussten nun auch die Einsatzkräfte aus Neuenrade vermehrt feststellen.

Es habe bereits Vorfälle gegeben, bei denen falsche Informationen zu Einsätzen im Internet verbreitet wurden, zu denen auch die Feuerwehr Neuenrade gerufen wurde, so Stadtbrandmeister Karsten Runte.

 „Zum Beispiel hatten wir einen konkreten Einsatz, bei dem es sich um eine bewusstlose Person handelte – eher ein Routinefall. Auf Facebook wurde der Vorfall aber bereits sehr schnell mit dem Hinweis ‘tote Person‘ verbreitet.“ Wie schnell – darüber seien die Einsatzkräfte selbst erstaunt gewesen. Bereits bei ihrem Eintreffen befanden sich einige besorgte Personen an dem Ort, die die Nachricht auf Facebook gelesen hatten. „Das Internet ist die falsche Ebene für so etwas“, sagte Runte. „Durch solche Aussagen haben wir womöglich nicht nur eine verletzte Person am Einsatzort, sondern gleich zehn weitere, die unter Schock stehen und somit selbst zu Patienten werden.“

Dadurch könne sogar die eigentliche Arbeit der Kräfte behindert werden. Es gebe extra geschulte Leute, die für die Öffentlichkeit relevante Informationen herausarbeiten und weiterleiten würden. „Solche Einsätze gehören sicher nicht dazu“, betonte Runte. Außerdem habe es in der Vergangenheit Spekulationen im Internet gegeben, dass die Feuerwehr Neuenrade mitten in der Nacht Einsätze üben und die Bewohner dadurch stören würde. „Ich kann versichern, dass Übungen nicht nachts stattfinden. Wenn wir mit Sirenen rausfahren, dann hat das andere triftige Gründe.“

 

Um solchen Verbreitungen entgegen zu wirken, stehe die Feuerwehr unter anderem in Kontakt mit Maik Wiesegart, einem Betreiber der Facebook-Gruppe „I love Neuenrade“. „Die Verbreitung solcher Meldungen, wie von Bränden oder Unfällen, steigt auch in der Gruppe rapide“, weiß Wiesegart. „Niemand sollte über Facebook die Leute verrückt machen!“ Deshalb habe er sich mit den weiteren Administratoren darauf geeinigt, derartige Beiträge direkt zu löschen und die Personen aus der Gruppe zu entfernen. Dazu habe er selbst bereits eine Nachricht online gestellt. „Wir können dadurch nicht verhindern, dass die Leute es nicht irgendwo anders posten – aber wir können ihnen zumindest diese Plattform nehmen.“

 Es sei vielen Leuten oft gar nicht bewusst, welche Tragweite ihre Aussagen im Internet haben können, so Wiesegart. „Das ist wie das Phänomen des Schmetterlings, der mit den Flügeln schlägt – so etwas kann ungeahnte Kreise ziehen und ist unaufhaltbar. Außer, man schaltet das System ab.“ Als Administrator der Facebook-Gruppe „I love Neuenrade“ habe er die Funktion, Leute in die Gruppe zu lassen, Beiträge zu löschen oder die Mitglieder zu sperren. Das habe vor allem etwas mit Moral und Anstand zu tun: „Was nicht Teil einer differenzierten Diskussion ist oder auch in die rechte Richtung geht, muss weg“, so Wiesegart.

Derartige Verbreitungen können aber auch rechtliche Folgen haben, weiß Jens Richter, der als Richter beim Amtsgericht Iserlohn tätig ist. „Lügen ist grundsätzlich nicht verboten, zumindest nicht strafrechtlich“, so Richter. Allerdings werde nicht unterschieden, ob etwas im Internet geschrieben oder geteilt würde oder es im persönlichen Austausch stattfinde. Sobald eine Person dabei Schaden nehme, beleidigt oder verunglimpft würde, könne dies strafrechtlich verfolgt werden. Im Falle der Nachricht über ein vermeintliches Todesopfer in Neuenrade handele es sich zuerst einmal um keine Straftat, da man nicht von einer böswilligen Tat ausgehen müsse, so Richter. Stünden jedoch Personen aufgrund einer solchen Nachricht unter schwerem Schock, könne dies wiederum als Körperverletzung geahndet werden. Bislang habe er solche Fälle aber kaum erlebt. In den meisten Fällen würden die betroffenen Personen keine Anzeige tätigen. „Es kann aber auch von Amtswegen ermittelt werden. Die Polizei ist verpflichtet, jedem Hinweis nachzugehen – auch wenn dieser anonym erfolgt.“ Zur Zeit spiele vor allem Volksverhetzung eine große Rolle. „Den Leuten ist oft nicht bewusst, dass sie sich strafbar machen. Dazu müssen sie aber nur einen Beitrag teilen, in dem sehr boshafte Äußerungen über – zum Beispiel – Flüchtlinge stehen.“

 Auch die Betreiber von Facebook-Gruppen sehe er in der Pflicht. Zwar hätten diese meist einen Haftungsausschluss, nach einer gewissen Zeit müssten sie aber dennoch auf radikale Beiträge reagieren. Vor seinen eigens geführten Prozessen sehe Jens Richter sich sehr häufig auch die Facebook-Seiten von Angeklagten an, wie er sagte. „Wenn ich dann lese, dass sie öffentlich sowas posten wie: ‘Den Richter-Idioten kriege ich morgen schon rum‘, konfrontiere ich sie gerne damit und frage nach, wie es um ihre guten Absichten tatsächlich gestellt ist.“

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