Selbstversuch: Meditativer Tanzabend

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Die Teilnehmer formieren mit ihrer Kerze in der Hand einen Kreis. Wenn sie tanzen, stellen sie die Kerze vor sich ab.

Neuenrade - „Sei offen für Neues!“, das habe ich mir immer wieder gesagt, als ich zum ersten Mal am meditativen Tanzabend in Neuenrade teilnahm. So lasse ich mich kurzerhand auf diesen Selbstversuch ein. Ich fahre am Montagabend mit einem mulmigen Gefühl los. Ich bin hin und hergerissen, da ich auf der einen Seite gerne Musik mag, auf der anderen Seite aber gar nicht weiß, was auf mich zukommt und wie ich aufgenommen werde. Denn bislang habe ich keinerlei Erfahrungen mit Meditation.

Als ich hereinkomme, empfangen mich alle Anwesenden freundlich und ich fühle mich gleich wohl. Zu meiner großen Überraschung bin ich gar nicht die Jüngste. Auch die Tatsache, dass Männer mitmachen, habe ich nicht erwartet. Kursleiterin Anne Kaschner baut etliche Kerzen zu einem Kreis auf. In jeder Stunde gibt es eine „Mitte“. Dieser Kerzenkreis hat etwas Angenehmes an sich und wirkt auf mich sehr beruhigend. Ich bin nicht die einzige, die zum ersten Mal dort ist, und merke sehr schnell, dass meine Aufregung unbegründet ist.

Zu Beginn gibt es für alle ein eigenes Licht, das wir zum Lied „Entzünde das Feuer“ an der großen Kerze in der Mitte anzünden. Jeder für sich selbst. Wir stellen uns um die Mitte herum im Kreis auf und stellen die Lichter ab. Dann fangen wir an, unterschiedliche Tänze mit verschiedenen Schrittfolgen rund um die Mitte zu tanzen. Darunter sind der Lichtertanz, der Quellentanz, das griechische Gebet oder das Magnifikat. Das Magnifikat tanzen allerdings nur erfahrene Tänzer. Mal fassen wir uns an den Händen, viele schließen die Augen, andere singen den Text mit oder summen die Melodie der Lieder. Ich selber kann mir die Schrittfolgen sehr gut merken. Ein Schritt nach vorne, zwei zur Seite. Ich lasse mich fallen, die Klänge beruhigen mich. Ich bin mit meinen Gedanken ganz bei mir.

Annette Kaschner leitet zwei Mal im Monat den meditativen Tanzabend im Familienzentrum Hummelnest.

Die Lieder, die die Tänze begleiten, sind mir zum Teil durchaus bekannt – wie etwa „Canon in D“ von Johann Pachelbel, „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ von Dierich Bonhoeffer oder ein Stück aus der Oper Hänsel und Gretel.

Meine Gedanken schweifen ab und ich lasse den alltäglichen Stress hinter mir. Wenn ich in die Runde schaue, merke ich, dass jeder den Blick auf seine Kerze und die flackernden Flammen richtet. Keiner achtet auf seinen Nachbarn. Keinen interessiert es, ob sein Gegenüber einen Fehler beim Tanzen macht. Alle wirken ruhig, entspannt und nur mit sich beschäftigt. Denn, um seine innere Ruhe zu finden, sei eine lockere Körperhaltung wichtig.

Ich merke, dass die Musik mich trägt und mir das Umfeld in diesem Moment egal ist. Ich bin so sehr mit mir beschäftigt, dass alles andere unwichtig und bedeutungslos wirkt. Entspannung macht sich in mir breit und ich fühle mich leicht. Nach jedem zweiten Tanz machen wir eine kurze Pause. Ich höre mir das Gebet einer Kerze, ein Gedicht und die Geschichte vom betenden Gaukler an. Diese bleibt mir besonders in Erinnerung, da sie erzählt, dass jeder Mensch auf seine eigene Art und Weise glaubt und betet. Für mich ist klar: Anders heißt nicht unbedingt schlecht.

Doch ich habe mich nicht bei allen Tänzen wohl gefühlt. Der Quellentanz etwa war eine Folge von Schritten, mit denen ich mich weder anfreunden, noch identifizieren konnte. Ich hatte das Gefühl, dass es hier sehr intensiv in die esoterische Richtung geht. Es geht um Schöpfen, Segnen und Verteilen. Die dazugehörigen Bewegungen schaffen ein unwohles Gefühl in mir. Einen kurzen Moment überlege ich, mich zurückzuziehen und für diesen Tanz aus der Runde auszuklinken. Doch dann beschließe ich, tapfer zu sein und breche nicht ab. Annette Kaschner sagt, dass es immer mal wieder vorkommen kann, dass man sich unwohl fühlt bei verschiedenen Tänzen. Dann soll ich meinem Körper in dem Moment auch die Pause gönnen.

Bei jedem Tanzabend gibt es auch immer eine „Mitte“.

Am Ende der Stunde sagt jeder Teilnehmer mit einem Wort, wie er sich fühlt: Gemeinschaft, Schön, Harmonie, Verliebt, Romantisch. Ich entscheide mich für „Neues“, da ich mich auf etwas ganz Neues eingelassen habe. Viele sind von dem meditativen Tanz begeistert und können sich vorstellen, auch in Zukunft mitzumachen. Auch die Neuenraderin Anne Malzer, die zum ersten Mal dabei war: „Mit Licht berührt zu werden und in der dunklen Jahreszeit Gemeinschaft zu erleben, ist etwas Wunderbares.“

Nach einem stressigen Tag ist es sicherlich angenehm, auf diese Art und Weise abzuschalten. Wer auf der Suche nach Ruhe, Wärme und Harmonie ist, sollt es ausprobieren. Obwohl ich auch unangenehme Erfahrungen gemacht habe, überwiegen für mich die positiven Erlebnisse des Abends. Ich sollte nicht vorschnell urteilen, sondern eigene Erfahrungen sammeln.

Meditativer Tanz

Meditativer Tanz wird von Menschen zelebriert, die Freude an der Musik und an Gemeinschaft haben. Meditation bedeutet sinngemäß etwa „zur Mitte ausrichten“, aber auch achtsam sich selbst gegenüber zu sein. Annette Kaschner leitet diese Tanzabende seit fünf Jahren. Sie finden jeden ersten und dritten Montag im Monat im Familienzentrum Hummelnest statt. Auf mehrfachen Wunsch wird der Tanzabend im evangelischen Gemeindehaus angeboten, da dort mehr Raum zur Verfügung steht und eine andere Atmosphäre geschaffen werden kann. Bei Rückfragen und Interesse ist Annette Kaschner unter der Rufnummer 0 23 94 / 14 60 erreichbar.

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